iPod-Werbung imitiert: "Natürlich waren wir frech"

Wegen eines Uni-Projekts haben drei Berliner Studenten gewaltigen Ärger mit Apple bekommen: Ihre Plakatkampagne für die Berliner Suchthilfe erinnert zu stark an die iPod-Werbung. Der Computerkonzern fürchtet Imageschädigung und hat mit einer Klage gedroht - die kalkulierte Provokation ist geglückt.

Das gab Ärger: Die gestalterische Nähe zu bekannten Apple-Werbemotiven gehörte zum Konzept
Projektgruppe an der Uni der Künste, Berlin

Das gab Ärger: Die gestalterische Nähe zu bekannten Apple-Werbemotiven gehörte zum Konzept

Die Ähnlichkeit mit Apples iPod-Werbung ist frappierend: schwarze Silhouetten, tanzend vor blauem, pinkfarbenem und gelbem Hintergrund. In der Hand haben sie aber keinen iPod, sondern Spritze und Bierflasche, und darunter stehen das Logo der Berliner Suchthilfe und der Spruch: "Nicht alle Drogen sind so harmlos wie Musik." Die provokanten Plakate stammen von drei Studenten der Universität der Künste in Berlin und entstanden im Rahmen eines Uni-Projekts. Julia Filimonow, die 24-jährige Sprecherin des Trios, über den beinahe gescheiterten und dann doch noch gelungenen PR-Coup.

Julia Filimonow: "Steve Jobs hat früher selbst geklaut"

Julia Filimonow: "Steve Jobs hat früher selbst geklaut"

SPIEGEL ONLINE: Wieso habt Ihr ausgerechnet die iPod-Werbung imitiert?

Filimonow: Uns war klar, dass wir damit einige Aufregung auslösen würden: Die Plakate mit den tanzenden Menschen sind ja sehr bekannt. Die Berliner Suchthilfe hat kein Geld für eine große Kampagne, sie brauchen Sponsoren, um Plakate zu drucken und Plakatierflächen zu mieten. Und Sponsoren lassen sich besser akquirieren, wenn man zeigt, dass man frech und modern ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber Ihr müsst doch damit gerechnet haben, dass Apple nicht einverstanden sein würde.

Filimonow: Natürlich, das war sogar einkalkuliert. Wir wollten 400 Plakate aufhängen, damit Aufsehen erregen und so eine einstweilige Verfügung von Apple provozieren. Wir hätten sie dann ohne Widerrede wieder abgehängt - aber durch den Medienrummel sollten viele Menschen, vor allem Sponsoren, auf die Suchthilfe aufmerksam werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Plakate wurden aber nie aufgehängt. Warum nicht?

Filimonow: Durch puren teuflischen Zufall: Wir haben eine Plakatierfirma beauftragt, unsere Plakate zu kleben - und am selben Tag hat Apple bei derselben Firma die iPod-Kampagne gebucht. Der Chef der Plakatierfirma hat die Ähnlichkeit bemerkt, hat sich geweigert, unsere Plakate aufzuhängen, und hat Apple informiert.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Filimonow: Nacheinander riefen die deutsche, die Londoner und die Pariser Zentrale von Apple bei der Suchthilfe an und versuchten die Aktion zu stoppen. Dann kam ein vierseitiges Fax, in dem die Apple-Anwälte mit einer Klage wegen Imageschädigung drohten. Darin stand, dass durch unsere Plakate die Verkaufszahlen für den iPod sinken könnten und dass es um Millionensummen geht.

SPIEGEL ONLINE: Was hältst du von dieser Reaktion?

Filimonow: Ich will die Geschichte jetzt nicht zu einem "David gegen Goliath" stilisieren - natürlich waren wir frech. Trotzdem finde ich, dass Apple reichlich übertrieben reagiert hat. Womöglich hätte ihnen das Ganze sogar genutzt: Soziales Engagement ist ja gerade deutschen Verbrauchern sehr wichtig.

iPod-Werbung: Bekannte Plakate tanzender Menschen
AP

iPod-Werbung: Bekannte Plakate tanzender Menschen

SPIEGEL ONLINE: Jetzt habt ihr einen Brief an Steve Jobs geschrieben: "Mensch Steve, früher warst Du doch ein Pirat, und jetzt benimmst du dich wie die Navy", steht darin. Wie ist das gemeint?

Filimonow: Steve Jobs hat ja früher selbst geklaut - den Namen Apple von der Plattenfirma der Beatles. Damals musste er sich verpflichten, den Namen Apple niemals im Musikgeschäft zu nutzen. Und jetzt hat er den iTunes Music Store.

SPIEGEL ONLINE: Glaubst du, dass er antworten wird?

Filimonow: Wahrscheinlich nicht. Aber das macht ja nichts: Obwohl die Plakate nicht hängen, haben wir geschafft, was wir wollten. Unser Ziel war, in die Zeitung zu kommen - und voilà, in der Zeitung sind wir.

Das Interview führte Angelika Unger

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