Gratis-Betriebssystem Sugar on a Stick Das zuckersüße Leichtbau-Linux

Spielend lernen und beim Lernen spielen: Sugar, die Software des 100-Dollar-Laptops, ist umgebaut worden. Jetzt läuft das Spezial-Linux auch auf ordinären PC, Macs und Netbooks - per USB-Stick. SPIEGEL ONLINE hat es ausprobiert.

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Lernen soll einfach sein und Spaß machen. So simpel lässt sich die Grundidee von Sugar zusammenfassen. Ursprünglich nur für die Verwendung mit dem 100-Dollar-PC gedacht, gibt es die schülerfreundliche Betriebssystemoberfläche jetzt auch als kostenlosen Download für Windows-PC, Macs und Linux-Rechner. Das Beste dabei: Das komplette Betriebssystem kann samt Open-Source-Lernsoftware auf einem beliebigen USB-Stick installiert und von dort auf fast jedem Computer gestartet werden.

Denn hinter Sugar verbirgt sich ein komplettes Fedora-Linux-Betriebssystem. Und das lässt sich so anpassen, dass es mit sehr unterschiedlicher Hardware klar kommt, egal ob diese von Toshiba, Dell oder Apple kommt. Eben weil es so flexibel ist und komplett auf Open-Source-Technik basiert, wurde es auch für das 100-Dollar-Laptop ausgewählt. Das aber kann man als Normalsterblicher gar nicht kaufen. Zweimal verkaufte die Organisation die Geräte im Rahmen des Give-1-Get-1-Programms für je 399 Dollar auch an Privatpersonen, verschickte sie jedoch nur an Empfänger in Amerika.

Jetzt endlich kann man die süße Software auch auf seinem Privatrechner ausprobieren, ganz ohne OLPC und 100-Dollar-Laptop. Möglich macht's die Firma Sugar Labs, deren Chef, Walter Bender, bis vor einem Jahr noch Chef-Softwareentwickler für OLPC war. Seit wenigen Tagen steht das originelle Betriebssystem als Sugar on a Stick (SoaS) zum kostenlosen Herunterladen bereit.

Minimale Anforderungen

Was man dafür braucht ist naturgemäß nicht viel, das System ist darauf ausgelegt mit mageren Ressourcen auszukommen. Wichtigstes Utensil ist ein USB-Stick mit mindestens 1 GB Speicherplatz. Sowas bekommt man entweder für deutlich unter zehn Euro oder geschenkt. Und natürlich braucht man einen Computer mit USB-Anschluss und Bildschirm. Viel mehr ist nicht nötig. Weder an die Rechenleistung noch an die Bildschirmauflösung werden besondere Ansprüche gestellt. Es kann also auch gerne ein Alt-PC dafür genommen werden, den schon lange niemand mehr einschalten wollte, weil er für Vista zu schlapp ist.

Die Installation des Systems ist simpel. Sugar Labs bietet ein fertiges Disk-Image der Software zum Herunterladen an. Wie man es mit einem USB-Stick auf unterschiedlichen Rechnern zum Laufen bringt, erklären Anleitungen Schritt für Schritt. Für Standard-PC ist das recht einfach, Mac-User sind etwas stärker gefordert, müssen sie doch zusätzlich zum Stick eine Start-CD brennen. Richtig knifflig wird es, will man das System auf einem virtuellen Rechner ausprobieren, was eigentlich eine gute Idee ist. Auch hierzu gibt es Hilfen und Downloads, versehen mit dem Hinweis, es handele sich noch um experimentelle Versionen, die nicht für ernsthaftes Arbeiten gedacht seien.

Aber zum Arbeiten ist Sugar on a Stick sowieso nicht gedacht. Vielmehr sehen die Entwickler drei ganz andere potentielle Nutzungsgebiete. Zum einen sollen damit Grundschulkinder gemeinsam lernen können, behutsam an den Umgang mit dem Computer gewöhnt werden. Das ist klar und logisch, war ja die ursprüngliche Intention der Entwickler von Sugar und dem 100-Dollar-Laptop. Mittlerweile aber wird SoaS auch als Möglichkeit gesehen, Mittel- und Oberstufenschülern Computerunterricht zu geben, ihnen andere PC-Plattformen und den Umgang damit näher zu bringen. Speziell dafür gibt es auch Sugar-Programme, die spielerisch Grundlagen der PC-Technik und der Programmierung vermitteln.

