Internet-Haus "Sprung in die Zukunft"

Ob Rasenmäher oder Kühlschrank - im "FuturElife"-Haus am Zugersee in der Schweiz ist alles vernetzt. Dass sich auch Menschen in der Hightech-Umgebung wohl fühlen können, soll drei Jahre lang eine Testfamilie beweisen.


Testbewohnerin Ursi Steiner: "Was gibt es Spannenderes, als in der Zukunft zu leben?"
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Testbewohnerin Ursi Steiner: "Was gibt es Spannenderes, als in der Zukunft zu leben?"

Zug/Schweiz - "Wir haben den Sprung in die Zukunft gewagt", sagt Daniel Steiner. Seit zwei Monaten bewohnen der Informatiker und seine Frau Ursi mit ihren Kindern, der elfjährigen Grace und dem vierjährigen Carlo, das "FuturElife"-Haus in Hünenberg im Schweizer Kanton Zug. Die Familie hat sich vertraglich verpflichtet, die nächsten drei Jahre in einer komplett vernetzten Doppelhaushälfte unter Alltagsbedingungen die Technologie von morgen zu erproben.

Getragen wird das Projekt von der Beisheim Holding GmbH, die die Steiners unter 71 Bewerbern auswählte. Dass Daniel und Ursi Steiner für das Experiment ihre angestammten Berufe aufgeben mussten, stört sie wenig. "Was gibt es Spannenderes, als in der Zukunft zu leben?" meint die Grundschullehrerin. Ihr Mann, der Informatiker, freut sich, dass ihnen modernste Computergeräte zur Verfügung stehen - allesamt Prototypen, die vielleicht erst in drei bis fünf Jahren auf dem europäischen Markt erscheinen werden.

Kommen die Steiners nach Hause, brauchen sie keinen Schlüssel, sondern identifizieren sich mit ihrem Fingerabdruck am Türöffner. Alle technischen Geräte im Haus sind miteinander vernetzt und von einer zentralen Konsole aus steuerbar. Mit einer Fernbedienung können alle Funktionen auch drahtlos ausgelöst werden. Aber auch per Mobiltelefon lassen sich Licht, Fernseher, Backofen, Staubsauger oder PC einschalten.

Komplett vernetzt: Daniel und Ursi Steiner, Kinder Grace und Carlo
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Komplett vernetzt: Daniel und Ursi Steiner, Kinder Grace und Carlo

Der programmierbare Backofen hält die Pizza anfangs kühl und taut sie erst auf, wenn sie gebacken werden soll. Brot, Käse, Joghurt und alle anderen Lebensmittel bestellt der Kühlschrank, der die Familie immer wieder mit Menüvorschlägen überrascht, gleich selbst über das Internet beim Online-Händler. Geliefert wird in die an der Außenwand des Hauses angebrachte SkyBox, einen gekühlten Großbriefkasten, dessen Tür per Code zu öffnen ist. Via E-Mail werden die Hausbewohner über das Eintreffen der Waren informiert.

Die Fenster-Jalousien richten sich automatisch nach dem Stand der Sonne aus. Eine "Kokon-Dusche", deren futuristisches Design an eine Raumkapsel erinnert, kann überall aufgestellt werden, wo es einen Wasseranschluss und Strom für die integrierte Beleuchtung gibt. Besonders ausgeklügelt: Der mit Sonnenenergie betriebene Rasenmäher mäht automatisch. Die Zukunftstechnik erleichtere dem Menschen die Arbeit, glaubt Ursi Steiner. "Am Ende sollen technische Geräte so einfach zu bedienen sein, dass jede Gebrauchsanweisung überflüssig wird."

Rund vier Millionen Mark ließ sich der Gründer der Metro-Handelskette, der 76-jährige Otto Beisheim, das Internet-Haus in Hünenberg kosten. Über 60 Unternehmen sind an "FuturElife" beteiligt, darunter als Hauptpartner das amerikanische Internet-Unternehmen Cisco.

Auf der Website des Internet-Hauses soll sich demnächst über sechs Web-Kameras live verfolgen lassen, wie die Familie Steiner lebt. Von einem "Big Brother am Zugersee" will Hans-Dieter Cleven, Initiator des Projekts und Geschäftsführer der Beisheim Holding, aber nichts wissen. "Wir wollen Denkanstöße liefern, Visionen auslösen, die Angst vor neuen Technologien abbauen und den Glauben an die Zukunft wecken", sagt er.

Damit die vier Steiners trotz Zukunftsglauben keinen Hightech-Koller bekommen, dürfen sie sich zwischendurch und am Abend erholen. Zum "Abschalten" müssen Daniel, Ursi, Grace und Carlo nur in die zweite Hälfte des Hauses wechseln - die ist nicht vernetzt.

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