Im Powerpoint-Nirvana Beamer an, Hirn aus

Kaum beginnt der Referent damit, die projizierte Powerpoint-Folie vorzulesen, fallen wir in eine Vollstasis: Das Denken gefriert, der Körper geht in eine Art Winterschlaf-Modus über, sieht nur noch wach aus. Das ist kein subjektives Gefühl: Studien zeigen, dass Powerpoint das Verständnis lähmt.

Von


Es heißt, das Hirn sei nicht in der Lage, etwas zu fühlen: Keine Kälte, keine Wärme, noch nicht einmal, wenn man darauf drückt oder in die Hirnmasse hineinschneidet. Da ist es für viele von uns ein einschneidendes Erlebnis, die erste Powerpoint-Präsentation zu erleben - denn sie ist durchaus mit einem hirnigen Gefühl verbunden.

Dieses Licht ist magisch: Mit einem Beamer und einer Präsentationssoftware lassen sich halbe Firmen ins Wachkoma versetzen

Dieses Licht ist magisch: Mit einem Beamer und einer Präsentationssoftware lassen sich halbe Firmen ins Wachkoma versetzen

Wir erinnern uns (soweit das noch geht): Kaum wird das Licht gedimmt, kaum wirft der Beamer das Bild der ersten Folie an die Wand, kaum hat der Referent angehoben, uns die Mühe abzunehmen, die Folie selbst lesen zu müssen, da legt sich eine Art wuscheliger, muffeliger aber warmer Flokatiteppich um unsere grauen Zellen. Er isoliert das Hirn vom Rest des Körpers, der Aufmerksamkeit simulierend, in Wahrheit in eine Art Winterschlaf-Stasis, ein temporäres Wachkoma verfällt. Der Hirnstamm nimmt gerade noch so eben seine Aufgaben wahr, für Atmung, Herzschlag und Stoffwechsel zu sorgen. Ansonsten: tabula rasa.

Das lateinische Sprüchlein übersetzt man mit "leere Tafel", doch bezeichnet es "im übertragenen Sinn" - so belehrt uns die Wikipedia - "die Seele (als vermeintlicher Ort der Erkenntnis der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand".

Wie ungemein passend. Tabula rasa. Leere Seele, bar jeder Erkenntnis. Adam vor dem Apfel. Affe vor dem Monolithen. Deep Thought vor der 42. Die totale innere Leere.

Powerpointige Gefühle

Manche von uns erleben dabei Gefühle, die an Fall-Träume erinnern: Immer dicker wird der Teppich, immer kleiner, dumpfer, isolierter fühlt sich unsere graue Masse an, bis wir selbst nur noch aus sehr, sehr weiter Ferne leise die letzten verzweifelten Rufe unserer verlöschenden Intelligenz zu hören meinen: "Hallo? Was soll das? Was tue ich hier? Ist das nun Nirwana?"

Und dann: nichts mehr.

Der Beamer summt. Jemand hustet. Irgendwo brummt eine Fliege. Der Referent macht weiter Geräusche, seine Lippen bewegen sich dazu.

An der Wand blättern dynamisch die Powerpoint-Folien, zoomen und wuschen, gehen fließend ineinander über. Ein hübscher blauer Pfeil rauscht von rechts ins Bild, von oben fällt eine Beschriftung herab, bremst neben der Pfeilspitze, bevor beide von den von unten ins Bild drängenden Balken eines Graphen verdrängt werden. Das Licht geht an, irgendetwas zieht den wuscheligen Flokatiteppich aus unserem Kopf, wir drücken den Rücken durch und klopfen anerkennend auf die Tischplatte: Gut gemacht, schicke Präse, sehr erkenntnisreich. Anerkennendes Nicken reihum.

Willkommen in der Zwischenwelt des Powerpoint, seit Mitte der Achtziger das weltweit am weitesten verbreitete Werkzeug, um komplexe Sachverhalte zu bebildern, ohne sie damit klarer zu machen. Insbesondere der Boom des Bullshit-Bingo, einst dem akademischen Elfenbeinturm und dem Marketing vorbehalten, heute fester Bestandteil der Business-Kultur, hat dafür gesorgt, dass sich heuer vom angehenden Hüttenfacharbeiter bis zur Bäckereifachverkäuferin in der Warenkunde wirklich jeder regelmäßig bepowerpointen lassen muss.

Man muss sich allerdings auch fragen, wozu.

Denn die der Präsentations-Software zugesprochenen Wirkungen scheint es nicht zu geben.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.