Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

IT-Forensik: Das letzte Experiment der Columbia

Im Februar 2003 verglühte die Raumfähre Columbia in einem Regen aus Wrackteilen, die sich über hunderte Kilometer verteilten. Eines davon war eine Festplatte mit den Daten eines Experimentes. Die Resultate erschienen nun in einer Fachzeitschrift - restauriert von der verschmorten Platte.

Hightech ist fragil, wer wüsste das nicht: die Komponenten unserer elektronischen Geräte sind empfindlich genug, uns per Ausfall immer wieder ein Loch ins Portemonnaie zu brennen. Andererseits gibt es Spezialisten, die selbst noch aus verbrannter Hardware Daten holen können - Computer-Forensiker kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Dinge gründlich schiefgegangen sind.

Das trifft auf die Katastrophe der US-Raumfähre Columbia mit Sicherheit zu. Am 1. Februar 2003 verglühte sie in 60 Kilometer Höhe beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Alle sieben Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Und weil sich die Fähre zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechens mit über 20.000 Stundenkilometern bewegte, regneten ihre Wrackteile in einem Gebiet über den USA ab, dass sich wie ein Gürtel hunderte von Kilometern durch mehrere Bundesstaaten zog.

Eines dieser Teile bestand aus zwei miteinander verschmolzenen Metallteilen, die der 60-Kilometer-Sturz noch weiter verbeulte. Eines der Teile war eine Festplatte - oder das, was davon übriggeblieben war. Die Nasa gab die Platte an die Firma Kroll Ontrack, die weltweit bekanntesten Computer-Forensiker.

Viel Hoffnung machten die der Nasa zunächst nicht. Plastik- wie Metallteile waren verbogen und angesengt, vor allem aber war die Dichtung des Plattengehäuses beschädigt: damit konnte Staub eindringen - und Staub ist ein Festplattenkiller erster Güte.

Dass nun das letzte dokumentierte Experiment der Columbia-Crew, dessen Daten vollständig wiederhergestellt werden konnten, als Vermächtnis der Wissenschaftler an Bord in einem Fachblatt veröffentlicht wurde, verdankt sich einem glücklichen Umstand: die Technik der US-Raumfähren ist aus der digitalen Steinzeit.

Denn konzipiert wurden die Shuttles in den 70er-Jahren. Bis heute kommen in der Telemetrie der Shuttles Chips der ersten Generation, wie man sie in PCs Anfang der Achtziger fand, zum Einsatz. Vor Jahren schossen etwa die Preise für die uralten 8086-CPUs (4,77 MHz, eingeführt 1978) bei Ebay in die Höhe, nachdem bekanntgeworden war, dass die Nasa die dort einkaufte: Frische Ware dieser Art gibt es seit Mitte der Achtziger nicht mehr. Sie werden bis heute in den restlichen Shuttles eingesetzt.

Und offenbar ist auch die Software nicht viel moderner: Die Columbia-Festplatte war von einem Rechner beschrieben worden, der unter DOS lief, einer aus den Sechzigern stammenden, in den Achtzigern zum PC-Betriebssystem weiter entwickelten und immerhin bis 1994 eingesetzten Software. Genau das aber erwies sich als Glücksfall: Während Windows-Rechner ihre Daten überall fragmentiert quer über die Festplatte ablegen, wo sie gerade Platz finden, schreibt DOS Daten "am Stück" - und zwar vom Inneren der Platte nach außen.

Der Außenrand der Platte erwies sich als weitgehend zerstört, innen aber fanden sich die Daten des letzten Experiments. Das erklärt nun Grundlegendes über das Strömungsverhalten von flüssigem Xenon - und damit auch das Verhalten von Sprühsahne, wie die Nasa in einer Pressemitteilung erklärt. Weit relevanter aber sind die Implikationen, die das Experiment für die Entwicklung von Schmierstoffen beispielsweise für Motoren habe. Mit dem Xenon-Experiment liegen nun so gut wie alle Daten vor, die die Columbia-Crew auf ihrem tödlich endenden Flug erarbeitet hat: Das meiste war bereits während des Fluges an die Bodenstation gefunkt worden.

pat/AP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Computer-Forensik: Das letzte Vermächtnis der Columbia
Fotostrecke
Hilfe bei PC-Pannen: Die Datenretter


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: