Handy-Novität Palm erfindet das iPhone neu

Was für ein Comeback: Auf der CES hat Palm das Handybetriebssystem web OS und dem Palm pre vorgestellt. Zuschauer und Journalisten sind begeistert, vergleichen das innovative Handy mit Apples iPhone. Nur eine Frage blieb offen.

Aus Las Vegas berichtet


In Las Vegas präsentierte Handyhersteller Palm am Donnerstag (Ortszeit) ein vollkommen neu entwickeltes Handybetriebssystem, das Palm web OS und den Palm pre, das erste Gerät, auf dem die neue Software läuft. Die erste öffentliche Präsentation des neues System geriet zur Fan-Show, löste im Publikum Begeisterungsstürme aus.

Palms neue Hoffnungsträger: Der Palm pre mit web OS - ein Smartphone, das bei Apple gelernt hat
AFP

Palms neue Hoffnungsträger: Der Palm pre mit web OS - ein Smartphone, das bei Apple gelernt hat

Dabei waren die Zweifel im Vorfeld groß gewesen: Schafft Palm den Umschwung? Hält das unter dem Codenamen Nova entwickelte neue Palm-Betriebsystem, was sich Fans und Firma davon erhoffen? Schließlich hatte das Unternehmen, das mit dem ersten PDA, dem Palm Pilot, groß wurde, in den letzten Jahren kontinuierlich Freunde verloren. Das Palm OS war seit Jahren nicht erneuert worden, wirkte altbacken und verbraucht, die neue Software galt als letzte Chance, das Unternehmen zu retten.

Deren Vorstellung aber ließ keine Zweifel aufkommen, das Palm sicher ist, einen Gewinner entwickelt zu haben.

Als im Saal das Licht ausgeht, der Schriftzug "Palm" auf der Leinwand erscheint, brandet enthusiastischer Applaus auf. Solche Zuneigungsgbekundungen kennt man sonst nur von Apple-Veranstaltungen. Aber die erste Person, die die Bühne betritt, kennt man bisher auch von Apple: Es ist Jon Rubinstein, der Mann, der bis 2006 für die Entwicklung der iPods und iMacs verantwortlich war.

Das Ende eines Mexiko-Urlaubs

Offenherzig schildert der Computeringenieur, wie er nach seinem Weggang von Apple nach Mexiko zog, es sich am Strand gutgehen ließ. Bis man ihn überredete, seinen Endlosurlaub an der mexikanischen Küste abzubrechen, zu Palm zu kommen und dem Unternehmen zu helfen, innovative neue Produkte zu erfinden. Und das war keine schlechte Idee, denn was Rubinstein wenig später aus in die Kameras hält, ist nicht nur Palms letzte Chance, in die Handy-Oberliga aufzusteigen.

Es ist der Palm pre, das erste Smartphone, auf dem Palms web OS läuft, ein Betriebssystem, das laut Palm-Geschäftsführer Ed Colligan die Art und Weise, wie man mit Daten in der vernetzten Welt umgeht, vollkommen verändern soll. Schließlich, so Colligan sind vernetzte Mobilgeräte "das nächste große Ding".

Surfen wie auf dem iPhone

Der Palm pre allerdings ist auf den ersten Blick eher ein recht kleines Ding, deutlich schlanker als iPhone, Blackberry und Ähnliches. In seinem Inneren arbeitet der neueste Mobilprozessor von Texas Instruments, und der hat offenbar reichlich zu tun. Denn die grafische Benutzeroberfläche des per Touchscreen gesteuerten Geräts ist noch aufwendiger als die des iPhone – und kann doch auf den ersten Blick begeistern.

Smart: Palms Matias Duarte demonstriert, was der Palm pre alles kann
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Smart: Palms Matias Duarte demonstriert, was der Palm pre alles kann

Wie bei Apples Erfolgshandy wirkt hier alles sehr organisch, Aktionen werden ohne Verzögerung ausgeführt. Beim Scrollen laufen Listen und Webseiten ebenso locker über den Schirm wie beim iPhone. Sogar die Zoomfunktion arbeitet wie bei Apple, wird einfach aktiviert, indem man die Bildschirmanzeige mit zwei Fingern virtuell "aufzieht". Selbst der Browser erinnert an Apples Safari, stellt Web-Seiten ebenso dar wie es ein Rechner-Browser täte, nur kleiner.

Das web OS führt Daten zusammen

Damit sind die Ähnlichkeiten mit dem iPhone aber auch erschöpft, denn zusätzlich zur Touchscreen-Bedienung ist eine Aufschiebe-Tastatur eingebaut. Vor allem aber kann Palms web OS mehrere Programme gleichzeitig ausführen, was beim iPhone nicht geht. Damit man dabei nicht durcheinanderkommt, hat man sich eine Spielkarten-Metapher ausgedacht: Für jedes aktive Programm wird eine solche Karte auf dem Bildschirm angelegt. Zwischen diesen Karten wird wiederum per Fingerzeig gewechselt.

