Google talk Windbeutel sind lecker, aber hohl

Man hat sich daran gewöhnt: Jedesmal, wenn jemand bei Google vernehmlich hüstelt, zuckt die Presse und schreibt bereitwillig über die neueste Innovation des IT-Hauses. Selbst dann, wenn es eigentlich keine ist.

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Google-Gründer Sergey Brin, Larry Page (l.): Jedes Google-Projekt ist nun wichtig
DPA

Google-Gründer Sergey Brin, Larry Page (l.): Jedes Google-Projekt ist nun wichtig

Merke auf, oh IT-Welt: Google betreibt nun auch einen Instant Messaging-Service. Die Betonung sollte hier auf "auch" liegen, denn allein sind die pfiffigen Googleaner damit ja nicht gerade: Von AOL über MSN bis Yahoo tummeln sich die großen Konkurrenten schon seit Jahren im Marktsegment, daneben "pingen" noch zahlreiche kleinere Dienste und Multichannel-Programme, die die verschiedenenen Services zusammenführen wollen.

Eine Nachricht war der Start von Google talk aber trotz alledem. Seit Google-Aktien an der Börse gehandelt werden, ist alles, was Google unternimmt, eine Nachricht - nicht zuletzt, weil die einst beliebteste Marke im Web zunehmend kritisch beobachtet wird. Google News, die Nachrichten-Sammelseite der Suchmaschine, zählt nach knapp 48 Stunden im englischen Dienst 646 Veröffentlichungen zum Thema, in Deutschland gab es mindestens 150 Berichte. Wenn Google was zu melden hat, nimmt man das halt gern auf - SPIEGEL ONLINE macht da keine Ausnahme.

Tatsächlich ist der "talk"-Engine ja durchaus von einer gewissen Wichtigkeit, zumindest im Kontext von Googles Business-Strategien. Dass er in seiner jetzt vorliegenden Form aber jemals eine große Geige spielen wird, darf man getrost bezweifeln, und dafür gibt es zwei triftige Gründe:

  • er kann nichts, was die anderen nicht auch könnten
  • er kann so einiges nicht, das die Konkurrenz durchaus zu bieten hat
Dass Google talk etwa Internet-Telefonie anbietet, ist heute keine Nachricht mehr, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Das können alle großen Konkurrenten auch. Google betont die superbe Soundqualität seiner Sprechverbindungen, was ja sein mag. Das ändert aber nichts daran, dass man mit Google talk nur von PC zu PC sprechen kann, und das (zumindest bisher) auch nur innerhalb des Pools der Google-talk- und Gmail-Nutzer.

Nicht für jedermann

Yahoo und AOL (und natürlich Skype) können da mehr, und sie sind zudem einfacher erhältlich: Google talk kann man nämlich nicht einfach herunterladen und nutzen, sondern nur dann, wenn man bereits über einen Gmail-Account verfügt.

Den wiederum bekommt man, indem man von einem Gmail-"Besitzer" eingeladen wird, und genau so funktioniert das dann auch bei Google talk. Immerhin sind die beiden Dienste bequem miteinander verbunden: Es gibt Schnittstellen in beide Richtungen, und Einträge im Gmail-Adressbuch werden automatisch zu "Buddys" im Messenger, sobald sie sich einen Google-talk-Account zugelegt haben.

Google-talk-Webseite: Nutzer wird nur, wer eingeladen wird

Google-talk-Webseite: Nutzer wird nur, wer eingeladen wird

Bei Gmail sorgt diese Anmeldeprozedur per "Empfehlung" oder Einladung für einen Hauch Exklusivität. Google begründet diese Vorgehensweise damit, sich die Google-Dienste sauber halten zu wollen: So soll verhindert werden, dass Spammer unter der Google-Marke segeln, wie es beispielsweise Microsoft mit seiner Hotmail-Marke jahrelang erleben musste.

Doch auf dem Markt der Messenger dürfte der Umstand, nur über Umwege überhaupt zu einem Account kommen zu können, so einigen Erfolg verhindern. Was will man mehr von einem Instant Messenger, als so unkompliziert wie möglich mit einem möglichst großen Pool von Kontakten kommunizieren zu können?

Interessant: Was "talk" alles nicht kann

Nun, vielleicht will man das auch in Konferenzschaltungen: Skype schafft das mit Bravour. Textbasierte Gruppenchats bekommt man mit den Programmen aller großen Google-Konkurrenten ganz prächtig organisiert, bei Google talk ist das nicht drin. Bemerkenswerter als Google talks Fähigkeiten scheint darum die Liste der Dinge, die Google talk nicht kann.

Auf der findet sich dann nicht nur die Telefonie vom PC ins Telefonnetz (bei AOL und Yahoo möglich), sondern auch das Tauschen von Dateien (können alle außer Google). Die Software bietet Google nur für Windows-Systeme an, bindet Apple- und Linux-User aber über alternative Clients ein. An den in Aussicht gestellten Kompatibilitäten mit weiteren Programmen werde gearbeitet.

Video-Chats bieten unter anderem die Clients von AOL und MSN (Google dagegen nicht). Dass man bei Google talk keine SMS an Mobiltelefone verschicken kann (ist bei den "großen Drei" möglich), wirkt wie das Fehlen diverser anderer kleiner Gimmicks, die manche Anbieter zu offerieren haben, weniger befremdlich als das Fehlen der einen Funktion, die man bei Google talk auf jeden Fall erwartet hätte: Die Möglichkeit der Suche (Suchen kann man nur Kontakte im Gmail-Kundenpool), zumindest aber eine kleine Schnittstelle zu Google selbst.

Das Ganze wirkt dann am Ende doch eher wie eine verfrühte, oder aber wie die Veröffentlichung eines "Pflicht-Produktes".

Ganz schön nackt: Frisch angelegter Test-Account

Ganz schön nackt: Frisch angelegter Test-Account

Davon, dass Google mit dieser Software nun auch den wichtigen Markt der Messaging-Dienste attackiere, kann daher wohl kaum die Rede sein. Google talk sieht lecker aus, ist aber hohl wie ein Windbeutel ohne Sahne: Die Konkurrenz bietet klar mehr.

Vor allem aber verfügt sie über einen satten Vorsprung.

Nutzerzahlen ist in diesem Markt zwar grundsätzlich nicht zu glauben (je nachdem, wen man fragt, wird der MSN Messenger so zum Beispiel von zwischen 23 und 150 Millionen Menschen genutzt). Als gesichert darf aber gelten, dass zumindest die großen Drei - AOL, MSN und Yahoo - tatsächlich über aktive Nutzerzahlen in zweistelliger Millionenhöhe verfügen.

Da muss man erst einmal hinkommen. Um hier mitboxen zu können, müsste man also vor allem etwas bieten. Was Google mit "talk" bietet, ist nett - aber im Vergleich zur Konkurrenz wenig. Merke: Manchmal ist es besser, die Kirche im Dorf zu halten. Nicht alles, was Google unternimmt, ist eine große Nachricht.

P.S.: Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland, weist darauf hin, dass sowohl Maildienst als auch Messanger doch Beta-Versionen seien. Das Programm werde sich noch entwickeln und in Zukunft Features bieten, dass "die Konkurrenten die Ohren anlegen" würden.



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