Und nicht zu vergessen: SoaS soll auf Bildungskonferenzen genutzt werden, um deren Teilnehmer auf einfache Weise miteinander zu vernetzen. Das hätte zum einen den Vorteil, dass die Teilnehmer während der Konferenzen besser miteinander digital kommunizieren könnten. Ganz nebenbei aber würde eine solche Sugar-unterstützte Konferenz zur Sugar-Werbeveranstaltung, auf der auch PC-Laien - davon soll es im Bildungsbereich ja einige geben - mit der Software in Kontakt kämen. Dank SoaS wäre so etwas leicht zu realisieren, indem man einfach jedem Konferenzteilnehmer einen Stick mit der Software ins Gepäck legt.

Beim Ausprobieren in der Redaktion war Sugar problemlos auf verschiedenen PC und Notebooks zum Laufen zu bringen. Schwieriger war der Umgang mit virtuellen PC, die sich zumindest auf einem Redaktions-Laptop zunächst weigerten, die Software zu starten. Schließlich gelang es aber, die Software sowohl im kostenlosen vmware-Player als auch in der VirtualBox von Sun zum Laufen zu bringen. Der zusätzliche Aufwand lohnt sich durchaus, weil für die virtuellen Maschinen angepasste Sugar-Varianten aus dem Netz ladbar sind, die bereits mit etlichen Zusatzprogrammen versehen wurden.

Besonders aktive Programme - Activities

Nach dem gelungenen Sugar-Start will sich zunächst aber keine rechte Begeisterung einstellen. Ganz so simpel, wie man es sich vorstellt, ist die Software nicht zu bedienen. Zumindest nicht für jemanden, der sich jahrelang an Systeme wie Windows, Linux und Mac OS gewöhnt hat. Das mag allerdings daran liegen, dass Sugar versucht, mit den üblichen PC-Metaphern zu brechen. So etwas wie einen Desktop oder Menüleisten gibt es nicht.

Stattdessen beginnt alles mit einem Startbildschirm, auf dem die Symbole der installierten Programme ringförmig angeordnet sind und per Mausklick gestartet werden. Das ist hübsch, hat aber einen Nachteil: Je mehr Programme man installiert, umso kleiner werden die Symbole. Es muss ja alles in den Kreis passen, dessen Radius durch den Bildschirm begrenzt ist. Und Zusatzsoftware, bei Sugar Activities (Aktivitäten) genannt, gibt es reichlich. Auch Sugar Labs hält einige davon vor und gibt Tipps, wie weitere Linux-Software in Sugar genutzt werden kann.

Reichlich Tamtam

Die allerdings sind von unterschiedlicher Tiefe. So zeigt die Aktivität "Mond" neben einem Bild des Erdtrabanten zwar einige interessante Fakten an, mehr aber auch nicht. Mehr als ein Ausgleich dafür sind wiederum Programme wie Turtle, das Roboterfunktionen simuliert und verschiedene Derivate der Musiksoftware Tamtam. Manche davon sind allerdings ausgesprochen erklärungsbedürftig und ohne Vorwissen kaum bedienbar.

Spaß machen Sugars Aktivitäten trotzdem. Allein das großartige Musikprogramm Tamtam ist es Wert, Sugar einmal testweise auf einem Stick zu laden. Und wenn man wirklich einmal Hilfe braucht, gibt es die zuhauf im Netz. Sowohl auf den Web-Seiten des OLPC als auch auf denen von Sugar Labs, vor allem aber auf der Anleitungsseite Floss Manuals, die sich ausgiebig allen Aspekten von Sugar widmet.

Derart informiert, macht die zweite Runde mit dem Sugar-Stick gleich doppelt Spaß. Ausprobieren!



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