Internet "Hallo Welt"

Auch Blinde können an Kontakten und Informationen des Internet teilhaben. Spezielle Programme eröffnen ihnen den Zugang zum Netz.


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laus-Peter Wegge ist ein Mann, der sich Dinge merkt wie ein Kandidat bei "Wetten, dass ...?" Die Fahrzeiten der Deutschen Bahn etwa, "Paderborn­Frankfurt, immer sechs Minuten nach der halben Stunde". Er kennt die Speicherplätze seines Handys auswendig und weiß noch Stunden später, wo auf dem Schreibtisch er den Kaffeepott abgestellt hat. "Eben mal nachgucken" ­ das gehört nicht zu seinem Leben. Klaus-Peter Wegge, 41, ist seit 38 Jahren blind.

Das Internet: auch für den blinden John Doyle ein Tor zur Welt
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Das Internet: auch für den blinden John Doyle ein Tor zur Welt

"Hallo Welt, dies ist ein Test" ­ das E-Mail-Programm funktioniert. Wegges Arbeitsplatz ist der Computer, seine Leidenschaft das Internet. "Diese Informationsfülle", schwärmt der Informatiker. Zeitungen, Bibliotheken, Archive ­ mit einem Mal hatte er Zugang zu den gleichen Quellen wie Sehende. Und auf lange Sicht auch mehr Platz im Regal: 3,50 Meter schluckt allein Meyers Taschenlexikon in der papierintensiven Blinden- oder Brailleschriftausgabe. 1825 stellte der französische Blindenlehrer Louis Braille ein System vor, das die Buchstaben des Alphabets durch eine Anordnung von Punkten darstellt. Die lassen sich in Papier stanzen und mit den Fingerkuppen abtasten.

So widersprüchlich es klingt: Das Internet, Medium des optischen Großauftritts von Grafiken, Bildern und Animationen, gilt Blinden als Tor zur Welt, zur "Außenwelt", wie Wegge sagt.

Wer nicht sehen kann, aber surfen möchte, braucht zur Texteingabe nichts als eine übliche Tastatur, auf der er "blind schreiben kann wie jede gute Sekretärin".

Um jedoch im Internet lesen zu können, benötigt er besondere Hilfen: Entweder ein Programm, das ihm mit synthetischer Computerstimme den Text vorliest, oder eine so genannte Braillezeile, eine Art Blindenschriftleiste, die vor ihm liegt und auf der er über elektronisch gesteuerte Stifte die 40 bis 80 Zeichen einer jeden Bildschirmzeile mit den Fingern ertasten kann.

Vorgeschaltet ist eine besondere Software, der so genannte Screen-Reader, der sämtliche Informationen einer Internet-Seite in Text umwandelt. Auf dem "Monitor für Finger" erscheint dann nur noch Text.

Eine moderne Braillezeile für den Internet-Empfang kostet bisweilen über 20 000 Mark. Ein System zur Umsetzung in Sprache ist mit 500 bis 6000 Mark zwar billiger, stiftet aber mehr Verwirrung als die Braillezeile. Mit deutsch-englischen Wortkonstruktionen wie "backup-kopieren" oder "downloaden" können die meisten Sprachprogramme so wenig anfangen wie mit ungewöhnlicher Rechtschreibung und, "fast genauso schlimm", wie Wegge sagt, "sie quatschen einem mit ihrer ewig monotonen Stimme die Ohren blutig". Er kann es sich leisten, auf die synthetische Brabbelei zu verzichten: "Ich bin mit den Fingern so schnell wie ein Sehender, der laut vorliest."

Der Programmierer, der das empfindliche Weiß seiner Augen mit einer Fensterglasbrille vor Zugluft schützt, ist unter den blinden Surfern ein Pionier. Seit elf Jahren arbeitet er für C-Lab, ein Forschungszentrum, das Siemens und die Universität Paderborn gemeinsam unterhalten. Irgendwann reichte es ihm: Seine Kollegen entdeckten E-Mail und World Wide Web, und er blieb außen vor. Wegge machte sich daran, eine erste Software zu entwickeln, mit der auch Blinde ins Internet gelangen.

Das von ihm ersonnene Programm kann Bilder und Texte unterscheiden. Die Textinformationen lassen sich unter einem Betriebssystem wie Linux (das mit einer textorientierten Benutzeroberfläche arbeitet) direkt auf die Braillezeile übertragen. Das Prinzip funktioniert, solange die Web-Designer jedes Bild, jede Grafik, jede Animation mit Text hinterlegen. Dann kann ein Blinder sich, wenn auch mühsam, durch Bannerwerbung, Links und Logos tasten.

Wegge fühlt auf seiner Braillezeile das Wort "Füller". Was er nicht sehen kann: Das dazugehörige Bild ­ ein goldbrauner Füller ­ gehört zur Internet-Werbung einer Schreibgerätefirma, die den Sehenden damit zu ihrer Homepage leiten will. Nur wenn das Bild mit einem Text hinterlegt ist, der es entsprechend definiert, erkennt auch der Blinde, dass er vor einem Link sitzt.

Kleine Animationsprogramme im Internet, so genannte Applets, geschrieben in der bei Web-Designern beliebten Programmiersprache Java, bleiben den Blinden allerdings verschlossen. Auch überladene Seiten, auf denen viele Rahmen (Frames) nebeneinander liegen, kann der Screen Reader nicht übersichtlich anzeigen ­ die Texte der Frames verschachteln sich ineinander. "Potenzielle Gegner" nennt Wegge die Erfinder solcher Spielereien. Gegen Menschen, die, wie die Organisatoren der letzten Fußballweltmeisterschaft, hüpfende Bälle ins Netz stellen mit der Aufforderung "Klicken Sie auf den Ball, um weiterzukommen", tritt Wegge erst gar nicht an. "Da hat ein Blinder keine Chance."

