Intelligente Überwachung Der Computer wird zum Ladendetektiv

Was der Mensch nicht bemerkt, soll der Maschine auffallen: Eine US-Supermarktkette setzt in ihren Filialen auf Hightech-Kontrolle. Eine Software analysiert Überwachungsvideos und soll Delinquenten überführen - hat aber nicht immer Erfolg.


Wer überwacht besser - Mensch oder Maschine? Die Supermarktkette Big Y aus dem US-Bundesstaat Massachusetts gibt dem Computer eine Chance, sein Talent beim Auswerten von Überwachungsvideos zu beweisen. Folge für den Ladendetektiv: Er hat eine Aufgabe weniger, muss sich nicht mehr durch stundenlange Mitschnitte des Geschehens zwischen Schokoladenregal und Schnäppchenaufsteller kämpfen.

Videoüberwachung: Eine US-Supermarktkette lässt Computer statt Menschen die Aufnahmen untersuchen
DDP

Videoüberwachung: Eine US-Supermarktkette lässt Computer statt Menschen die Aufnahmen untersuchen

Mit der neuen Technik will Big Y vor allem Kassierern auf die Schliche kommen, die sich - auf Rechnung ihres Arbeitgebers - allzu kundenfreundlich zeigen. Wenn zum Beispiel der Mann an der Kasse einer netten Kundin eine Freude bereiten will, indem er beim Scannen der Ware den Barcode eines Artikels verdeckt, ein kleines Tütchen gleich hinter dem Lesegerät durchschiebt oder zwei Schachteln so aufeinander legt, dass nur eine erfasst wird. Gegen solche Gefälligkeiten setzt Big Y die intelligente Überwachung.

Kameras filmen die Kassenzone, ein Spähprogramm untersucht die Aufnahmen darauf, ob sich Bildpixel nach Mustern verändern, wie sie für Aufnahmen bestimmter Bewegungen typisch sind. Die Suchalgorithmen sollen Gefälligkeitsdienstleister und Schummler entlarven. Bemerkt die Software Verdächtiges, schlägt sie Alarm, schickt eine Warnmeldung auf die Computerbildschirme der Marktleitung, liefert das zugehörige Video gleich mit.

An die Technik, die Big Y für 58 Filialen orderte, knüpft die Supermarktkette die Hoffnung, dass sie mehr Delikte am Fließband aufdeckt als ein menschlicher Kontrolleur. Wachleute enttarnten so manchen untreuen Kassierer. Doch egal wie viele Aufseher eingesetzt würden, alle Vergehen könnten sie nie aufspüren.

In einer sechsmonatigen Testphase erwies sich die Hightech-Überwachung allerdings nicht immer als erstklassiger Detektiv, löste immer wieder Fehlalarme aus. Die Big-Y-Führung musste lernen, dass ihren Kassierern manchmal einfach menschliche Fehler unterliefen. Nicht jeder am Scanner vorbei geschobene Artikel stellte einen Liebesdienst dar, auch Versehen und Unachtsamkeiten waren dabei.

Überwacher-Visionen

Trotz dieser und ähnlicher Interpretationsprobleme - die neue Überwachungstechnik ist auf dem Vormarsch. Die Sicherheitsbehörden von Chicago erwägen, das Vergnügungsviertel am Navy Pier mit derartigen Anomalie-Aufdeckern zu überwachen, die im Notfall automatisch Warnmeldungen an Notrufzentralen schicken. In Großbritannien läuft ein Forschungsprojekt, das klären soll, ob sich Flugpassagiere - einschließlich möglicher Terroristen - auf diese Weise kontrollieren lassen.

Es mutet wie eine Episode aus einem Science-Fiction-Film an, welche Möglichkeiten Visionäre der Videoüberwachungstechnik zuschreiben. Simpel klingt noch das Beispiel des Autofahrers, der seinen Wagen am Straßenrand parkt, während die intelligente Kamera ermittelt, dass das Mobil gar nicht zugelassen ist. Auch wenn ein Terrorist einen Sprengstoffkoffer auf dem Bahnsteig abstellt, soll automatisch ein Alarm folgen.

Dass moderne Überwachungssysteme dauerhaft und zuverlässig Taten erkennen, bevor etwas Schlimmes passiert, bezweifeln Skeptiker allerdings. Bewegungen von Kassierern und Kunden an der Supermarktkasse ließen sich noch relativ unkompliziert kontrollieren. Allerdings identifiziere ein Hightech-Beobachter nur solche Handlungen, die zuvor als verdächtig definiert wurden. Doch was sind die typischen Bewegungen eines Terroristen, der die Minuten bis zum Anschlag abwärts zählt?

Außerdem schafft automatische Überwachung - vor allem an Ladenkassen - neue Gefahren für den Datenschutz. Als im vergangenen Jahr in Deutschland bekannt wurde, dass der Discounter Lidl Kameras eingesetzt hatte, beklagten Datenschützer, Geheimzahlen von EC-Karten hätten ausgespäht werden können. Immerhin: Dort hatten noch Menschen die Rolle des Kontrolleurs übernommen - und nicht Maschinen.

tko/AP



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