Identitätsklau und Serverausfall Wie sehr beherrscht uns Google?

Der Serverausfall vom Wochenende und ein Bericht über Datenschutzlücken im neuen Beschleuniger von Google verunsichern die Internet-Gemeinde. Fragt die Suchmaschine zu viele persönliche Daten ab?


Das Image von Google hat neue Kratzer bekommen. Am Wochenende fielen die Server der Suchmaschine für 15 Minuten aus. Surfer weltweit wunderten sich, als sie am Samstag kurz vor Mitternacht (MESZ) plötzlich eine Fehlermeldung sahen oder auf andere Suchmaschinen umgeleitet wurden. Es gab Spekulationen, ob dahinter ein gezielter Angriff stehen könnte. Google wies dies jedoch zurück. "Es war kein Hackerangriff und auch kein Sicherheitsproblem", sagte Sprecher David Krane. Vielmehr habe es Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Domainnamens in eine IP-Adresse gegeben.

15 Minuten ohne Google - vor allem in den USA, wo der Ausfall am nachmittags passierte, wurde vielen Internet-Benutzern klar, wie abhängig sie bereits von der Suchmaschine sind.

Ein weiteres Google-Problem machte ein Forumsbenutzer ebenfalls am Wochenende publik. Er war mit der neuen Software Web Accelerator im Netz unterwegs, die das Surfen beschleunigen soll, als er plötzlich feststellte, dass er in einem Forum unter einem fremden Namen angemeldet war.

Das Brisante dabei: Der Surfer hatte sich zuvor auf anderen Webseiten mit Name und Passwort eingeloggt - die Daten könnten möglicherweise bereits in fremde Hände gelangt sein. Googles Web Accelerator beschleunigt den Zugriff auf häufig besuchte Webseiten, indem das Programm Kopien der Seiten auf Google-Servern ablegt. Es arbeitet wie ein Proxy-Server. Wenn der Zugriff über die Google-Server schneller vonstatten geht als über die eigentlichen Server der Website, dann wird das Surfen tatsächlich schneller.

Das Problem des Web Accelerators besteht offensichtlich darin, dass nicht nur Webinhalte sondern auch Cookies der Surfer gespeichert werden, die wiederum häufig zur Identifizierung auf Webseiten dienen. Nach der Anmeldung mit Name und Passwort legen viele Server Cookies auf dem Benutzer-PC ab, um bei einem späteren Besuch der Seite ein automatisches Login zu ermöglichen. Mit einem fremden Cookie, der vom Google-Server stammt, bekommt man auch eine fremde Identität.

Datenschutzprobleme beschäftigen Google nicht zum ersten Mal. Vor einem Jahr war das Unternehmen in die Kritik geraten, weil es die E-Mails seiner Kunden nach Stichworten durchsucht, um passend zum Kontext Werbung platzieren zu können. Datenschützer erklärten, das kostenlose Gmail-Angebot genüge nicht dem deutschen Recht und verstoße eventuell sogar gegen das Fernmeldegeheimnis.

Auch den neue Dienst "My Search History" halten Privacy-Wächter für problematisch. Der neue Dienst ist ein persönliches Archiv für alle jemals gestarteten Suchanfragen und ihre Ergebnisse. Gespeichert werden diese Informationen bei Google.

Google als Beherrscher des Internet?

Was Google bei Gmail schon praktiziert, das automatisierte Beobachten seiner E-Mail-Kunden, ist mit dem Web Accelerator nun prinzipiell auch bei Surfern möglich. Die Proxy-Server speichern häufig besuchte Seiten - so erfährt Google, welche Seiten tatsächlich angesurft werden und welche nur dank geschicktem Suchmaschinenmarketing in die Trefferlisten kommen und in Wirklichkeit Spam darstellen. Außerdem kann Google das Surfverhalten genau analysieren: Wer die Seite A besucht, klickt häufig auf B und so weiter - wertvolle Informationen für die Vermarktung von Online-Werbung.

Sollte Googles Webbeschleuniger sich durchsetzen, dann könnte der Suchmaschinenbetreiber seine Macht über das Internet entscheidend ausbauen, das befürchten zumindest manche Surfer. Tatsächlich wäre zumindest die Infrastruktur des Netzes stärker unter Google-Kontrolle - statt dezentraler Verteilung liefe viel Traffic über Google-Server. Wer das Netz überwachen wollte, hätte es leichter.

Allerdings ist niemand gezwungen, den Internet-Beschleuniger zu benutzen. Ob er tatsächlich Geschwindigkeitsvorteile bringt, muss sich im Praxistest zeigen. Um sicher zu gehen, dass die eigene Webidentität nicht geklaut werden kann, sollten Benutzer des Web Accelerators alle Seiten mit Cookie-Identifikation für das Programm sperren. Die URLs und Cookies werden dann nicht an den Google-Server übertragen.

Holger Dambeck



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