Hochauflösendes Fernsehen Scart-Nachfolger HDMI patzt im Test

Die HDMI-Schnittstelle soll den altehrwürdigen Scart-Anschluss beerben. Doch das für HDTV unumgängliche Digitalkabel macht mehr Probleme als gedacht, wie das Magazin "video" herausfand.

Von Reinhard Otter


Ein digitales Signal kennt zwei Zustände: "An" und "Aus". So weit, so einfach. Richtig kompliziert wird der im Grunde simple Vorgang in einem HDMI-Kabel, das eine gigantische Fülle unterschiedlicher Informationen von der HDTV-Set-Top-Box zum Display oder Beamer übertragen muss. Dazu gehören hoch auflösende Videobilder, digitaler Ton sowie verschiedene Steuerinformationen.

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HDMI: Digitales Videokabel mit Tücken

Und die Frage, wer mit wem darf, also: welches Gerät welche Signale bekommt. Für die Antwort ist HDCP zuständig, die "High-Bandwidth Digital Copy Protection".

Doch manchmal scheint dieser Kopierschutz etwas überfordert zu sein. Im Test des Pace DS 810 HD - einem der ersten HDTV-fähigen Satellitenreceiver für Premiere überhaupt -, kam es an unterschiedlichen TV-Geräten und Beamern immer wieder zu Verzögerungen, wenn die Tester von einem nicht kopiergeschützten HDTV-Kanal auf "Premiere HD Film" mit HDCP umschalteten. Mal blitzte das Bild grünlich auf, mal spratzelte für eine halbe Sekunde graues Schneegestöber über den Bildschirm, oder es knackte auf den Lautsprechern. In einigen Fällen hielt die Störung sogar länger an.

Zicken im HD-ready-Test

Nicht nur für video war diese Erkenntnis Grund genug, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Zusammen mit den HDTV-Spezialisten vom Pay-TV-Sender Premiere, dem deutschen Pace-Vertrieb und mit tatkräftiger Unterstützung einer Münchner Media-Markt-Filiale wurden Ende Dezember über 100 HD-ready- Geräte auf ihre Kompatibilität mit dem DS 810 HD von Pace geprüft.

Ergebnis: Die meisten Fernseher und Beamer spielten mit dem Pace-Receiver zusammen, aber eben nicht alle. Einige HD-ready-Geräte störten beim Umschalten auf einen kopiergeschützten Sender mit unschönen Bild- und Toneffekten.

Welche HD-Komponenten beim Empfang zicken und welche nicht, stellt video demnächst in einer Übersicht bereit. Doch woran liegt's überhaupt, dass nicht alle Beteiligten per HDMI zusammenspielen?

Wenn zwei Geräte über HDMI Kontakt aufnehmen, dann tauschen sie über die Digital-Verbindung verschiedene Informationen aus. Sie stellen sich einander mit ihrem Gerätetyp vor und klären, ob das TV-Gerät die eingestellte Bildauflösung verarbeiten kann.Und im Falle HDCP-geschützter Inhalte fragt die Set-Top-Box auch ab, ob das TV-Gerät sich an die Regeln des Kopierschutzes hält.

Eine Frage des Timing

Auf diese Frage muss der TV nach einer bestimmten, sehr kurzen Zeit antworten, sonst gibt's keine weiteren Bildsignale.

Diese Kommunikation klappt nicht mit allen Gerätekombinationen. Den Grund vermuten HDTV-Experten in minimalen Abweichungen im Timing der digitalen Kommunikation. Da verschiedene Hersteller HDMI-Treiberbausteine liefern, können sich deren Signaltakte und -Formen im Nano-Sekundenbereich unterscheiden, so dass die Kopierschutz-Infos nicht rechtzeitig ankommen.

So kann es durchaus passieren, dass etwa ein DVD-Player mit seinem - ebenfalls per HDCP geschützten - HDMI-Ausgang mit einem TV zusammenarbeitet, der Pace jedoch Probleme macht. Aber auch Qualität und Länge des HDMI-Kabels beeinflussen das Ergebnis.

Problemfall AV-Receiver

Wie sensibel diese Connection ist, zeigt ein Beispiel aus dem aktuellen TV-Test: Per 15-Meter-HDMI-Kabel mit dem Pace verbunden, verunzierte der Philips die Bilder des Spielfilmkanals mit Bildfehlern, der JVC zeigte Schneegestöber. Nach dem Wechsel auf ein fünf Meter langes HDMI-Kabel zeigten beide den kopiergeschützten Filmkanal ohne Probleme an.

Mit dieser Verbindung gelang übrigens allen in der Redaktion verfügbaren HDready-TVs die HDTV-Darstellung.

Schwieriger wurde es, als die Tester die HDMI-Verbindung zunächst zu einem entsprechend bestückten AV-Receiver und von dort zu einem Beamer führten. Alle verfügbaren AV-Receiver mit HDMI leiteten zwar die Bilder nicht kopiergeschützter HDTV-Kanäle weiter, den HD-Filmkanal mit seinem HDCP-Kopierschutz aber ließen die meisten nicht durch.

Eine Systematik dahinter ist nur schwer zu erkennen. Die aktuellen Denon-Modelle AVR-3806, -4306 und AVC-A 11 XV sowie der brandneue Onkyo TX-DS 803 und der Pioneer VSX-AX 4 sperrten HDCP-geschützte Programme vom Pace.

Die einzigen AV-Receiver aus dem video-Gerätefundus, die alle HDTV-Programme via HDMI weiterleiteten, waren - nach einigem Spratzeln im Bild - der Marantz SR-9600 sowie - ohne Probleme - die Receiver- Referenz Onkyo TX-NR 5000 und der neuen Yamaha RX-V 2600. Während Yamaha und Marantz dabei auch den Ton via HDMI verarbeiten, schaltet der Onkyo Audiound Videosignale nur zum TV durch.

Dabei spielen HDMI-taugliche AV-Receiver im HDTV-Gerätepark eine wichtige Rolle, denn die meisten HD-ready-TVs und -Beamer haben nur eine DVI- oder HDMI-Buchse. Deshalb muss ein HDMIbestückter AV-Receiver oder ein spezieller Umschalter HDMI-Signale etwa von DVD-Player und Set-Top-Box entgegennehmen und die Signale des gewählten Zuspielers weiterleiten.

Die Hersteller müssen diese Probleme schnellst möglich in den Griff bekommen. Denn mit Grieselbildern, verweigerter Kommunikation oder Zwangs-Umstecken kommt HDTV kaum in Fahrt.



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