Handys und iPods Variation statt Innovation

Neben dem lang angekündigten iTunes-Handy, das Motorola in Kooperation mit Apple entwickelte, stellte Steve Jobs auch einen neuen iPod vor. Mit dem "Nano" bemüht sich Apple weiter um das Konzept "ein iPod für jeden Geschmack". Mit dem Handy auch.

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"Nano": Auch am Mittwoch zog Steve Jobs wieder einen neuen iPod aus der Hosentasche
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"Nano": Auch am Mittwoch zog Steve Jobs wieder einen neuen iPod aus der Hosentasche

Für Apple war das Konzept iPod eine Schicksalsentscheidung: Als sich der Computerbauer aus Cupertino mit dem kleinen Musikplayer auf den Markt der Unterhaltungselektronik vortastete, veränderte dieser Schritt das Unternehmen von Grund auf. Heute ist fraglich, was Konsumenten beim Stichwort "Apple" als erstes einfällt: Computer, iPods oder schlicht "Musik"?

Apple beschert die nicht enden wollende Erfolgsgeschichte des iPod, klug mit der Apple-Software iTunes verbandelt, die wiederum clever an den Apple Musicstore gekoppelt ist, reiche Geldregen und satte Bilanzen. Allein im ersten Quartal 2005 will Apple knapp über sechs Millionen iPods verkauft haben. Der geschäftliche Erfolg des einst reinen Computer-Entwicklers ist heute so abhängig von der Dudelbox, wie Sonys von dem seiner Daddelboxen.

Seit gut zwei Jahren wird das auch bei jeder der Produkt-Präsentationen, die sich Apple wenige Male im Jahr leistet, klar: Kaum noch ein Apple-Event, bei dem Oberguru Steve Jobs nicht auch einen neuen iPod aus der Tasche zöge (oder zumindest Zubehör dafür).

Das war auch am gestrigen Mittwoch nicht anders. Der iPod Nano liegt größenmäßig zwischen iPod Mini und iPod Shuffle und bietet ansonsten - wie zu erwarten war - nicht viel Neues.

iPod bleibt iPod, jetzt gibt es eine Designvariante mehr, deren Besitz für den Kunden per definitionem mehr Prestigewert hat als der Kauf eines Konkurrenzproduktes. Der Nano bietet dem Apple-Musik-Fan zwei bis vier Gigabyte Speicher für 199 bis 249 Euro - dafür bekommt man bei der Konkurrenz bis zu zehnmal mehr Kapazität, mitunter inklusive Video-Fähigkeit.

Schwarz und Weiß: Schick sind iPods immer
AP

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Aber darum geht es ja nicht. Beim iPod geht es um Look und Feel, und tatsächlich sind die "cooler", als bei den pragmatischen bis spacigen Produkten anderer Entwickler. Während die Archos, Creatives oder iRivers, geschweige denn die Hamas, Trekstors, Maxfields oder Yakumos nützliche, Feature-reiche, vielfältig nutzbare und preiswerte Produkte auf den Markt werfen, beschränkt sich Apple weiter auf den Markenkern des iPod, und der sieht so aus: cool aussehende Hülle, klingt gut, ist iTunes-kompatibel, einfach zu bedienen und nicht billig. Punkt.

Auch beim Nano beschränkt sich die Innovation also darauf, aus dem Konzept iPod noch eine kleine Geldmaschine herausgeleiert zu haben. Weil der Nano schicker ist als der Shuffle mit seiner Random-Bedienung und kleiner als der Mini, wird er viele begeisterte Käufer finden. Enttäuschen dürfte manche Appleaner, dass das Unternehmen den Mini durch den Nano ersetzt: Der kühle "Handtaschen-iPod" galt vielen als schickste Variante.

Auch die zweite Produktinnovation, die Jobs am Mittwoch vorstellte, ist eigentlich keine, sondern vielmehr eine -variation.

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Motorola: Das iTunes-Handy

Das iTunes-Handy war von der Fachpresse tatsächlich mit einiger Neugierde erwartet worden. Würde Apple im Verbund mit Motorola den Versuch angehen, den iTunes-Shop tatsächlich zu einem per Handy "ansurfbaren" Downloadshop zu machen?

Mitnichten.

Das Motorola ROKR (sprich: "Rocker") "saugt" sich die iTunes-Dateien per Kabel vom Rechner und ist damit nichts anderes als die Dutzenden von MP3-fähigen Handys auf dem Markt. Weniger noch: Viele von denen sind durchaus in der Lage, über Handy-Downloadshops die Musik direkt über den Äther zu beziehen. Was das ROKR zum "iTunes-Handy" macht, ist allein seine Kompatibilität zu den über den Apple-Musicstore verkauften proprietären Dateiformaten. Das ist, mit Verlaub gesagt, äußerst mickrig.

Dementsprechend durchwachsen sind die Reaktionen selbst in den Apple Fan-Foren: Ein optisch leicht auf Apple-Nähe gebürstetes, mit dem iTunes-Label geschmücktes Motorola-Handy reicht selbst den Aficionados nicht, in Jubelchöre auszubrechen. Echte Zustimmung ist selbst in reinen Fan-Foren kaum zu finden. Im Gegenteil: Von den Foren bei MacTechNews bis zu denen bei MacGuardians häuft sich das harte Fazit "hässlich". Echte Begeisterung über das ROKR zeigen bisher vor allem die Apple- und Motorola-Marketing-Manager.

Schön dünn: der "Nano" misst nur neun mal vier mal 0,69 Zentimeter, wiegt 42 Gramm
DPA

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Vielleicht verfrüht, denn ob es auch künftig noch reicht, das Konzept iPod einfach immer wieder neu zu verpacken, ohne es durch echte Produktinnovation vorwärts zu bringen, wird sich erst noch zeigen müssen. Dass der iPod ein Identitätsstiftendes Gadget, ein dieses Jahrzehnt prägendes Produkt ist, wie das der PC in den Achtzigern und das Modem/Internet in den Neunzigern war, steht dabei völlig außer Frage. Der Kult um Produkte und Konzepte hat aber immer eine begrenzte Halbwertszeit, und irgendwann verlangt auch der Kunde nach mehr, als nur nach immer neuen Variationen bekannter Verkaufsargumente.

Apple variiert das iPod-Motiv, so lange die Kasse rappelt, und das ist der Firma kaum zu verdenken. Der PR-Aufstand rund um ein je nach Geschmack schickes oder hässliches, aber ansonsten wenig innovatives "iTunes-Handy" - letztlich ein Musik-fähiges Handy mit im Vergleich zu Konkurrenzprodukten eingeschränkter Nutzungsmöglichkeit - wirkt aber schon fast demaskierend. Eine neue Zeit des mobilen Musikverkaufs ist da - anders als bei der Eröffnung des Musicstores - eben nicht angebrochen. Apple hat Motorola einen klitzekleinen iPod ins Telefon gebaut. Mehr nicht.

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