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25. August 2007, 16:44 Uhr

Infizierte Regierungscomputer

Innenministerium bestreitet Schäden durch Hackerangriffe

Auf zahlreichen Computern im Kanzleramt und in Bundesministerien haben Sicherheitsexperten Spionageprogramme entdeckt, die nach SPIEGEL-Informationen aus China stammen. Ein Regierungssprecher stritt Schäden ab, bestätigte aber große Probleme mit Trojanern.

Das Kanzleramt in Berlin ist streng bewacht, gleiches gilt für das Außen- und das Wirtschaftsministerium. Trotzdem ist es Spionen gelungen, in die gut gesicherten Gebäude einzudringen – nicht etwa über Kellerfenster oder Hinterhoftüren, sondern über das Internet. Seit Mai wissen die betroffenen Ministerien nach Informationen des SPIEGEL, dass Fremde sich Zugang zu zahlreichen Computern verschafft haben. Die Schadprogramme kamen getarnt als Word- oder Powerpoint-Datei. Wer die Dateien öffnete, infizierte seinen Rechner mit einem Trojaner - und öffnete seinen Computer so für die Späher.

Die Angriffe kamen fast täglich - aus Lanzhou in Nordwest-China, aus Kanton oder aus Peking. Dies berichtete ein Spionageexperte des Bundesamts für Verfassungsschutz an einem Dienstag im Mai auf der nachrichtendienstlichen Lage, der wöchentlichen Sicherheitssitzung im Kanzleramt. Die Bundesregierung hat nun indirekt die SPIEGEL-Informationen über infizierte Regierungscomputer bestätigt.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte heute in Berlin, Attacken von Trojanern seien besonders im Bereich der Wirtschaftsspionage ein großes Problem. Entsprechende Abwehrmaßnahmen seien in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik eingeleitet worden und "sind auch erfolgreich gewesen". Es habe "keine Schäden gegeben". Zur Herkunft oder zu den Hintergründen der genannten Attacken wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Niemand weiß, was schon nach China kopiert wurde

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, der SPIEGEL beziehe sich offensichtlich auf eine Diskussion zwischen Vertretern von Regierung und Nachrichtendiensten in der sogenannten ND-Lage. Eine Stellungnahme dazu sei wegen der Vertraulichkeit der Beratungen nicht möglich. Zu China sagte Wilhelm lediglich, Merkel werde im Rahmen ihrer am Montag beginnenden Asienreise mit chinesischen Regierungsvertretern intensiv auch über das Thema Schutz des geistigen Eigentums sprechen. Dabei gehe es vor allem um das Problem der Produktpiraterie. Bislang habe sich China in dieser Frage stets kooperationsbereit gezeigt, zumal das Land auch am Schutz eigener Erfindungen ein wachsendes Interesse habe.

Nach SPIEGEL-Informationen filzten IT-Experten reihenweise Rechner in Ministerien und im Kanzleramt, als die Trojaner-Angriffe auf Regierungscomputer im Mai intern bekannt geworden waren. Sie beobachteten den Datenverkehr und konnten rund 160 Gigabyte Daten gerade noch vor dem Abgang nach Fernost retten. Die Aussage des Innenministeriums, es habe "keine Schäden" gegeben, erscheint angesichts dieser gigantischen Datenmenge kaum glaubwürdig. Schließlich dürften die Trojaner auch schon vor ihrer Entdeckung aktiv gewesen sein – und die Hacker fleißig mit Daten versorgt haben. Keiner wisse, "was schon alles abgeflossen ist", sagte ein deutscher Spitzenbeamter dem SPIEGEL.

Mancher kopiert mit Inbrunst

In einem vertraulichen China-Bericht hatte der Verfassungsschutz kürzlich festgestellt, die Bundesrepublik stelle ein "begehrtes Aufklärungsziel der chinesischen Wirtschaftsspionage" dar. Auch der baden-württembergische Verfassungsschutzchef Johannes Schmalzl zeigte sich über Wirtschaftsspionage-Aktivitäten Chinas besorgt. "60 Prozent unserer Verdachtsfälle haben inzwischen mit China zu tun", sagte Schmalzl dem SPIEGEL.

"Wer in China Geschäfte machen will, muss darauf gefasst sein, ausspioniert zu werden", warnte Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW), hinter der unter anderem der deutsche Industrieverband BDI steht.

Hackerangriffe sind freilich nur ein Weg für chinesische Geheimdienste, Daten deutscher Unternehmen abzuschöpfen. Nach Angaben des baden-württembergischen Verfassungsschutzchefs Schmalzl verpflichten die Dienste auch Studenten oder Wissenschaftler, die für eine gewisse Zeit in Deutschland leben. Natürlich könne man nicht alle Chinesen unter Generalverdacht stellen, doch die schiere Masse der Studenten aus dem bevölkerungsreichsten Land der Welt stelle ein großes Problem dar. "Wir haben 27.000 chinesische Studenten in Deutschland", sagte der Verfassungsschützer. "Manche kopieren und fotografieren mit Inbrunst alles, was nicht gesichert und geschützt ist."

hda/ddp/dpa/AFP

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