iPod Mini Meins, meins, meins!

Wenn man einen iPod Mini aus der Tasche zieht, fühlt man sich wie ein Krebs unter Möwen im Film "Findet Nemo": Von hungrigen Augen beobachtet erwartet man die unvermeidliche Attacke. "Zeig mal!" scheint ein gängiger Reflex zu sein. Zu hören gibt es allerdings auch was.


Objekt der Begierde: Am 25. März verschob Apple den Verkaufsbeginn des iPod Mini auf den Juli 2004
Apple / Pixar

Objekt der Begierde: Am 25. März verschob Apple den Verkaufsbeginn des iPod Mini auf den Juli 2004

Über Geschmack, sagt das Sprichwort, kann man nicht streiten. Über einen Begriff wie "Vernunft" hingegen schon, denn der bedeutet für jeden etwas anderes.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Ist es vernünftig, für einen MP3-Player 299 Euro auszugeben?

Eine klare Antwort, die so etwas wie Wahrheit für sich beanspruchen kann, gibt es darauf nicht. Es kommt drauf an.

Zum einen bekommt man inzwischen ja diverse MP3-Sticks mit und ohne Display ab etwa 70 Euro in jedem Baumarkt hinterher geschmissen. 64, 128 oder 256 MB Fassungsvermögen haben die in der Regel, sind handlich und praktisch, klingen ganz passabel. Zum anderen gibt es da die Liga der Jukeboxes, die vor allem durch ihr Fassungsvermögen glänzen: 20 bis 60 Gigabyte sind Standard, und natürlich können die Kisten nicht nur Musik, sondern alle möglichen Daten lagern.

Irgendwo dazwischen liegt der iPod Mini mit seinen 299 Euro für 4 GB, wenn man nur auf Preise und Kapazität schaut, aber er ist doch ein ganz anderes Produkt.

Das beginnt schon bei der Verpackung: Der Mini kommt in einem würfeligen, weißen Karton daher, nicht in einem wie auch immer gearbeiteten "Päckchen". Das Auspacken ist ein sinnlicher Spaß: Für so was zeigen altgediente Ökos Unternehmen an, während es Werbeclubs mit Preisen prämieren. Das ist ein Signal: Ein Produkt, das in so etwas steckt, ist edel.

Ist es?

Ganz schlank und kühl und relativ schwer liegt das kleine Ding in der Hand, anders als seine Plastik-Verwandten. Der erste Eindruck nimmt ein - mehr als bei seinem großen Verwandten, dessen Styling ja eher aus der Pharmazie zu kommen scheint (rund zwei Millionen Käufer sahen das übrigens anders). In der Box liegt eine ganze Menge: Kopfhörer, Kabel, ein Gürtelclip, ein aufwendig gestaltetes Booklet, das sowohl die Software als auch das Handbuch enthält. Keine Batterien.

Steve Jobs mit dem neuen iPod: Deshalb heißt der "Mini"
DPA

Steve Jobs mit dem neuen iPod: Deshalb heißt der "Mini"

Die braucht der iPod nicht, weil er über die Verbindung zum Rechner gefüttert wird.

Kein reiner Apple

Ob der nun Mac heißt oder nicht, ist nicht relevant: iPod kommuniziert auch mit Windows-PCs. Und zwar ziemlich unproblematisch: Als Schnittstelle fungiert wie auf der heimischen Plattform das Programm iTunes. Das, sagen Apple-Fans, bediene sich ganz intuitiv. Das, sagen Windows-Routiniers, stimmt, sobald man das Handbuch gelesen hat.

Tatsächlich ist das Programm bequem, wenn man sich daran gewöhnt hat, und damit auch der Player, denn wirklich zu trennen ist das nicht. So findet auch kein "Upload" statt wie bei anderen Playern, die sich gegenüber dem PC als nicht mehr als ein externes Laufwerk identifizieren. Beim iPod "synchronisiert" man die Datenbestände zwischen Programm und iPod. Das macht es sehr bequem, Daten auf den Player zu schaufeln. Das macht es zur detektivischen Aufgabe, sie wieder zu entfernen.

