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17. Juni 2009, 14:16 Uhr

Im Powerpoint-Nirvana

Beamer an, Hirn aus

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Kaum beginnt der Referent damit, die projizierte Powerpoint-Folie vorzulesen, fallen wir in eine Vollstasis: Das Denken gefriert, der Körper geht in eine Art Winterschlaf-Modus über, sieht nur noch wach aus. Das ist kein subjektives Gefühl: Studien zeigen, dass Powerpoint das Verständnis lähmt.

Es heißt, das Hirn sei nicht in der Lage, etwas zu fühlen: Keine Kälte, keine Wärme, noch nicht einmal, wenn man darauf drückt oder in die Hirnmasse hineinschneidet. Da ist es für viele von uns ein einschneidendes Erlebnis, die erste Powerpoint-Präsentation zu erleben - denn sie ist durchaus mit einem hirnigen Gefühl verbunden.

Dieses Licht ist magisch: Mit einem Beamer und einer Präsentationssoftware lassen sich halbe Firmen ins Wachkoma versetzen

Dieses Licht ist magisch: Mit einem Beamer und einer Präsentationssoftware lassen sich halbe Firmen ins Wachkoma versetzen

Wir erinnern uns (soweit das noch geht): Kaum wird das Licht gedimmt, kaum wirft der Beamer das Bild der ersten Folie an die Wand, kaum hat der Referent angehoben, uns die Mühe abzunehmen, die Folie selbst lesen zu müssen, da legt sich eine Art wuscheliger, muffeliger aber warmer Flokatiteppich um unsere grauen Zellen. Er isoliert das Hirn vom Rest des Körpers, der Aufmerksamkeit simulierend, in Wahrheit in eine Art Winterschlaf-Stasis, ein temporäres Wachkoma verfällt. Der Hirnstamm nimmt gerade noch so eben seine Aufgaben wahr, für Atmung, Herzschlag und Stoffwechsel zu sorgen. Ansonsten: tabula rasa.

Das lateinische Sprüchlein übersetzt man mit "leere Tafel", doch bezeichnet es "im übertragenen Sinn" - so belehrt uns die Wikipedia - "die Seele (als vermeintlicher Ort der Erkenntnis der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand".

Wie ungemein passend. Tabula rasa. Leere Seele, bar jeder Erkenntnis. Adam vor dem Apfel. Affe vor dem Monolithen. Deep Thought vor der 42. Die totale innere Leere.

Powerpointige Gefühle

Manche von uns erleben dabei Gefühle, die an Fall-Träume erinnern: Immer dicker wird der Teppich, immer kleiner, dumpfer, isolierter fühlt sich unsere graue Masse an, bis wir selbst nur noch aus sehr, sehr weiter Ferne leise die letzten verzweifelten Rufe unserer verlöschenden Intelligenz zu hören meinen: "Hallo? Was soll das? Was tue ich hier? Ist das nun Nirwana?"

Und dann: nichts mehr.

Der Beamer summt. Jemand hustet. Irgendwo brummt eine Fliege. Der Referent macht weiter Geräusche, seine Lippen bewegen sich dazu.

An der Wand blättern dynamisch die Powerpoint-Folien, zoomen und wuschen, gehen fließend ineinander über. Ein hübscher blauer Pfeil rauscht von rechts ins Bild, von oben fällt eine Beschriftung herab, bremst neben der Pfeilspitze, bevor beide von den von unten ins Bild drängenden Balken eines Graphen verdrängt werden. Das Licht geht an, irgendetwas zieht den wuscheligen Flokatiteppich aus unserem Kopf, wir drücken den Rücken durch und klopfen anerkennend auf die Tischplatte: Gut gemacht, schicke Präse, sehr erkenntnisreich. Anerkennendes Nicken reihum.

Willkommen in der Zwischenwelt des Powerpoint, seit Mitte der Achtziger das weltweit am weitesten verbreitete Werkzeug, um komplexe Sachverhalte zu bebildern, ohne sie damit klarer zu machen. Insbesondere der Boom des Bullshit-Bingo, einst dem akademischen Elfenbeinturm und dem Marketing vorbehalten, heute fester Bestandteil der Business-Kultur, hat dafür gesorgt, dass sich heuer vom angehenden Hüttenfacharbeiter bis zur Bäckereifachverkäuferin in der Warenkunde wirklich jeder regelmäßig bepowerpointen lassen muss.

Man muss sich allerdings auch fragen, wozu.

Denn die der Präsentations-Software zugesprochenen Wirkungen scheint es nicht zu geben.

