Grünes Internet: Wieviel CO2 Avatare ausatmen

Von Helmut Merschmann

Die IT-Branche hat einen Umweltsünder ausgemacht: sich selbst. Nun will man für Nachhaltigkeit sorgen. Der Energieaufwand soll gesenkt, Geräte besser ausgelastet und recycelbar werden. Doch die Branche wächst zu schnell für die eigenen hehren Pläne.

Es fängt im Kleinen an. Bei einer Google-Suchanfrage. Etwa acht Wattstunden Strom benötigt die Suchmaschine, um den User daheim am Rechner mit einer Ergebnisliste zu versorgen. Die Suchanfrage wird dabei durch ein Cluster von knapp 32.000 Servern geschleust, die insgesamt 150 Megawattstunden Energie pro Tag verschlingen und zusammen mit anderen Clustern Googles Stromrechnung auf insgesamt eine Milliarde Dollar im Jahr anschwellen lassen.

Second-Life-Avatar: Produziert im Jahr so viel CO 2  wie ein Mensch in drei Monaten

Second-Life-Avatar: Produziert im Jahr so viel CO2 wie ein Mensch in drei Monaten

Und das gilt noch als sehr effizient. "Google-Server setzen den Strom zu 93 Prozent in Suchanfragen um", erläuterte Rolf Kersten, Nachhaltigkeitsexperte bei Sun Microsystems, gestern auf der "Sustainable-IT"-Konferenz in Berlin.

Auch eine einzelne eBay-Auktion, die durchschnittlich eine Woche läuft und dabei 30 Wattstunden Strom benötigt, liegt gut im Rennen. Der Kohlendioxyd-Ausstoß beträgt hier 18 Gramm. Dagegen hat ein Avatar in "Second Life" weitaus größeren Appetit. Die Firma Linden Lab betreibt zurzeit 2000 Server, um 36.000 Nutzern gleichzeitig ein zweites Leben zu ermöglichen. Ein einziger Avatar kommt dabei auf 195 Kilowattstunden Strom im Jahr. Das sind 120 Kilogramm CO2. "So viel wie ein Mensch in drei Monaten ausatmet", rechnet Rolf Kersten vor.

Drei Monatsrationen CO2 pro Avatar

Kein Wunder, dass die IT-Branche langsam das große Gruseln lernt. Laut dem Marktforschungsinstitut Gartner ist sie für zwei Prozent der weltweiten CO2-Emission verantwortlich, was etwa dem Ausstoß des internationalen Luftverkehrs entspricht. Andere Studien gehen von bis zu sechs Prozent aus. Bereits im Jahr 2005 wurden für den weltweiten Strombedarf des Internets und der daran angeschlossenen Datenzentren zwanzig Tausend-Megawatt-Kraftwerke benötigt. Laut Öko-Institut Freiburg entspricht dies einer Verdopplung seit der Jahrtausendwende. Tendenz steigend.

Um sich nicht vom Gesetzgeber in die Pflicht nehmen zu lassen, machen sich inzwischen Hard- und Software-Hersteller, Datenzentren und Webhoster, IT-Verbände und Telekommunikationsfirmen vermehrt Gedanken darüber, wie Ressourcen geschont und Geräte recycelt werden können. Klimaschutzziele und ökologische Fußabdrücke gehören nun zu ihrem Standardvokabular. Auf der nächsten CeBIT soll "Green IT" einen Schwerpunkt bilden. Sogar Greenpeace macht mit: Seit neuestem bietet die Umweltschutzorganisation "atomstromfreies Internet" an - ein etwas zu vollmundiges Versprechen. Immerhin kann man über Greenpeace nun E-Mails von ökostrom-betriebenen Servern verschicken.

Wegweiser für "grüne Unternehmen"

Unternehmen wie Cisco legen sich derweil mächtig ins Zeug, um der gesamten Branche ein grünes Image zu verpassen. Den Worten von Cisco-Marketingdirektor Bernd Heinrichs zufolge, könne die gesamte IT-Branche zum "Wegweiser für grüne Unternehmen werden". In Großunternehmen ließen sich Reisekosten mit Videokonferenzsystemen um zwanzig Prozent senken und der CO2-Ausstoß durch effiziente Netzwerk-Technologie um zehn Prozent verringern. Momentan ist Cisco noch für 730.000 Tonnen Kohlendioxid und eine Milliarde Reisekilometer pro Jahr verantwortlich.

Da gibt es viel zu tun. Auf der von Cisco ins Leben gerufenen " Plattform für den Klimaschutz", als deren Schirmherr Alt-Bundesumweltminister Klaus Töpfer fungiert, rühmt sich die Deutsche Telekom CO2-freier Meetings durch "innovative Desktop-Videokonferenzen". Auch die Media-Saturn-Gruppe setzt auf solche "Telepresence"-Systeme, welche zufällig von Cisco angeboten werden, wodurch die gute grüne Sache einen nicht ganz uneigennützigen Anstrich erhält.

Zudem spart die Branche mit Werbung für die heilsbringende Wirkung der eigenen Produkte einen besonders problematischen Punkt aus: Dass ihre Hardware nach wie vor giftige Stoffe enthält, die ein massives Entsorgungsproblem darstellen.

Verhaltenscodex gefordert

Selbstverständlich ist es begrüßenswert, dass der Webhoster Strato in den letzten eineinhalb Jahren durch energieeffiziente Geräte und bessere Gebäudetechnik ein Drittel der Energiekosten pro Kunden einsparen konnte. Ebenso wie Stratos Umstieg auf "grünen Strom" durch Wasserkraft ab 2008. Dabei handelt es sich aber um Einzelinitiativen.

Die IT-Branche insgesamt ist weit von einem verbindlichen Verhaltenskodex entfernt. Mit dem Electronic Industry Code of Conduct ( EICC), der für Transparenz in der Zuliefererkette wirbt, geht jedenfalls keine Selbstverpflichtung einher. Alle Informationen beruhen auf freiwilliger Selbstauskunft. Da sind Firmen wie Motorola weiter, bei denen Nachhaltigkeit zu den ethischen Leitlinien zählt.

Ein weiteres Problem ist das starke Branchenwachstum. Es könnte die hehren Klimaschutzziele unterminieren. Schon dieses Jahr wurde mehr Geld für Energie und Kühlung ausgegeben als für die gesamte Geräteproduktion. Die IT-Branche befindet sich in der Zwickmühle: Einerseits propagiert sie das "Digital Living" und wirft unentwegt neue, Strom fressende Geräte auf den Markt. Andererseits fordert sie Nachhaltigkeit ein mit der Losung "Vermeiden, verhindern, verwerten", die der Lobbyverband Bitkom ausgibt.

Darüber hinaus schneiden die Industrieländer beim "digitalen ökologischen Fußabdruck" extrem schlecht ab: Sie leben auf zu großem Fuß. "Es gibt sehr zu denken", sagte unlängst Joachim Lohse, Geschäftsführer des Öko-Instituts, "wenn die virtuellen Aktivitäten eines Europäers im Freizeitbereich mehr Energie und Ressourcen in Anspruch nehmen als die Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse eines Afrikaners".

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