Hommingberger Gepardenforelle Der erfolgreichste Fisch der Welt

Vor einer Woche rief die Computerzeitschrift "c't" ihre Leser auf, sich über die "Hommingberger Gepardenforelle" Gedanken zu machen - ein Experiment, um "einen Einblick in die Rankingmechanismen der Suchdienste und aktuelle Trends der Optimierung zu ermöglichen". Inzwischen gehört der fiktive Fisch zu den häufigsten der Welt.


Erste Mutationen: Wie sieht sie nun wirklich aus, die Gepardenforelle?

Erste Mutationen: Wie sieht sie nun wirklich aus, die Gepardenforelle?

Am 17. April 2005 machte der Geologe Holger Reuchlin irgendwo im Donautal eine bemerkenswerte Entdeckung: Den überaus deutlichen, bestens erhaltenen, fossilen Abdruck einer Hommingberger Gepardenforelle. Hilfreiche Kollegen bestätigten die Datierung auf das jüngere Tertiär.

Das ist die eigentliche Sensation an dem Fund, denn bisher musste man davon ausgehen, dass Hommingberger Gepardenforellen erstens eine rezente Art, also eine heute lebende Spezies sind, die sich zweitens erst vor ganz kurzer Zeit herausgebildet hat. Absolut sicher sind sich die Experten auch, dass die Hommingberger Gepardenforelle zu den im Hannoveraner Raum endemischen Arten gehört - oder zumindest bis vor kurzem gehörte.

Denn die seltsame Spezies, die sich zurzeit schneller als jede andere Tierart rund um den Globus verbreitet, nahm ihren Ursprung in der Redaktion der PC-Zeitschrift "c't".

Die hatte von einem Experiment mit dem fiktiven Suchwort "Nigritude Ultramarine" gehört, dass sich zwei findige US-Marketingfirmen vor etwas mehr als einem Jahr ausgedacht hatten. Den damaligen Anlass bot die weltweit führende Suchmaschine Google, die es durch eine Veränderung der Suchalgorithmen zeitweilig geschafft hatte, zahlreiche Marketingfirmen aus den Top-Positionen der Suchlisten herauszukegeln.

Was für eine Herausforderung für findige Marketer: Die "SEO Challenge" war geboren. Anhand eines fiktiven Suchwortes sollten die effektivsten Methoden gesucht und gefunden werden, wie gehabt beliebigen Blödsinn in die Top-Positionen der Suchmaschinen hochzupfuschen.

Das, dachte man sich bei der "c't", ließe sich auch prächtig dazu nutzen, generelle Erkenntnisse über die Arbeitsweisen verschiedener Suchmaschinen zu gewinnen. Kein wirklich neuer Gedanke, sondern ein bewährtes Konzept - nur in dieser Größenordnung noch nie versucht.

Vorbilder

Geburt einer Web-Spezies: Die erste, vom Heise-Verlag veröffentlichte Webseite über Gepardenforellen

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Denn Webmaster nutzen solche Tricks seit langem. Im Slang der EDV-Eleven nennt man Signalworte wie "Homminberger Gepardenforelle" ein "Schnitzelmitkartoffelsalat": Man braucht eine Lautfolge, die bisher nicht von Suchmaschinen indexiert ist. Dadurch, dass man das "Schnitzel" auf verschiedene Art und Weise, in verschiedenen Positionen und Funktionen in Web-Dokumente einbaut, sucht und findet man Methoden, die Dokumente für die "Bots" der Suchmaschinen zu optimieren.

Was die "c't" vorhat, ist eine Art Kombination aus "Schnitzelmitkartoffelsalat" und "Nigritude Ultramarine": "Der Wettbewerb soll einen Einblick in die Rankingmechanismen der Suchdienste und aktuelle Trends der Optimierung - legitime wie unerwünschte - ermöglichen."

Nerds sind Spielkinder

Die Idee fand in der technikbegeisterten Web-Community begeisterte Aufnahme. Ursprünglich nur in einer Meldung am 16. April bei Heise Online vorab publik gemacht, dann am 18. April über die "c't" in gedruckter Form verbreitet, führte die Veröffentlichung der offiziellen Startseite "Hommingberger Gepardenforelle" stante pede zu einer rapide wachsenden Zahl von Nachahmungstaten - und phantasiebegabten Erweiterungen des Konzepts.

