Handyviren Der Ernstfall wird wahrscheinlicher

Mit "Cabir" und Duts", den weltweit ersten Viren, die Smartphones befallen, hat ein unbekannter Virenautor nicht nur bewiesen, dass Virenattacken auf Handys möglich sind - er hat auch eine Blaupause für einen solchen Angriff geliefert. Mittelfristig dürfen sich Virenschutz-Unternehmen auf Massen neuer Kunden freuen.


Parasit saugt am Smartphone: (Noch) ein Alptraum, der sehr schnell Wirklichkeit werden könnte
[M]O2/AP

Parasit saugt am Smartphone: (Noch) ein Alptraum, der sehr schnell Wirklichkeit werden könnte

Die Meldungen haben für einen kleinen Schreck gesorgt: Mit "Cabir" und "Duts" sind die ersten Viren für die Handybetriebssysteme Symbian OS und Microsofts Windows CE für Pocket PC aufgetaucht. Allerdings gab es auch gleich Entwarnung, denn beide Viren gehören eher in die Kategorie "Proof of Concept". Die Programmierer der Schadprogramme wollten offenbar keine Daten vernichten oder stehlen. Ihnen ging es vor allem darum zu beweisen, dass sie es könnten. Und dennoch haben sie etwas verändert, denn bösartige Handy-Viren erscheinen nach "Cabir" und "Duts" wesentlich wahrscheinlicher als vorher.

"Die aktuelle Bedrohungslage ist zwar sehr gering", sagt Toralv Dirro, Virenforscher beim Softwarehersteller McAfee. Mit den Viren habe nur jemand beweisen wollen, dass Schadprogramme für Handybetriebssysteme möglich sind. Doch für ganz ungefährlich hält er die Entwicklung dennoch nicht. In vielen Fällen würde Virencode wiederverwendet. Jemand findet den Quellcode des Programms im Internet, entwickelt ihn weiter und richtet dann möglicherweise Schaden an.

Auch Matias Impivaara, Virenspezialist beim Softwareunternehmen F-Secure, warnt: Die ersten Viren hätten die Aufmerksamkeit für das Thema enorm gesteigert. Da Virenschreiber auch immer auf Publicity aus seien, hält er es für wahrscheinlich, dass bald die nächsten Viren für mobile Endgeräte auftauchen.

"Intelligenz": Die Schwäche der neuen Handys

Möglich sind Viren für Handys aus zwei Gründen: Mobiltelefone werden immer leistungsfähiger. In ihrem Funktionsumfang reichen sie inzwischen an das Vermögen von Computern vor ein paar Jahren heran. Sie verwalten Adressen und E-Mails, mit einigen Modellen lassen sich sogar Office-Dokumente bearbeiten. Und auf Geräten, auf denen Symbian OS oder Windows Mobile Edition läuft, lassen sich Programme - und damit auch Viren - installieren.

Darüber hinaus entwickelt sich im Markt eine Software-Situation, die aus dem PC-Bereich bekannt ist. Symbian ist das am weitesten verbreitete Betriebssystem für so genannte Smartphones, also die Handys, mit denen der Nutzer weit mehr tun kann als nur telefonieren. Microsoft spielt eine Nebenrolle - bisher jedenfalls, denn das Unternehmen aus dem US-amerikanischen Redmond drängt mit der Mobile Edition von Windows in den Markt. Weitere Spieler sind kaum in Sicht. Auch Linux setzt sich in diesem Bereich bisher nicht durch.

Für Virenschreiber bedeutet das - eine massenhafte Verbreitung von Smartphones vorausgesetzt -, dass sich ihnen eine große Angriffsfläche bietet. Ebenso wie ein Windows-Virus potenziell alle Windows-Rechner befallen kann, ist ein Symbian-Virus theoretisch für alle Handys mit diesem Mobiltelefon gefährlich.

Obwohl von den ersten Handyviren keine akute Bedrohung ausgeht, raten die Virenexperten zu ersten Vorsichtsmaßnahmen. Vor allem den Kurzstreckenfunk Bluetooth, der inzwischen in viele Telefone eingebaut ist, sollten Anwender nur dann aktivieren, wenn sie tatsächlich Daten zum Beispiel auf den PC übertragen wollen. Matias Impivaara glaubt, dass auch Handys langfristig nur mit Virenschutzsoftware vor Angriffen geschützt werden können. Das wäre ein riesiger Neuer Markt für McAfee, F-Secure, Symantec und andere.

Björn Sievers, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.