1997 präsentierte er am Siemens-Stand auf der Cebit seine Software-Idee, "als abseitigen Gag", wie er heute sagt. Kurz nach der Eröffnung, die Standtechniker kämpften noch mit dem Vorführeffekt, stand Wegge im Licht von Kamerascheinwerfern und hatte schon drei Radiointerviews gegeben. Fortan durfte er im C-Lab die Software mit seiner Projektgruppe weiterentwickeln. Inzwischen berät er nebenbei die EU-Kommission als Behindertenspezialist.

Mit seinem Team arbeitet er jetzt daran, Alltagsgegenstände wie Telefone und Computer so umzugestalten, dass auch Blinde sie bedienen können, Sehende aber dennoch nicht das Gefühl bekommen, sie hielten eine Spezialanfertigung für Behinderte in den Händen. Ein schlichtes Beispiel für solches Design ist das Handy, das jeden Tastendruck mit einem anderen Ton quittiert. "Erst mit dem Geräusch weiß der Blinde, dass er richtig gewählt hat."

Rund 655 000 Blinde und stark Sehbehinderte leben in Deutschland. Vielen könnte das Internet helfen, ihren Alltag leichter zu bewältigen: Homebanking, Online-Shopping, Hotelbuchungen. Einen "unglaublichen Zuwachs an Autonomie" nennt es der blinde Marburger Journalist Franz-Josef Hanke. "Wir können ungestört E-Mails verschicken oder Kontaktanzeigen lesen." Für viele hat auch das Blind Date im Netz seinen Reiz. "Niemand merkt, dass wir blind sind", sagt Hanke.

Hanke ist Gründer des Arbeitskreises "Barrierefreies Internet", der jedes Jahr den "Gordischen Web-Knoten" für die blindenfeindlichste und die blindenfreundlichste Web-Seite verleiht. Der Deutsche Bundestag wurde 1999 für seinen Web-Auftritt belobigt; die Bundesanstalt für Arbeit hingegen veröffentlichte Stellenangebote für Sehbehinderte im Netz, versteckte sie aber hinter nicht zugänglichen Frames. "Das ist wie ein Rollstuhlklo im 3. Stock", stichelt Hanke. "Das nützt dem Behinderten gar nichts, wenn er da raufgetragen werden muss."

Bloß unabhängig bleiben, jedenfalls so gut es geht ­ das sei das Wichtigste, meint auch Internet-Pionier Wegge, der im Alter von drei Jahren nach einem Unfall das Augenlicht verlor und später seine Matheklausur zum Abitur in Blindenschrift verfasste. Bloß nicht auffallen in der "Außenwelt", die vor allem dem Äußeren huldigt und deren Logik einem Blinden weithin verschlossen bleibt. An die Bilder und Farben, die er als Kleinkind gesehen hat, kann Wegge sich nicht mehr erinnern. Trotzdem müht er sich mitzuhalten: glatt rasiert, Hose, Strümpfe, Schuhe rostbraun, Ton in Ton.

Informatik würde Wegge heute nicht mehr studieren. "Als ich vor 20 Jahren anfing, überwogen reine Textprogramme", sagt er. "Für einen winzigen Moment waren wir den Sehenden gleichgestellt."

Als dann die Benutzeroberflächen von Microsoft und Apple auf den Markt kamen, gespickt mit kleinen Äpfeln, Papierkörben und Ordnern, waren die Blinden erst einmal außen vor. Mittlerweile gibt es Screen-Reader, die auch Windows-Symbole in Text umwandeln können. Doch sie lesen nur, was sie kennen, und müssen bei jeder neuen Version aktualisiert werden.

Dennoch tasten sich viele Blinde auch durch Windows, schon allein, weil es ihr Beruf erfordert. "Unsere Schüler müssen in den Standardprogrammen so fit werden wie Sehende", sagt Patrick Temmesfeld, Informatiklehrer an der Blindenschule "Johann Peter Schäfer" im hessischen Friedberg. Zwei Informatikstunden pro Woche vom dritten bis zehnten Schuljahr stehen dort auf dem Stundenplan, unterrichtet wird in kleinen Klassen. Seit 1997 lernen die Schüler auch das Surfen, aber ihr Lehrer fürchtet, dass sie, kaum dass sich ihnen das Tor zur Welt geöffnet hat, schon wieder abgehängt werden: Je schneller der Datenfluss im Internet, desto mehr setzen die Web-Designer auf Bilder statt auf Texte.

"Manchmal ist eben doch alles Kampf", sagt Software-Entwickler Wegge und leistet sich einen Augenblick lang Resignation. Im Alltag braucht er Stimmen, die ihm die Augen ersetzen: Auf dem Küchentisch zu Hause liegt für die Nachrichten an seine Frau statt Zettel und Bleistift ein Cassettenrecorder. Im Forschungszentrum navigieren ihn seine Mitarbeiter beim Mittagessen mit vorsichtigen Hinweisen: "Der Salat steht links von dir."

Als EU-Berater schlägt Wegge sich mit noch komplexeren Problemen herum: Die Europäische Union steht unter anderem vor der Frage, wie sich der Schließmechanismus von Klotüren auf öffentlichen Behindertentoiletten in den Mitgliedstaaten einheitlich gestalten lässt.

KATJA THIMM

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