Hongkong-Holga Die kultige Plastikknipse des Herrn Lee

Mit der billigsten Mittelformatkamera aller Zeiten wollte Ingenieur Lee Ting-Mo 1982 China erobern. Doch die Holga mit ihrer Kunststofflinse und Rollfilm war selbst den Chinesen zu unmodern - heute lieben Fotoreporter wie Hobby-Knipser den analogen Charme von Herrn Lees Plastikapparat.

Von

Michael Miess

US-Fotoreporter David Burnett, berühmt für seine Reportagen aus Krisengebieten von Vietnam bis Iran, hat viele Preise gewonnen. Diesen wird er nicht vergessen: 2001 wurde eines seiner Fotos der Wahlkampagne Al Gores von der "White House News Photographers Association" ausgezeichnet. Eine Momentaufnahme in Schwarzweiß: Al Gore steht im Hemd auf einer Rednerbühne, die rechte Hand ausgestreckt, über ihm ein bedrückender Himmel. Die Bildecken sind schwarz, das Foto ist bis auf Al Gore größtenteils unscharf. Die vermeintlichen Bildfehler betonen seine Gestik umso mehr.

Geschossen hat Fotoreporter Burnett dieses Bild mit einer Holga, einer Mittelformat-Knipse, die neu für knapp 40 Euro zu haben ist.

Die Plastikkamera aus Hongkong erlebt Jahrzehnte nach ihrem Debüt eine erstaunliche Erfolgsgeschichte: Profis wie Burnett, aber vor allem viele Analog-Liebhaber im Westen entdecken die Holga, wie viele Holga-Einsendungen beim Analog-Fotowettbewerb von SPIEGEL ONLINE zeigen.

Dabei sah es anfangs gar nicht nach einer Erfolgsgeschichte aus: Vor 40 Jahren gründete Ingenieur Lee Ting-Mo in Hongkong mit Kollegen die Elektronikfirma "Universal Electronics Industries". Der Ingenieur Lee (Hauptfächer im Studium Auto- und Lokomotivbau) hatte die Hongkonger Fabrik des japanischen Kameraherstellers Yashica geleitet und stellte mit seiner eigenen Firma Blitzzubehör für Fotoapparate her. Der 79-Jährige erzählt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Wir hatten Erfolg, Agfa-Gevaert kaufte bei uns, wir lieferten bis zu 70 Prozent unserer Blitzgeräte nach Deutschland." Bis 1979, als die ersten Kamerahersteller Blitze in ihre Fotoapparate einbauten.

Plastiklinse, Plastikgehäuse, Mittelformat

Der Bedarf an externen Blitzgeräten sank schnell, viele Elektronikfirmen in Hongkong gingen bankrott. Lee Ting-Mo: "Ich war verzweifelt auf der Suche nach einer Idee, die uns das Überleben sichern könnte. Wir bauten Blitzanlagen für Fotostudios."

Es war die Zeit, als China begann, den Markt vorsichtig für Importe zu öffnen. Das Interesse an neuen Fotoapparaten war groß. "Der Markt war riesig, die chinesischen Hersteller wie Seagull und Pearl River bauten gute, aber sehr teure Kameras, die Durchschnittsbürger sich nie leisten konnten", erklärt Lee.

Also entwarf er Anfang der achtziger Jahre eine billige Mittelformat-Knipse - denn in China wurde kein Kleinbildmaterial hergestellt: "Um erfolgreich zu sein, mussten wir eine sehr, sehr preiswerte Kamera bauen." Das erste Modell bestand fast vollständig aus Kunststoff, sogar die Linse war aus Plastik. Aber die Holga war die wohl erste Mittelformatkamera mit integriertem Blitz. Der Name Holga entstand so: Ihre Blitzgeräte verkaufte Lees Firma unter der Marke Holgon (was ähnlich klingt wie "sehr hell" auf Kantonesisch). Das A setzte Lee ans Ende, weil damals "einige erfolgreiche Kamerahersteller ein A am Ende hatten". Konica zum Beispiel, die mit der C35 EF die erste Kleinbildkamera mit eingebautem Blitz verkauften.

Den Chinesen war die Holga 1982 zu billig

Die erste Holga kam 1982 auf den Markt, 5000 Stück hatte Lee bauen lassen. An der simplen Bedienung und spartanischen Ausstattung hat sich bis heute wenig geändert. Holgas produzierten damals wie heute Fotos mit schwarzen Bildecken, sogenannten Vignettierungen, Unschärfen und leichten Farbverschiebungen - Bildfehlern eigentlich, die erst spät als Gestaltungsmittel entdeckt wurden.

Was heute außerdem die Qualität der Holga ausmacht - Mittelformatfilm, der bessere Ergebnisse ermöglicht als Kleinbildmaterial - war 1982 in China aber plötzlich gar nicht gern gesehen. Der Rollfilm galt als unmodern, erinnert sich Lee: "Ich hatte mit einer so verhaltenen Reaktion nicht gerechnet. Die Menschen wollten neue, moderne Dinge aus dem Ausland kaufen, und dazu gehörten Kleinbild- statt der alten Mittelformatkameras."

Promis loben die "Antithese digitaler Fotografie"

Die Holga-Produktion lief mit kleineren Stückzahlen als erhofft weiter und Jahre später, als in Europa die russische Lomo LC-A zum Kultobjekt wurde, feierte die Holga eine späte Wiedergeburt. Aus der Billig-Knipse, die Lee und seine Kollegen manchmal "Idiotenkamera" nannten, wurde ein Werkzeug für wagemutige Fotografen und später ein Mode-Statement. Der Musiker Max Raabe erklärte vor ein paar Jahren der "Welt am Sonntag", seine Holga würde "ihn auf allen Reisen des Palast Orchesters" begleiten, sie sei die "Antithese digitaler Fotografie".

Mehr als eine Million Mittelformat-Holgas hat Lees Firma bis heute hergestellt. "In den Achtzigern haben wir nicht allzu viele Kameras verkauft", sagt Lee. Den späten Erfolg verdankt er dem Lomo-Hype. Die Lomographische Gesellschaft vertrieb als erster Importeur die Holga außerhalb Hongkongs und machte die Kamera bekannt. Während die Digitalkameras mit ihren im Vollautomatik-Modus geknipsten uniform perfekten Bildern im Westen zum Standard wurden, entwickelten sich Analogkameras mit einer immer seltener werdenden Film-Optik zu einem exotischen Werkzeug.

Eine niedliche Katzenkamera für Japan

Ingenieur Lee Ting-Mo bastelt heute an neuen Ideen für Universal Electronics Industries. Seine Kleinbild-Holga "Meow" zum Beispiel, die blinkt und miaut, um die Aufmerksamkeit der fotografierten Katzen zu erregen. Auch die Katzenkamera war in Hongkong zunächst nicht recht erfolgreich, Lee wollte die Produktion einstellen, bis ein Händler in Japan den Restbestand sehr schnell verkaufte: Im katzenverrückten Japan ist die niedliche Kamera ein Erfolg, die Holga "Nya-Nya" - die japanische Lautfolge für "Miaumiau" - stellte Lees Firma nun in Serie her.

Seine Mittelformat-Holga verkauft Lee weltweit. Die wichtigsten Märkte: Nordamerika, Japan, Europa. In Hongkong betreibt Lees Firma nun sogar fünf eigene Holga-Läden. Und, was den Ingenieur besonders freut: "Die Holga verkauft sich inzwischen sogar in China gut, nach all den Jahren und unserem schlechten Start dort."



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