Greenpeace-Kritik an Apple: "Apple hat die grüne Welle verschlafen"

Greenpeace stellt mit Vorliebe Apple an den Pranger - wegen umweltschädlicher IT-Produkte. Gerd Leipold, Chef der Umweltaktivisten, erklärt im Interview, warum seine Leute den Steve-Jobs-Konzern als Negativbeispiel nehmen, auch wenn andere noch mehr Dreck produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Leipold, was haben Sie eigentlich gegen Apple?

Gerd Leipold: Wir haben Apple bloß beim Wort genommen. Sie wollen die Besten sein, nicht irgendjemand. Das mag für die Innovation und das Design ihrer Produkte stimmen. Aber beim Umweltschutz ist das Unternehmen bestenfalls durchschnittlich.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt wahrlich größere Umweltsünder.

Greenpeace und Apple sind sich nicht grün: Protest der Umweltaktivisten vor dem Apple-Laden in Manhattan
REUTERS

Greenpeace und Apple sind sich nicht grün: Protest der Umweltaktivisten vor dem Apple-Laden in Manhattan

Leipold: Klar, wir führen ja auch verschiedene Kampagnen wie Klima, Wald, Meere und Gentechnologie. Die Kampagne für eine grünere Elektronikindustrie war anfangs kein Schwerpunkt. Im Visier standen und stehen alle Elektronikhersteller. Dabei machten wir uns den Wettbewerb zunutze. So hat beispielsweise die Firma Dell, die in einem harten Konkurrenzkampf mit HP steckt, relativ schnell auf unsere Kritik reagiert. Und sich verpflichtet, auf bromierte Flammschutzmittel zu verzichten. Natürlich haben das die anderen Hersteller mitbekommen. Nur eben Apple nicht. Aber arrogant wie Apple eben manchmal ist, ignorierte man unsere Forderungen.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile kommt das neue MacBook Air ohne Quecksilber, Arsen und mit weniger PVC aus ...

Leipold: ... und Steve Jobs hat in seiner Keynote vom Anfang des Jahres das Thema Umweltschutz angesprochen. Dahinter steckt ein Lernprozess. Ich hatte letztes Jahr mit Jobs ein denkwürdiges Zusammentreffen, bei dem wir uns eine Stunde lang gestritten haben. Er ärgerte sich unglaublich, dass wir Apple härter anfassen würden als die anderen. Ich antwortete nur: Wir nehmen euch beim Wort. Ihr wollt die Besten sein? Das seid ihr aber nicht, was die Umweltverträglichkeit angeht.

SPIEGEL ONLINE: Und Jobs?

Leipold: Er wurde sehr, sehr laut, so wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Offensichtlich mag er nicht gerne Kritik hören.

SPIEGEL ONLINE: Nur wegen dieser an sich harmlosen Bemerkung?

Leipold: Ich glaube, Steve Jobs wurde schmerzlich bewusst, dass Apple die grüne Welle verschlafen hatte. Als ich ihm entgegenkommen wollte und sagte, dass sich Apple verbesserte, war das für ihn die größte Beleidigung. Mittelmäßig zu sein, das ist für Apple offenbar das Schlimmste. Und da stimmen wir überein: Apple sollte auch im Umweltschutz Weltklasse sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Kunden kümmert das alles nicht. Das belegt Apples Riesenerfolg.

Leipold: Es mag wohl stimmen, dass etwas weniger PVC oder Flammschutzmittel kein zentrales Kaufargument sind. Aber im heiß umkämpften Elektronikmarkt sind Verschiebungen von ein, zwei Prozent Marktanteil sehr schmerzlich.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich erstaunlich, dass Apple-Fans so gleichgültig sind. Man würde unter ihnen überdurchschnittlich viele Greenpeace-Anhänger erwarten.

Leipold: Wahrscheinlich verdrängte die Begeisterung für Ästhetik und Funktionalität die Umweltproblematik ein wenig. Aber vergessen Sie nicht, dass Greenpeace erst durch die Mobilisierung der Apple-Gemeinde eine Kehrtwende erreichen konnte. Steve Jobs hat über 50.000 E-Mails besorgter Kunden erhalten, die sich künftig grünere Apple-Produkte wünschen. Und inzwischen ist Apple wirklich engagiert, was grüne Produkte angeht.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht wenige Apple-Nutzer haben Greenpeace heftig für ihre Kampagne kritisiert.

Leipold: Stimmt, dadurch entstand eine interessante und viel beachtete Debatte, die unserer Kampagne zum Durchbruch verhalf.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich Firmen wie Apple so schwer mit der Umstellung. Ist es eine Geldfrage?

Leipold: Die Produktion und damit die Geräte können am Anfang ein bisschen teurer sein, aber sobald sie zum Normprodukt werden, spielen die Kosten keine Rolle mehr. Es ist vielmehr eine Willensfrage, ob der Herstellungsprozess entsprechend angepasst wird. Bei Apple hat sich diesbezüglich in den letzten 18 Monaten sehr viel getan. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ein wirklich umweltfreundliches Produkt auf den Markt kommt.

SPIEGEL ONLINE: Von einem Green Mac für Weihnachten ist bereits die Rede ...

Leipold: Die im September vorgestellten iPods haben die schlimmsten Giftstoffe eliminiert. Das ist ein deutlicher Fortschritt. Damit liegt Apple auf der Zielgeraden, bis Ende 2008 sämtliche Produkte von PVC und Flammschutzmitteln zu befreien.

SPIEGEL ONLINE: Bei dieser Umweltdebatte wird vergessen, dass für den Anwender keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr besteht.

Leipold: Das stimmt. Solange man das Gerät nicht öffnet und die Stoffe verbrennt, sind die persönlichen Auswirkungen relativ gering. Aber es geht hier nicht um den Endverbraucher. Wir sagen, dass man Geräte auch so entwickeln und bauen kann, dass sie sich umweltverträglich entsorgen lassen – ohne schädliche Folgen für die Umwelt und für Menschen, die den Elektroschrott verarbeiten. Insofern geht es nicht um einzelne Giftstoffe, sondern um eine Designphilosophie, bei der von Anfang an auf möglichst geringe Umweltschädigung geachtet wird.

SPIEGEL ONLINE: Wer Elektronikgeräte auseinandernimmt und verbrennt, gefährdet sein Leben?

Leipold: Der meiste Elektroschrott wird in Asien oder in Afrika mit immer noch primitivsten Methoden verwertet. Es genügt schon, Rauch vom brennenden Plastik einzuatmen, um die Lunge durch die herumfliegenden Plastikteilchen schwer zu schädigen. Wenn noch PVC respektive Weichmacher und Flammschutzmittel dazukommen, können die Konsequenzen für die Gesundheit schlimm sein.

SPIEGEL ONLINE: In Europa sind alle Verkaufsstellen verpflichtet, gebrauchte Geräte zurückzunehmen. Damit ist das Problem doch weitgehend gelöst.

Leipold: Sollte es sein, ist es aber nicht. Zu oft landet der Elektroschrott in den Händen von Händlern, die ihn nach Asien oder Afrika exportieren. Ein ständig steigendes Problem sind die boomenden Märkte in den Schwellenländern. In China werden die wenigsten Geräte fachgerecht entsorgt.

SPIEGEL ONLINE: Landet denn deutscher Elektroschrott illegalerweise in ausländischen Deponien?

Leipold: Aus Europa weniger als aus den USA, aber es passiert auch mit europäischem Elektroschrott immer noch zu häufig.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Leipold: Ein Greenpeace-Team hat diesen Sommer in Ghana deutschen Elektroschrott gefunden.

Die Fragen stellte Michael Soukup

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