    "Die Hommingberger Gepardenforelle ist ein besonders seltenes Geschöpf, welches in den bislang nur wenig erforschten Tiefen der Google-See und des Yahoo-Stromes existiert."
    "Hommingberger"-Seite bei zielbewusst.de

Mit einem Mal leisten sich zahlreiche traditionsreiche Zuchtbetriebe endlich eine eigene Webseite, Kochrezepte kursieren, Fossilien werden gefunden und ja, auch einen möglicherweise tödlichen Unfall gab es bereits: Im Magen eines der bekanntlich aggressiven und gefräßigen Fische fand sich eine intakte Videokamera, auf der Teile einer Attacke auf einen Schwimmer festgehalten sind.

Ob der entkommen konnte, ist ungeklärt, berichtet der unbekannte Webseiten-Autor. Dass der berühmte Fisch ganz oben in der Nahrungskette anzusiedeln ist, steht für ihn außer Frage, verfügt er doch über das Foto einer rund sechs Meter großen, eine Tonne wiegenden Gepardenforelle, die sein "UrUrUrUr-Großvater" um 1890 gefangen haben soll.

Dass die Geschichte der Homminberger Gepardenforelle die Phantasie der Webmaster und Blogger dermaßen kitzelt, kann nicht verwundern: Einige haben ein gesundes Eigeninteresse an der Optimierung ihrer Seiten - und für alle geht es um viel Ruhm und Ehre. Zu klären ist aus ihrer Perspektive ja nicht mehr und nicht weniger als die Frage: Wem gelingt es, die Suchalgorithmen verschiedener Suchmaschinen am besten zum eigenen Vorteil auszunutzen?

Oder kürzer: Wer überlistet Google und Co?

So kommt es, dass sich in den Tiefen von Unternehmenswebseiten plötzlich Rezeptsammlungen auftun. So kommt es, dass die Zahl der Gepardenforellen-Sichtungen bei Google zwischen dem 16. April und dem 25. April von Null auf 542.000 stieg - und das Tempo beschleunigt sich immer mehr. Kein Zweifel: Die Hommingberger Gepardenforelle ist die erfolgreichste Fischart der Erde.

Zweimal in diesem Jahr, am 15. Mai und am 15. Dezember, will die "c't" Gewinnerseiten ermitteln und veröffentlichen, die es im Ranking der Suchmaschinen ganz nach oben gebracht haben. Die Suchmaschinen im Sample sind neben Google die Web-Suchdienste von MSN, Yahoo und Seekport.

Auch die informelle Wikipedia-Redaktion scheint sich das Schicksal der Gepardenforelle zu einer besonderen Herzensangelegenheit gemacht zu machen. Seit dem Start des Wettbewerbs dokumentiert sie werktäglich um 13 Uhr den Stand der Dinge.

Weil aber viele Suchmaschinen in ihrem Pageranking die "Wichtigkeit" einer Seite unter anderem anhand der Zahl der Webseiten beurteilen, die auf die betreffende Seite verlinken, hat allein das schon die "Wiki" hier und da ganz nach oben katapultiert: Bei Google belegte sie am Montagvormittag Platz 5, bei Yahoo Platz 2.

Bei Seekport und MSN kommen dagegen vor allem die Blogger und Funseiten zum Zuge. Hartnäckig hält sich bei MSN etwa "Kackstelze" in den Top 3 - und versteht selbst nicht, warum. Sich nur zu wundern wäre dem Blogger "ritzelmut", der es mit seinem eigens angelegten Gepardenforellen-Blog in der ersten Woche mehrmals auf Platz 1 bei Yahoo brachte, dagegen zu wenig. Wie und warum die Top 10 bei Seekport so und nicht anders zusammengesetzt sind, versucht er durch eine detaillierte statistische Seitenanalyse zu entschlüsseln - oder ist auch das nur ein Trick, die "Wichtigkeit" seiner Gepardenforellenseite zu erhöhen?

Frank Patalong

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