Internet-Seekabel Vierter Netzausfall nährt Verschwörungs-Theorien

Vier Internet-Seekabel sind binnen weniger Tage gekappt worden. Wie konnte das geschehen, warum - und wer ist verantwortlich? Dass Schiffsanker die Leitungen zerrissen haben, bestreiten ägyptische Behörden. Im Netz schießen die Verschwörungstheorien ins Kraut.

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Die Verschwörungstheoretiker sind in Höchstform - denn die Ereignisse, die an die 100 Millionen Menschen im nahen Osten und in Indien im Moment den Zugang zum Internet erschweren, sind merkwürdig. " Slashdot"-Leser "fyngyrz" sieht schon einen Krieg heraufziehen: "Bomben in 3... 2... 1...", schreibt er in einem Kommentar, und weiter: "Vier Kabelbrüche können, wenn ihr mich fragt, kein Zufall sein. Ich erwarte buchstäblich täglich, den Fernseher einzuschalten und Bomben fallen zu sehen."

Glasfaserkabel: Nicht leicht zu zerreißen
DDP

Glasfaserkabel: Nicht leicht zu zerreißen

Am vergangenen Mittwoch ging es los: Zwei von verschiedenen Unternehmen betriebene Seekabel vor der Küste Ägyptens rissen. Der Zeitung "Christian Science Monitor" zufolge verschwand damit 70 Prozent der ägyptischen Netz-Kapazität, in Indien fiel die Hälfte aller Bandbreite dem Kabelbruch zum Opfer. In Indien, wo gewaltige Netz-Kapazitäten von Outsourcing-Firmen genutzt werden, die etwa Callcenter für in den USA ansässige Firmen betreiben, blieb die zunächst befürchtete Katastrophe jedoch aus - gerade die großen, professionellen IT-Anbieter hatten sich mit redundanten Netzwerken rückversichert und erlebten kaum Auswirkungen durch den Riss. Privatanwender und kleinere Unternehmen dagegen wurden aus dem Netz gekegelt oder mussten sich mit digitalem Schneckentempo zufriedengeben.

Inzwischen sind vier Kabel hinüber

Am vergangenen Freitag kam dann die nächste Hiobsbotschaft für die Region: Auch im persischen Golf, vor der Küste des Emirates Dubai, ging ein weiteres Kabel kaputt, die sogenannte Falcon-Verbindung. Und am gestrigen Sonntag gab eine vierte Netzverbindung ihren Geist auf - wieder im persischen Golf, diesmal aber zwischen Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Datenkabel rund um die arabische Welt machten plötzlich einen allzu brüchigen Eindruck - auch wenn der letzte Ausfall einer ersten Meldung zufolge mit einem Problem der Energieversorgung zusammenhängt, und nicht durch ein gerissenes Kabel verursacht wurde.

Ein derartiges Kabel zu zerreißen, ist nicht einfach: Die Stränge sind üblicherweise etwa sieben Zentimeter dick, die Glasfasern im Zentrum sind umgeben von diversen Schutzschichten, darunter zwei Schichten verstärkter Stahldrähte, eine Kupferhülle sowie Silikon- und Kunststoffschichten.

Die einfache Erklärung für die ersten zwei Ausfälle, die der Kabelstränge SEA-ME-WE 4 und Flag Europe-Asia, ruinierte ein ägyptischer Ministeriumssprecher gestern: Die Kabel seien nicht von Schiffsankern zerstört worden: Man habe Bilder von auf den entsprechenden Bereich gerichteten Überwachungskameras ausgewertet, "zwölf Stunden bevor und zwölf Stunden nachdem die Kabel durchtrennt wurden". Dabei habe man festgestellt: "Kein Schiff befuhr diesen Bereich." Zudem handele es sich um eine Verbotszone, man könne daher ausschließen, dass Schiffe für den Schaden verantwortlich seien.

"Iran ist nicht abgekoppelt!"

Das Unternehmen Flag Telecom, das eins der beiden Kabel im Mittelmeer betreibt, teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, man wisse noch nicht, wie der Schaden zustande gekommen sei. Bevor am Dienstag oder Mittwoch ein bereits auf dem Weg befindliches Reparaturschiff dort angekommen sei, könne man dazu keine Angaben machen. Das gleiche gelte für das Falcon-Kabel im persischen Golf. Ein weiteres Reparaturschiff, das von Abu Dhabi aus auslaufen sollte, sitzt dort derzeit aber wegen schlechten Wetters fest. Man habe jedoch inzwischen über andere Routen die ausgefallene Kapazität ausgeglichen.

Nun rätselt das Netzvolk: Planen die USA einen Angriff auf Iran und bereiten diesen mit einem Angriff auf die IT-Infrastruktur des Landes vor? Hat der Geheimdienst NSA versucht, die Unterseekabel anzuzapfen und dabei versehentlich beschädigt? Für die erste Theorie sprach scheinbar auch eine Meldung auf der Webseite "Internet Traffic Report", derzufolge Iran derzeit vollständig vom Netz abgekoppelt sein soll. Das aber stimmt nicht, glaubt man einer Analyse des auf Netz-Traffic-Analyse spezialisierten Unternehmens Renesys: "Achtung, Iran ist nicht abgekoppelt!" überschrieb man dort einen Eintrag im Unternehmensblog. Der "Internet Traffic Report" frage nur einen einzelnen Router in Teheran ab, und der sei möglicherweise tatsächlich nicht erreichbar. Insgesamt seien nach den eigenen Analysen aber "nur etwa 20 Prozent der Netzwerke" in dem Land betroffen.

Andere Blogger und Kommentatoren vermuten nicht Aktivitäten der US-Regierung sondern noch geheimnisvollere Ereignisse hinter den Netz-Ausfällen. Von "bislang nicht dokumentierten plattentektonischen Aktivitäten" über "ein bisschen Sabotage" bis hin zu "einer neuen Unterwasser-Lebensform", die "Kabel zerreißt, während sie über den Meeresboden kriecht", reichen die Spekulationen.

Was wirklich die Ursache für die plötzliche Häufung ist, bleibt vorerst ein Rätsel - bis die Reparaturteams vor Ort ankommen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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Blendwerk 04.02.2008
1. Seekabel?
Das Cloverfield Monster!!
joschid 04.02.2008
2. Yrr
Schwarm-Leser wissen Bescheid: Die Bewohner des Wassers schlagen zurück.
lolicon 04.02.2008
3. Iranische Ölbörse?!
Daran gedacht, dass die iranische Ölbörse zw. dem 1. und 11. Februar anlässlich der iranischen Revolutionsfeiern starten sollte? Dürfte dank dem eingeschränkten Onlineverkehr schwierig werden. Welch wunderlicher Zufall - die dürften nun den Postweg favorisieren. Wieder mal top recherchiert, SPON. Bravo. Hauptsache Meeresmonster betont in die Riege der Hypothesen stellen.
wakaba 04.02.2008
4. Die Offensive geht wohl bald los
Bald gehts wohl wieder los. War ja bisher verdächtig ruhig, der Countdown läuft.
Kassian 04.02.2008
5. Aw
LOL, lustig manche Blogeinträge zu lesen. Dennoch wäre das erste logische Ziel einer jedweden Militäroffensive die Kommunikation des gegnerischen Landes lahmzulegen und da zählt das Internet heutzutage definitiv dazu. Oder wars am Ende doch Nessie? *g*
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