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Hysterie und Wahrheit: Die Mär von der Emsdettener Ballerspiel-Arena

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Der Amokläufer Sebastian B. soll seine Schule am Computer nachgebaut haben, um darin mit einer Waffe umherlaufen zu können. Tatsächlich existiert ein Counter-Strike-Level einer Geschwister-Scholl-Schule. Jedoch steht die Vorlage nicht in Emsdetten.

"Der Grundriss passt", schreibt die "tageszeitung" ("taz") aus Berlin in ihrer heutigen Ausgabe. Sie berichtet über eine sogenannte Map für das Computerspiel Counter-Strike, in dem angeblich die Emsdettener Geschwister-Scholl-Schule nachgebildet wurde. Die virtuelle Welt zeigt ein mehrstöckiges Gebäude, in dem man sich durch die langen Flure bewegen kann. Die Türen der Klassenzimmer bleiben allerdings verschlossen. "Das ideale Trainingsgelände für einen Amoklauf", heißt es in dem taz-Bericht weiter.

Sebastian B., der sich ResistantX nannte und gestern in der Emsdettener Geschwister-Scholl-Schule Amok lief, soll diese Map erstellt haben.

Das hatten gestern auch mehrere Schüler der Geschwister-Scholl-Schule im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE berichtet. Irgendwie schien dies ja auch gut zu dem Bild zu passen, das sich Schüler, Politiker und Journalisten von dem 18-jährigen Amokläufer im Schnellverfahren gemacht hatten. Nur stimmt es nicht, zumindest nicht, solange es um die am Computer nachgebaute Schule geht. Hier hat Hysterie Recherche ersetzt.

Das Counter-Strike-Level cs_gss, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, ist zwar tatsächlich einer Geschwister-Scholl-Schule nachempfunden. Allerdings steht diese nicht in Emsdetten, sondern im rund 240 Kilometer entfernten Melsungen nahe Kassel. Am 16. September 2000, also schon vor mehr als sechs Jahren, hatte es jemand aus Melsungen unter dem Pseudonym "Schlossherr" im Internet veröffentlicht.

"Die Hecke noch etwas abrunden"

"Dann mach ich einfach mal den Anfang mit meiner ersten und bisher einzigen Map", schreibt Schlossherr. "Wie wahrscheinlich viele hab ich als Objekt meine gute alte Schule ausgewählt und nachgebaut." Seine Arbeit kam in der Community gut an: "Die Map sieht sieht dem Original ziemlich ähnlich (gut gemacht)", erklärt ein anderer Surfer. "Die Hecke vielleicht noch etwas abrunden."

Weitere Recherchen ergaben schnell, dass kaum der Amokläufer Sebastian B. hinter der Map stehen kann. Nicht nur, weil die Fassade der nachgebauten Schule tatsächlich jener Schule aus Melsungen nachempfunden ist.

Sebastian B. hat sich zwar auch mit dem Erstellen von Maps für Shooter-Spiele beschäftigt. Allerdings erst seit dem Jahr 2003, wie er in einem Forum der Webseite quake.de berichtet. Also drei Jahre nachdem "Schlossherr" seine Map ins Netz stellte.

"Hallo, hat, bzw. kennt jemand nen Link zu einem deutschen Tutorial für Doombuilder?", fragte Sebastian B. am 9. August 2005 in die Online-Runde. Doom Builder ist eine Software zum Programmieren neuer Levels im Shooter Doom. "Moin...Ich tippe mal darauf, dass du Anfänger bist im Levelbauen", antwortet ihm ein anderer Forumsteilnehmer. "Jau", schrieb Sebastian B. zurück und ergänzte: "PS: Ich mappe seit 2 Jahren für CS und Half life, also nur in Sachen Doom ein Anfänger" (Die Abkürzung CS steht für Counter-Strike).

In den letzten Monaten interessierten ihn Duelle mit Gewehren

Sebastian B. bekennt zwar, selbst Maps zu erstellen. Ein Level der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten, von dem immer wieder berichtet wurde, hat SPIEGEL ONLINE bei Recherchen jedoch nicht gefunden. Einzig die Counter-Strike-Map fy_hallofdeath, die uns ein Leser per E-Mail zuschickte, stammt offenbar von dem Amokläufer. Sie zeigt eine düstere Halle, in deren Mitte Dutzende schwere Waffen lagern - siehe Fotostrecke.

Dass eventuell doch eine Map der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten existiert, ist freilich nicht völlig ausgeschlossen - nur die in der "taz" und anderswo zitierte hat B. definitiv nicht erstellt. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatte ein 14-jähriger Schüler von einem Level der Realschule berichtet, das von Sebastian B. stammen soll. "Aber da gab es nur den Altbau, der Neubau fehlte. Man konnte auf dem Schulhof oder auf dem Dach starten. Ich schätze mal, dass er damit geübt hat."

In einem "Quake"-Forum suchte der Amokläufer Hilfe bei der Installation von Software, klagte über eine abgeschmierte Festplatte - all das, was junge Leute so in Foren machen. Er wollte sich auch einer Gruppe anschließen, die sich regelmäßig zu Onlinespielen mit älteren Doom-Versionen verabreden wollte - ein Egoshooter-Klassiker, der erstmals 1993 erschien. Lange hielt es Sebastian B. jedoch nicht im quake.de-Forum aus. Insgesamt verfasste er zwölf Einträge, der letzte stammt vom 12. Oktober 2005.

In den letzten Monaten interessierte sich der Amokläufer offenbar stärker für Duelle mit Gewehren, die Plasikkugeln verschießen (Airsoft) und Online-Videos. Auf Youtube finden sich Videos seiner Airsoft-Gruppe Taste - und unter seinem Namen ein Clip, in dem der Amoklauf von Columbine verherrlicht wird. "Warum widmen wir diesen Killern überhaupt irgendetwas?", fragt ihn ein aufgebrachter Youtube-Nutzer. "Weil sie verdammt noch mal auch gestorben sind", entgegnet Sebastian B. "Sicher ist das nicht das Gleiche. Aber sieh es so: Sie starben für etwas, an das sie geglaubt haben."

Mitarbeit: Christian Stöcker

Ergänzung: Inzwischen ist tatsächlich eine Counter-Strike Map der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten aufgetaucht, die vermutlich von Bastian B. entwickelt wurde. In "Stern TV" waren am Abend des 22. November Szenen aus dem virtuellen Nachbau der Schule zu sehen.

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Fotostrecke
Counterstrike-Map: Die Geschwister-Scholl-Schule

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