Interview mit Nintendo-Chef Iwata "Man konnte hören, wie es Sony schmerzt"

Eben sind Preis und Starttermin für die neue Nintendo-Konsole Wii verkündet worden, während Rivale Sony den eigenen Europastart verschieben musste. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Nintendo-Chef Satoru Iwata über den Schmerz der Konkurrenz - und Gefahren fürs Mobiliar.


SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erster Gedanke, als sie von der Verschiebung des Europa-Starts der PlayStation 3 (PS3) ihres Konkurrenten Sony gehört haben?

Satoru Iwata: Sony hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, wie wichtig ihnen der weltweite Verkaufsstart sein würde. Als ich die Erklärung las, konnte man meiner Meinung nach schon heraushören, wie Sony es geschmerzt hat, nun mit einer kleineren Stückzahl und erst 2007 in Europa starten zu müssen. Die Welt ist durch das Internet ja wesentlich kleiner geworden und dann schadet es natürlich einem Unternehmen, wenn es mit so einem wichtigen Produkt zu unterschiedlichen Zeitpunkten an den Start geht.

SPIEGEL ONLINE: Vor zwei Jahren hatte man auch Nintendo schon beinahe abgeschrieben. Haben sie jetzt die Lücke gefunden, in der Sie noch auftrumpfen können?

Iwata: Man hatte ja schon behauptet, wir würden ganz aus dem Konsolengeschäft aussteigen. Und als wir unsere neue Konsole unter dem Codenamen Revolution angekündigt haben, gab es auch eine Menge Skeptiker, die uns das nicht zugetraut haben. Jetzt scheint aber wieder die Leidenschaft für das Spiel an sich zurück zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wii soll uns wieder zurück zur Konsole bringen?

Iwata: Wenn es immer nur darum geht, dass Spiele eine bessere Grafik haben sollen, ist irgendwann ein Sättigungspunkt erreicht. Es muss also ein anderer Reiz geschaffen werden. In Japan haben wir es zuerst mit dem Nintendo DS geschafft, neue Zielgruppen zu erschließen. Und auch in Europa scheint uns das gut zu gelingen. Amerika ist dann noch mal eine ganz andere Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Aber es wird doch viele Gamer geben, die sich nur schwer für die sehr einfach gehaltene Grafik etwa der Wii-Sports-Spiele begeistern können. Ist das Absicht?

Iwata: Das ist auf jeden Fall absichtlich, aber man muss schon sagen, dass wir innerhalb von Nintendo darüber lange diskutiert haben. Das Produkt hätte auch ganz anders aussehen können, aber wir wollten absichtlich den Effekt erzeugen, dass man sich ganz auf die Spielweise konzentriert. Wir hätten ein Tennisspiel ja auch mit Mario oder einem anderen Nintendo-Charakter als Hauptfigur bringen können. Aber auch das hätte eben nur abgelenkt und in eine Phantasiewelt entführt, die wir ja gar nicht fördern wollen.

SPIEGEL ONLINE: Aber besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass die Wii-Konsole gegen eine PS3 oder Xbox 360 als Schwächling dasteht?

Iwata: Das glaube ich nicht. Man sieht ja bei Spielen wie dem neuen Teil der Zelda-Serie, dass auch anspruchsvolle Grafik auf der Wii möglich ist. Und auch andere Entwickler wie Electronic Arts zeigen, dass ein aktuelles Sportspiel auf der Wii toll aussehen kann. Ich erlebe im Bezug auf die Frage nach der Grafik auch immer den gleichen Effekt - sobald jemand den Controller mal selbst ausprobiert hat, tritt die Frage nach der Optik ganz weit in den Hintergrund. Für die Optik eines Spiels investieren Entwickler bis jetzt einen Großteil ihrer Zeit. Wenn das eigentliche Spielen bei der Wii jetzt wieder im Vordergrund steht, könnten Spiele wesentlicher schneller erscheinen - und es reduziert die Kosten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit verschiedenen neuen Titeln mehr und mehr ältere Spieler als Kundschaft gewonnen. Öffnet sich da nicht eine inhaltliche Schere zu den traditionellen Videospielen, die in Zukunft nur schwer zu schließen ist?

Iwata: Bestimmt ist es für einen älteren Spieler schwierig, den Sprung von einem Spiel wie "Big Brain Academy" hin zu einem Adventure wie "Zelda" zu machen. Das wird wohl eher stufenweise möglich sein. Auch ich kann noch nicht sagen, wie viele Spieler wir in den kommenden Jahren auch für komplexere 3D-Spiele begeistern werden können. Aber man könnte sich auch fragen, ob diese Spiele vielleicht zu kompliziert sind und das Spieldesign mehr auf Einsteiger eingehen müsste. Darin sehe ich eine große Herausforderung.

Satoru Iwata: Wer Spaß am Spielen hat, fragt nicht nach Grafik
AP

Satoru Iwata: Wer Spaß am Spielen hat, fragt nicht nach Grafik

SPIEGEL ONLINE: Ein weiteres Problem nicht nur für ältere Spieler könnte die Texteingabe an einer Videospielkonsole sein. Wird es zur Bedienung der neuen Internetfunktion von Wii eine Tastatur geben?

Iwata: Von Nintendo selbst wird vom ersten Tag an wohl keine eigene Tastatur geben, aber technisch wäre das möglich. Die Konsole hat ja einen USB-Anschluss und ein Bluetooth-Modul, so dass man eine entsprechende Tastatur anschließen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wäre Wii ein richtiger Computer. Wollen Sie diesen Eindruck als traditionelle Videospielfirma eher vermeiden?

Iwata: Darum geht es gar nicht mal. Aber es wäre doch komisch, wenn wir eine möglichst kompakte Konsole entwerfen und dann ein Zusatzgerät die dreifache Größe hat. Und es spielen auch regionale Vorlieben wieder eine Rolle. In Europa ist die Tastatur sicher das wichtigste Eingabegerät, während man in Asien verschiedene Arten von Texteingabe kennt. Auch das sehe ich eher wieder als Herausforderung für die Designer, mit einer neuen Art von Eingabe zu überzeugen. Die Möglichkeiten des neuen Wii-Controllers bieten da ja neue Ansätze, wie man schnell Text eingeben kann.

SPIEGEL ONLINE: Nintendo ist als Unternehmen stark in Japan verwurzelt, sie haben dort eine Menge Fans. Aber sind die Wohnungen in Japan nicht zu klein für den Bewegungsradius, den man bei manchem Wii-Titel braucht?

Iwata: Es stimmt, dass uns dass am Anfang etwas Kopfschmerzen bereitet hat. Aber jeder Spieler hat mit dem Controller die Wahl, wie viel Dynamik er ins Spiel einbringt. Wenn man eine einfache Handbewegung macht oder wild mit den Armen rudert, erzeugt das im Spiel den gleichen Effekt.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden den Spielen also keinen Gutschein als Entschädigung für zertrümmertes Mobiliar oder blaue Augen beilegen?

Iwata: (lacht laut...) Leider nein. Das können wir uns dann doch wohl nicht leisten.

Die Fragen stellte Gregor Wildermann



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