Powerpoint-Studien - weniger ist mehr, nichts am besten

Das ist inzwischen einigen Studien zu entnehmen. Schon 2004 kam eine Studiengruppe an der University of New South Wales (Australien) zu dem Ergebnis, dass Powerpoint uns schlicht und einfach überfordert: Informationen in einem Mix aus akustischer und visueller, im schlimmsten Fall sogar noch bewegter Form zu vermitteln, sei völlig kontraproduktiv. Studienleiter John Sweller brachte es damals in die Weltpresse, weil er die Ergebnisse seiner Forschungsgruppe in eine griffige Formulierung goss: "Die Nutzung von Powerpoint-Präsentationen war ein Desaster. Es sollte verboten werden."

Denn verstanden und erinnert würden Informationen besser, wenn man sie entweder akustisch oder visuell übermittele. Jeder Mix gehe auf Kosten der eigentlichen Informationsvermittlung, denn mächtiger als der Vortrag wirkt stets das Bild: Dem ist aber allzu oft herzlich wenig zu entnehmen.

Wir sind alle Videoten

Für Wahrnehmungspsychologen sind das alles Binsenweisheiten, die Mechanismen sind seit Jahrzehnten bekannt. Der Journalist Bernward Wember legte schon anno 1976 eine ernüchternde Studie dazu vor ("Wie informiert das Fernsehen?"), in der das Prinzip der Text-Bild-Schere auf den Punkt gebracht wurde. Seine Antwort: Eigentlich gar nicht.

Denn wenn Bild und Text parallel laufen, dominiert das Bild und der Text verhallt und wird vergessen. Deshalb sind Zeitungen, Magazine, Online-Seiten und Bücher gute Informationsmedien und das Fernsehen ein gutes Unterhaltungsmedium: Was etwa die Abendnachrichten an Informationen übermitteln, wird zum größten Teil bereits vergessen, bevor der Wetterbericht beginnt.

Das ist nicht Schlimmes, zeigt aber, dass auch der ach so multimediale Powerpoint-Vortrag vielleicht nicht das beste aller Mittel ist, seine Infos an den Mann zu bringen. Im Klartext: Wenn das Ding gut aussieht, kann man jeden Bockmist dazu erzählen, und niemand bemerkt es. Zyniker glauben, genau dafür sei Powerpoint ja auch da. Präsentationssoftware sei ein Chef-Beeindruckungswerkzeug.

Eine aktuelle, in der nächsten Ausgabe des Fachmagazins "International Journal of Innovation and Learning" veröffentlichte Studie behauptet nun, dass man nicht nur nichts lerne, wenn man derart bepowerpointet wird. Die Zuhörer würden vor allem dann, wenn dynamische, bewegliche Elemente ins Spiel kämen, sogar zusätzlich verwirrt. So ließe sich der Kenntnisstand eines uninformierten Publikums besser erhöhen, wenn man auf Animationen verzichte.

Das setzt allerdings voraus, dass man auch etwas mitzuteilen hat. Denn natürlich liegt der Verdacht nahe, dass Powerpoint nicht zuletzt dafür eingesetzt wird, simple Sachverhalte chic aufzublasen. Zur multimedialen Präsentation kommt es im akademischen wie im Arbeitsleben allzu oft, weil das halt erwartet wird: Beamer und Präse wirkt besser als kompetenter Redner mit Tafel und Kreide. Die "gekonnte" Präsentation wird so zum beeindruckenden Federschmuck des in den Krieg ziehenden Corporate-Indianers - sie sorgt dafür, dass er besser aussieht, als er ist.

Können Sie das besser?

Was man stattdessen mit Powerpoint anstellen kann, zeigt seit einiger Zeit die Bewegung des Pecha Kucha. Hinter dem Begriff - eine lautsprachliche Umschreibung des japanischen Begriffes für "wirres Geplapper" - verbirgt sich eine Art Vortrags-Wettkampf-Sportart. Es geht darum, in möglichst unterhaltender Weise höchstens sechs Minuten und 40 Sekunden mit einer Präse zu füllen, die aus höchstens 20 Bildern bestehen darf, die jeweils höchstens 20 Sekunden gezeigt werden dürfen.

Was zeigt, dass sich mit Powerpoint durchaus sinnvolle, unterhaltsame Dinge anstellen lassen. Es kommt eben darauf an, die Text-Bild-Schere zu vermeiden, den Zuschauer nicht anzuöden, visuell zu überraschen, ohne ihn inhaltlich abzulenken. Im besten Fall entsteht daraus eine pointierte Erzählform.

Vielleicht fällt ja auch Ihnen dazu etwas ein: Wir wären gespannt, wirklich gekonnte, amüsante, informative Präsentationen zu sehen. Überraschen Sie uns, die besten "Präsen" zeigen wir hier gern: Schicken Sie uns Ihre Powerpoint-Präsentation (maximal 15 Folien) und zeigen Sie, wie Sie Text und Bild zu etwas verarbeiten, das man sich gern ansieht - von informativ bis aberwitzig.

E-Mail genügt:
Zusendungen bitte mit dem Stichwort "Präse" an

praese@spiegel.de

Wir sind gespannt!

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