Google Desktop 2 Manager, Helfer und Spion zugleich

Mit einer neuen Suchsoftware für den Desktop will Google PC-Benutzern das Leben erleichtern. Wer's besonders bequem mag, lässt jede Aktion von dem Programm protokollieren. Der Computer weiß so, was den Surfer interessiert und was nicht - Google bekommt umfassende Nutzerprofile.

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Google Sidebar mit Quick Find: Gefüllt mit praktischen Widgets

Google Sidebar mit Quick Find: Gefüllt mit praktischen Widgets

Das Betriebssystem Mac OS X hat sie bereits, das neue Windows Vista soll sie haben: eine intelligente Suchfunktion, die alles findet, sei es ein Programm, eine E-Mail oder ein Worddokument. Jetzt gibt es eine solche universelle Anlaufstelle auch aus dem Hause Google - als Teil der neuen Desktop-Suche.

Quick Find heißt die Google-Funktion, die bei Apples System Tiger unter dem Namen Spotlight firmiert. Das Prinzip ist einfach: Man tippt zum Beispiel die Buchstaben Wor in das kleine Suchfenster in der Windowsleiste ein, und sofort öffnet sich eine Trefferliste, die unter anderem Word (oder Wordpad) enthält - aber auch Dateien, die beispielsweise den Begriff "Wort" enthalten. Mit einem Klick lässt sich Word starten, oder eben die Excel-Datei mit "Wort" im Tabellenkopf - sehr praktisch.

Der Benutzer muss sich also nicht mehr umständlich durch das Windows-Startmenü hangeln, um etwa das Bildbearbeitungsprogramm Paint zu starten. Keine Frage: Google macht sich immer mehr auf dem Desktop breit. Bei Microsoft dürfte die neue Desktop-Suche nicht gerade Begeisterungsstürme auslösen - schließlich bietet sie jetzt schon Funktionen für Windows XP und 2000, mit denen das neue Windows Vista im nächsten Jahr punkten soll. Wozu brauche ich das neue Windows überhaupt, könnten sich manche PC-Besitzer fragen.

Wie in der Vorgängerversion auch, durchstöbert Googles Desktopsuchprogramm ständig die eigene Festplatte, um den Suchindex aktuell zu halten. Auf die Desktopsuche wird wie gehabt über den Browser zugegriffen: Oberhalb der Eingabezeile für die Suchbegriffe erscheint neben Web, Images und News der zusätzliche Punkt Desktop.

Festplatte im Griff dank Volltextsuche

Um schneller zum Ziel zu kommen, kann der Benutzer jetzt auch ausschließlich nach bestimmten Dateitypen fahnden, etwa mit den Endungen doc, txt, html oder mp3 - sehr hilfreich, vor allem bei Tausenden Dokumenten.

Erweitert hat Google auch das automatisch geführte Tagebuch über das, was der Nutzer am PC so treibt. Wer sich vor der Frage beim Abendessen fürchtet "Schatz, was hast du heute so gemacht?", dem könnte Google Desktop helfen. Statt irgendwas von Präsentation, Webrecherche oder E-Mails zu stammeln, schiebt man einfach wortlos den Laptop rüber.

Google Desktop: Gezielt nach Dateitypen suchen

Google Desktop: Gezielt nach Dateitypen suchen

Google Desktop dokumentiert nämlich punktgenau, wann der PC-Benutzer was getan hat: Webseite X laden, Word-Dokument Y bearbeiten, E-Mail an Z schreiben - all das findet sich im Browserfenster wieder. "Browse Timeline" heißt der Befehl, der rechts neben dem Search-Button im Browser zu finden ist. Google merkt sich nicht nur die aktuellen Tagesaktivitäten, sondern auch alle der Vortage - und zwar von dem Tag an, an dem das Programm installiert ist.

Eine mitunter praktische, aber auch beängstigende Funktion.

Die Desktopsuche kann jedoch weit mehr als Dateien finden und Programme öffnen. Google ist auch auf den Trend sogenannter Widgets aufgesprungen - kleine Programme für den Desktop, die beispielsweise Temperaturen, Aktienkurse oder News einblenden.

Das Konzept ist nicht wirklich neu, früher hießen solche Progrämmchen TSR oder PIM. Widgets gibt es für Windows, Mac OS und Linux/Unix. Der Begriff Widget setzt sich aus "Windows" und "Gadgets" zusammen - wobei mit Windows nicht das Microsoft-Betriebsystem sondern "X Windows" aus der Unix-Welt gemeint ist.

Google-Server is watching you

In der abschaltbaren Sidebar, die zur Desktopsuche gehört, lassen sich verschiedene Widgets einbinden. Eines zeigt zum Beispiel Bilder an, die man gerade bearbeitet oder im Web auf Webseiten gesehen hat - eine Diashow im Briefmarkenformat. Ein anderes fungiert als Nachrichtenticker und holt sich Schlagzeilen aus RSS-Feeds.

Google will den Surfer jedoch nicht mit dem Konfigurieren eines RSS-Readers belästigen. Das Programm merkt sich einfach, auf welchen Seiten der Surfer üblicherweise unterwegs ist. Wenn diese einen RSS-Feed anbieten, dann wird die besuchte Seite automatisch als Quelle für Nachrichten vermerkt.

"Wir wollen, dass sich die Leute zurücklehnen und schauen können, wie das Web zu ihnen kommt", sagte Nikhil Bhatla, Produktmanager des Google Desktops, der Nachrichtenagentur Reuters. Wer nicht mit Meldungen über Bombenanschläge aus dem Irak behelligt werden will, klickt die Schlagzeile im Newskasten mit der rechten Maus an und wählt "Don't show me items like this" - zeige mir solche Artikel nicht - fortan sollen derartige Meldungen dann nicht mehr erscheinen. So kann man sich seine heile Welt am PC basteln.

Die automatisch generierten News sind jedoch kein Zwang: Wer nur RSS-Feeds seiner Wahl zu sehen bekommen will, kann diese manuell auswählen.

Automatische Nachrichten angepasst auf die Vorlieben des PC-Besitzers erfordern natürlich Surfstatistiken. Das Google-Programm schaut dezent beim Surfen über die Schulter, und überträgt diese Daten zu Google, sofern man diese Option nicht ausdrücklich abgewählt hat. Der Surfstatistik entnimmt der Google-Server, was den Menschen am anderen Ende der Leitung tatsächlich interessiert.

Den Namen des Nutzers erfährt Google so normalerweise nicht, denn der Surfer wird allein an der ID des Cookies identifiziert. Umfassende Surfprofile bekommt das Unternehmen trotzdem frei Haus - theoretisch könnte Google so Tipps der Sorte geben "Wer Seite X besucht, liest auch häufig Y". Wer das nicht mag, kann das Übertragen der Surfstatistik jedoch einfach abschalten.

Die Sidebar, das Pendant unter Mac OS X Tiger heißt Dashboard, lässt sich beliebig um Widgets erweitern und mit einem Mauklick zu einer sogenannten Deskbar verkleinern, die entweder in der Windowsleiste sitzt oder frei auf dem Desktop.

Schade, dass es Googles Desktop-Suche derzeit nur in englischer Version gibt. Nützlich ist das Programm auf jeden Fall. Es empfiehlt sich allerdings, nicht zu viele Widgets gleichzeitig zu installieren. Denn sonst ist es mit der Übersichtlichkeit, die Google Desktop schaffen soll, schnell vorbei.



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