Hochauflösende DVDs: Sony und Microsoft unterlaufen Kopierschutz

Aus Los Angeles berichtet

Laufwerke für hochauflösende DVD-Wiedergabe sollen die neuen Spielkonsolen attraktiv machen - Hollywood allerdings dürfte das nicht freuen. Denn die mit viel Aufwand aus dem Boden gestampften Kopierschutzmechanismen werden von den Herstellern zunächst auf Eis gelegt.

Eigentlich sollte alles absolut sicher sein. Ein Hardware-Kopierschutz namens HDCP (siehe Kasten) sollte verhindern, dass hochauflösende Bildsignale von den neuen Super-DVDs am Ausgang abgegriffen und so pirateriefähig gemacht werden - und ein zweiter Mechanismus (AACS) dafür sorgen, dass die Scheiben auch nicht direkt kopiert werden können.

DVD-Nachfolger: Blu-ray und HD DVD vorerst ohne Kopierschutz HDCP
AFP

DVD-Nachfolger: Blu-ray und HD DVD vorerst ohne Kopierschutz HDCP

Hollywood hat viel Arbeit investiert, damit die hochqualitativen Inhalte nicht demnächst in Billigversion aus den Pressen von Filmpiraten strömen - womöglich vergeblich, wie sich jetzt auf der Spielemesse E3 herausgestellt hat. Zumindest der HDCP-Schutz wird vermutlich nicht greifen.

Für HDCP brauchen Abspielgeräte spezielle Ausgänge, die mit eigens eingebauten Verschlüsselungsmechanismen ausgerüstet sind. Zwischen Gerät und HDTV-Fernseher werden die Bilddaten dann geschützt übertragen - ein Abgreifen des digitalen Bilderstroms durch Raubkopierer soll so verhindert werden.

Das Problem für die Spiele-Industrie: Microsofts Xbox-360 bekommt bis Weihnachten zwar ein HD-DVD-Laufwerk als Peripherie-Erweiterung - aber die Konsole hat den sogenannten HDMI-Ausgang, der HDCP unterstützt, gar nicht. Das gleiche wird für die günstigere Version von Sonys Playstation 3 gelten - kein HDMI und damit, ginge es nach Hollywood, auch keine hochauflösende Wiedergabe.

Hinter den Kulissen jedoch hat man sich geeinigt: Bis mindestens 2010, wenn nicht gar 2012, sollen nun doch Signale - zwar analog - aber in voller Auflösung ausgegeben werden können - auch ohne HDMI und HDCP. Ursprünglich war vorgesehen, dass HD-Bilder Abspielgeräte nur digital und per HDCP verschlüsselt verlassen dürfen. Die ebenfalls vorhandenen Analogausgänge der Blu-ray-oder HD-DVD-Player sollten Videos höchstens in reduzierter Auflösung nach außen geben dürfen.

HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
HDTV steht für High Definition Television. Nach den Vorstellungen der Hersteller von Unterhaltungselektronik soll es die alten TV-Standards wie PAL (576 sichtbare Zeilen) und NTSC (USA, 480 Zeilen) ablösen und mit höherer Auflösung und stabilerem Bild das Heimkino schöner machen. HDTV-Inhalte können mit 720 Zeilen im Progressive-Scan-Verfahren dargestellt werden (720p), das heißt, jedes Bild wird bei jedem Durchgang komplett neu aufgebaut. Die Alternative heißt 1080i, hat zwar mehr Bildzeilen zu bieten (nämlich 1080), von denen aber pro Durchgang abwechselnd nur jede zweite neu gezeichnet wird (interlaced-Verfahren, daher das 'i').
Full-HD-Filme, wie man sie in Online-Videotheken wie dem iTunes Store ausleihen oder über die integrierten Blu-ray-Laufwerke einiger Notebooks anschauen könnte, haben eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln. Das Label "HD ready 1080p" besagt, dass das Gerät Vollbilder von 1920 × 1080 Pixeln zeigt.
Das Advanced Access Content System ist ein Kopierschutzsystem, das vor allem auf Wunsch der Filmstudios in Hollywood in alle Laufwerke eingebaut werden soll, die HD-Inhalte abspielen können. Ohne AACS soll man keine hochaufgelösten Filme abspielen können. Kopien sollen nur mit expliziter Erlaubnis des Urhebers gemacht werden können, die man sich zum Beispiel online abholen könnte. Nur so könnte man einen Film dann auch über ein Media Center oder an mobile Geräte streamen. Der Urheber kann aber Kopien auch verbieten oder eine Gebühr verlangen. Um AACS gab es langes Gerangel - denn es gibt noch nicht viele Geräte, die das System überhaupt unterstützen. Eine Interims-Lösung wird den Kopierschutz deshalb nun zunächst zahnlos machen - auch über analoge Ausgänge wird man dann noch HD-Filme ansehen können, obwohl die Studios die Ausgabe lieber gleich auf digitale Ausgänge beschränkt hätten, die mit einem weiteren Schutz namens HDCP versehen sind.
High Bandwidth Digital Content Protection ist eine Art Hardware-Kopierschutz. Auch er soll verhindern, dass hochaufgelöstes Material einfach mitgeschnitten werden kann. HDCP muss im sendenden Gerät, also dem Player oder der Grafikkarte, ebenso eingebaut sein wie im Empfänger, also dem Monitor oder TV-Gerät. Während Fernseher, die das "HD Ready"-Logo tragen, HDCP-fähig sein müssen, sind es viele Monitore und Grafikkarten aber noch nicht. Eine HDMI-Schnittstelle kann immer auch HDCP, eine DVI-Schnittstelle nicht notwendigerweise.
Das High Definition Multimedia Interface soll nach dem Wunsch der Hersteller die generelle Schnittstelle der Zukunft sein, für Musik, Filme und auch die Verbindung zwischen Computer und Monitor. Sie ist standardmäßig mit HDCP ausgestattet - ein Ausgabegerät mit HDMI-Schnittstelle und ein Fernseher mit dem "HD Ready"-Logo sollten gemeinsam also in jedem Fall hochauflösende Filme darstellen können.
Digital Video Interface - die erste digitale Schnittstelle für Video-Inhalte, die aber bereits dabei ist, von HDMI abgelöst zu werden. Manche DVI-Ausgänge sind auch mit HDCP ausgestattet, andere nicht. Besonders bei vielen Grafikkarten fehlt der Hardware-Kopierschutz noch - was zu Problemen bei der Wiedergabe von kopiergeschützten hochauflösenden Filmen führen könnte.

Sowohl Sony als auch Microsoft bestätigten bei der E3 in Los Angeles gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass das Fehlen der entsprechenden Interfaces nicht verhindern wird, dass Blu-ray-DVDs und HD DVDs auch mit voller Auflösung dargestellt werden (sofern ein entsprechender Fernseher vorhanden ist).

Hollywood dürfte das nicht freuen. Besonders bei Sony ist die Situation pikant, ist das Unternehmen doch sowohl Filmstudio als auch Konsolenfabrikant. Sonys oberster Spiele-Entwickler verneinte auf Nachfrage jedoch, dass es im Hause Sony Geschrei gegeben hätte um den Schutz der teuren Filme: Die Datenmengen seien bei den neuen Scheiben ohnehin so groß, dass Piraterie sich nicht lohne. Das einzige Medium, das diese Mengen bewältigen könne, sei schließlich eine entsprechende Blu-ray-Scheibe.

Spätestens wenn die Filmindustrie aber beginnt, die teuer entwickelten Schutzmechanismen auf den DVDs doch einzuschalten, wird es für die Besitzer der Konsolen-Laufwerke ohne entsprechenden Ausgang möglicherweise unmöglich, Filme abzuspielen.

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