Ordnung muss sein

Doch kein Produkt ohne Haken und Ösen. Irgendwann klappt das prächtig, und ein gewisser Lernbedarf kann ja auch nicht verwundern: Diese Daten-Konserve ist mehr als eben nur das. Beim iPod wird die aufgespielte Musik gleich kategorisiert, wenn man weise ist, in Ordner gepackt, geordnet. Das ist nötig, denn es passt eine Menge drauf. So aber gelingt der gezielte Zugriff auf verschiedene Teile des selbst zusammen gestellten Angebotes fast spielerisch, während man bei vielen Konkurrenzprodukten nur die Möglichkeit des "Vorwärts-Klickens" hat. Auf einem Player mit mehreren Gigabyte Kapazität artet das aber schnell in eine Art Bodybuilding für den Daumen aus.

Der ist beim iPod übrigens nicht gefragt.

Gesteuert wird der schlanke Player über sein rundes Navigationsfeld, das einerseits "Tastenfunktionen" hat, andererseits ähnlich funktioniert, wie die kleinen Touch-Displays an Laptops, die dort die Maus ersetzen. Man reibt also mit sehr sanftem Druck über das Navigationsfeld, um Auswahlen auf dem gut lesbaren Display mit den dargestellten Menüs zu treffen. Das verlangt Fingerspitzengefühl.

Quietschbunt: Apple-typische Farbauswahl

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Menüs gibt es eine ganze Menge, denn der iPod will mehr als nur Musik machen. Neben schon fast zu vielen Einstellungsmöglichkeiten zur Musik verfügt der Winzling auch über einige Organizer-Fähigkeiten. Das ist schick, wenn auch nicht unbedingt praktisch: Kontaktlisten importiert iTunes aus diversen Programmen, gleiches gilt für Notizen. Wer so was unterwegs unbedingt braucht, leistet sich ein entsprechendes Handy (oder einen Notizblock?). Am besten ist und bleibt der iPod als Musikmaschine.

Taschenjukebox und Neid-Maschine

Da bietet er einen durchaus satten Klang, der im Rahmen einer Anzahl vordefinierter Klangmuster variiert werden kann. Spätestens hier wird auch dem größten Skeptiker klar, dass er etwas anderes in der Hand hat, als einen der üblichen MP3-Sticks. Nicht schlecht, Herr Specht.

Auf die Umwelt hat der Winzling einen ganz interessanten Effekt, und der ist wohl Teil des Erfolgsgeheimnisses. Der iPod ist eine wahre Neid-Maschine.

Kaum gezückt weckt er die Gier im Gegenüber, in der Öffentlichkeit fühlt man sich bald wie eine Krabbe unter Möwen: "Zeig mal her!", "Was ist das denn?", "Wow, schick!" und ähnliche Lautäußerungen verschmelzen zu einem kleinen Chor, der an das "Meins, meins, meins!" der Möwen bei "Findet Nemo" erinnert.

Damit nähern wir uns einer Antwort auf die Vernunft-Frage. Natürlich gibt es Konkurrenzprodukte, die teils für deutlich weniger Geld mehr Musikspeicher-Kapazität bieten. Archos Jukebox etwa, Wegbereiter auch des iPod, ist inzwischen für rund 230 Euro zu haben und bietet 20 GB und eine fitte Aufnahmefunktion. Im direkten Vergleich aber ist das wie Tech-Toy gegen Tech-Accessoire.

Der iPod bietet tolle Technik und ein elegantes Design zu einem Preis, der ihn wahrlich nicht zum Sonderangebot macht. Aber danach hat der Kunde wohl auch nicht gesucht, der dafür in die Tasche greift. Unter den schon Anfang März vom Mac-Distributor Gravis mit einem Testgerät beglückten Journalisten löste das Gerät zumindest eine kleine iPod-Euphorie aus. "Den will ich gar nicht mehr abgeben", sagte mir eine Kollegin. Mit Vernunft hat auch das nichts zu tun, aber so wirkt der wohl.

Frank Patalong

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