Ein Highlight ist, wie das System mit Daten umgeht. Als Synergy bezeichnet Palm dabei die Methode, mit der das web OS Daten aus unterschiedlichen Quellen übersichtlich zusammenfasst, dabei redundante, also doppelt vorhandene Informationen intelligent ausfiltert. So werden im Adressbuch beispielsweise Infos aus Google neben solchen aus Facebook angezeigt, im Kalender stehen Termine aus dem Google-Kalender neben solchen aus Outlook. Besonders fein: Erinnerungen und Hinweise auf neue Nachrichten erscheinen stets dezent am unteren Bildrand. So stören sie nicht mit nervigen Meldungen.

Der Speicher kann eng werden

Und auch über Details scheint man sch bei Palm Gedanken gemacht zu habe. So werden ungenutzte Zeiten im Kalender grafisch komprimiert, damit mehr Platz für echte Termine bleibt. Im Messenger lassen sich diverse Chat-Dienste vereinen und man kann beim Meinungsaustausch mit Freunden und Kollegen beliebig zwischen E-Mail, Chat und SMS springen.

Neben all diesen Software-Highlights tritt die Hardware des Palm pre etwas in den Hintergrund, obwohl sie nicht zu verachten ist. Anlass zur Kritik bietet höchstens der Speicher, der nur acht Gigabyte groß und nicht erweiterbar ist. Für Musik und Daten mag das reichen, will man aber auch Filme mitnehmen, wird das schnell eng.

Dafür aber lässt sich der Akku leicht austauschen, auf diese Weise wohl auch die Laufzeit verlängern. Bislang nur selten in einem Handy zu finden ist die Bluetooth-Funktion, die nicht nur drahtlos Daten überträgt, sondern auch Musik an kabellose Lautsprecher, Kopfhörer und Autoradios sendet. Dazu passt auch das erste Zubehörgerät, das Palm für den pre anbieten will. Unter dem Titel Touchstone soll es eine Ladestation geben, auf die man das Smartphone einfach auflegt, um den Akku laden zu lassen, ganz ohne Kabel. Auch das ein kleiner Trend der CES: Kabellose Ladegeräte, die Apparate per Induktion laden, sind dort gleich mehrere zu sehen (siehe Bilderstrecke oben).

Und wann geht's los?

Wann man solche Geräte wird kaufen können, ist aber bisher nur sehr grob vorhersehbar. Irgendwann in der ersten Jahreshälfte 2009 soll der pre in den Handel kommen. Ein genaues Datum mochte Ed Colligan nicht nennen, zu viel Arbeit sei bis dahin noch zu erledigen. In den USA wird das Gerät dann vorerst nur beim Mobilnetzbetreiber Sprint zu bekommen sein. Wann Palm das neue Handy in Europa anbieten wird, lässt Colligan noch offen. Und auch über den Preis, der dafür zu zahlen sein wird, schweigt sich der Palm-Chef aus.

Offenbar wollte er erst die Reaktion auf das neue Modell abwarten. Teurer als das iPhone oder das Google-Handy G1 wird es wohl kaum werden.

Aufgrund der großen alten Nutzerbasis, die seit Jahren auf Neues wartet, hat er aber Chancen, beliebter zu werden: Ob die dann aber die vielen tausend Palm-Programme darauf werden nutzen können, die es bis heute gibt, haben Colligan und Rubinstein in ihrer Präsentation vollkommen offen gelassen. Ursprünglich war geplant, den neuen Palm kompatibel zu den alten zu machen. Angesichts der vielen neuen Funktion von web OS muss man aber bezweifeln, ob das tatsächlich möglich war.

Der Palm Pre im Überblick

3G-Mobilfunkanbindung (EVDO Rev. A oder UMTS/HSDPA)
W-Lan 802.11 b/g
Integriertes GPS
3.1-Zoll Touchscreen mit 320x480 Punkten
Aufschiebbare Tastatur
3-Megapixel Digitalkamera mit LED-Blitz
Standard Kopfhöreranschluss (3,5mm)
Bluetooth 2.1 + EDR mit A2DP
8 GB interner Speicher (davon rund 7.4 GB frei verfügbar)
Annäherungssensor, der den Touchscreen und das Display automatisch deaktiviert, wenn das Telefon ans Ohr geführt wird
Lichtsensor, der das Display bei dunkler Umgebung dimmt
Beschleunigungssensor, der Fotos und Internet-Seiten automatisch an die Nutzerperspektive anpasst
Ruftonschalter, für Stummschalten mit nur einem Knopfdruck
Wechselbare Batterie
Abmessungen: 59,57 mm (B) x 100,53 mm (L, geschlossen) x 16,95 mm (T)
Gewicht: rund 135 Gramm

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