IT-Gipfel Computerspezialisten dringend gesucht

Die deutsche IT-Branche steckt in einem Dilemma: Zehntausende Stellen bleiben unbesetzt, weil qualifizierte Fachkräfte fehlen. Ein zweiter IT-Gipfel sollte Lösungen finden.


Der IT-Nachwuchs soll aus Deutschland kommen: "Erster Schritt: heimische Fachkräfte qualifizieren. Zweiter Schritt: offen für Zuwanderung sein." Mit diesen Worten erteilte Kanzlerin Merkel der Hightech-Industrie eine klare Absage. Die hatte auf dem zweiten deutschen IT-Gipfel in Hannover gefordert, die Zuwanderung ausländischer Experten zu vereinfachen. Der Grund: Einer aktuellen Studie des Branchenverbandes Bitkom zufolge sind in Deutschland derzeit 43.000 Stellen für IT-Experten offen, müssten möglichst schnell besetzt werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Keine Lockerung der Zuwanderungsbeschränkungen für IT-Fachkräfte
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Bundeskanzlerin Angela Merkel: Keine Lockerung der Zuwanderungsbeschränkungen für IT-Fachkräfte

Wirtschaftsminister Michael Glos appellierte an die Branche, stärker auszubilden statt Experten aus dem Ausland zu engagieren. "Wenn wir jetzt alle Tore für Zuwanderung aufmachen würden, würden wir noch lange nicht das auf den Märkten finden, was wir speziell brauchen", betonte der CSU-Politiker. Fachkräftemangel könne so nicht kurzfristig behoben werden. Die benötigten Spezialisten stünden auch im Ausland nicht ohne weiteres zur Verfügung.

Kritik an der Haltung der Regierung zur Zuwanderung kam aus der Opposition, aber auch aus den Reihen der CDU selbst. Der Fachkräftemangel sei zu einer "Wachstumsbremse" geworden, beklagte die Berichterstatterin für Telekommunikation im Wirtschaftsausschuss des Bundestages, Martina Krogmann (CDU).

Aus diesem Grund müsse der Zuzug möglichst unbürokratisch erleichtert werden. Daher müsse unter anderem die zurzeit geltende Lohnuntergrenze von 85.000 Euro im Jahr für ausländische IT-Spezialisten gesenkt werden. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, forderte eine Untergrenze von 40.000 Euro. "Es ist fahrlässig, wie Wirtschaftsminister Glos weiterhin das Ausmaß des Fachkräftemangels herunter redet", kritisierte sie.

Bitkom will Skandinavien folgen

Der Bitkom-Vorsitzende August-Wilhelm Scheer warnte davor, dass Deutschland in der Informations- und Telekommunikationswirtschaft den Anschluss verlieren könne. Schon jetzt seien die deutschen Importe in diesem Bereich höher als die Exporte, sagte er. Nur noch in wenigen Sektoren sei die deutsche IT-Branche an der Weltspitze. Zudem sei die Absolventenquote von IT-Fachkräften an deutschen Universitäten drastisch zurückgegangen, die Abbruchquote in der Informatik betrage 50 Prozent.

Aus diesen Zahlen müssten Konsequenzen gezogen und das Bildungssystem nach skandinavischem Beispiel modernisiert werden. Nicht Selektion, sondern Förderung müsse im Zentrum stehen. Aufgabe der Wirtschaft sei die Weiterbildung. Einig waren sich Politik und Wirtschaft bei der Bedeutung der Schulbildung für die IT-Branche in Deutschland. Merkel wie Scheer setzten sich in Hannover dafür ein, den Stellenwert der naturwissenschaftlichen Fächer an Schulen und Hochschulen zu stärken. Der Branchenverband Bitkom fordert unter anderem, Informatik in der Mittelstufe zu einem Pflichtfach zu machen.

Erste Erfolge sind sichtbar

Zu den Erfolgen seit dem ersten IT-Gipfel vor einem Jahr zählt der Bitkom ein Sicherheitspaket für den Mittelstand, die Einrichtung einer einheitlichen Behördenrufnummer 115 und das Programm "IT 50Plus" zur Weiterbildung älterer Mitarbeiter. Zum ersten IT-Beauftragten der Regierung wurde Innenstaatssekretär Hans Bernhard Beus ernannt. Der Chief Information Officer (CIO) soll wichtige Entscheidungen, zum Beispiel für die Anschaffung von Software für die Bundesverwaltung, absegnen. Die IT-Koordination auf Bundesebene gilt ebenso wie die Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden bisher als mangelhaft. Die Wirtschaft dringt seit längerem auf einen herausgehobenen Bundesbeauftragten für IT-Fragen oder Bundes-CIO, wie ihn beispielsweise Österreich hat.

Hinzu kommen die sogenannten Leuchtturmprojekte Theseus zum Wissensmanagement im Internet und E-Energy zur Senkung des Energieverbrauchs. In diese beiden Vorhaben sollen 280 Millionen Euro investiert werden, die zu gleichen Teilen aus öffentlichen und privaten Mitteln kommen.

Eine Fortsetzung ist geplant

An dem IT-Gipfel in Hannover nahmen rund 500 Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft teil. Er war das zweite Spitzentreffen dieser Art. Der Mangel an Computerexperten ist in Deutschland schon seit Jahren Thema. Bereits im Jahr 2000 startete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die Green-Card-Initiative, um mehr Experten nach Deutschland zu locken. Innerhalb von fünf Jahren folgten allerdings nur rund 18.000 Experten dem Ruf - weit weniger als erwartet.

Abgelöst wurde diese Regelung von der Zuwanderungsreform, die ein Mindesteinkommen von 85.500 Euro für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung für Fachkräfte vorsieht.

Ein dritter IT-Gipfel ist bereits angekündigt. Er soll in einem Jahr in Darmstadt stattfinden. Die Branche hatte gefordert, den vor einem Jahr in Potsdam begonnenen Prozess der Spitzentreffen fortzusetzen.

mak/Reuters/AFP/AP



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