IT goes TV Kampf um die Glotze

Der Markt der Unterhaltungselektronik verspricht Gewinne, IT-Technik dagegen neue Möglichkeiten: Kein Zweifel, IT- und Unterhaltungselektronikfirmen sind auf Konfrontationskurs. Nichts zeigt das so deutlich, wie die Veränderungen im Warenangebot der IT-Firmen - denn nur, wer gute Fernseher baut, hat Chancen im "CE"-Markt.

Von Jochen A. Siegle


Revival des Themas Fernsehen: Königsgerät der Unterhaltungselektronik
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Revival des Themas Fernsehen: Königsgerät der Unterhaltungselektronik

Die Grenzen zwischen Computer und Unterhaltungselektronik-Geräten verschwimmen immer mehr. MP3-Player, Digital-Kameras, DVD-Rekorder, LCD-Großbildschirme, Plasma-TVs oder Festplatten-basierte Videogeräte sind logische Erweiterungen des PC-Ökosystems. Die Konsequenz daraus: Tech-Riesen wie Hewlett-Packard, Microsoft, Intel, Dell oder Gateway liegen auf Konfrontationskurs mit Elektronik-Giganten wie Sony, Panasonic, Samsung, Philips, JVC oder Pioneer.

Da der Absatz von PCs immer weiter stagniert und im Unterhaltungselektronik-Markt wesentlich höhere Gewinnspannen erzielt werden können, drängen immer mehr Computerfirmen in diesen stabil wachsenden Geschäftsbereich.

Insbesondere mit Fernsehern. Die sind heutzutage groß, flach, hängen an der Wand - und gelten nach wie vor als strategisch wichtige "Königsgeräte" der Elektronik-Industrie. Nur wer gute Glotzen bauen kann, kann auch sonst als Elektronik-Unternehmen erfolgreich sein, so eine alte Branchen-Binsenweisheit. "Ohne Top-Fernseher kann man diesen Markt nicht knacken", bestätigt auch Douglas Woo, Präsident von Westinghouse Digital.

TV-Flachbildschirme boomen

Das beherzigen immer mehr expansionshungrige PC-Firmen wie etwa Dell, Gateway, Epson oder ViewSonic, die inzwischen auch Fernseher anbieten - im Herbst lanciert auch HP seine ersten TV-Geräte. Keine klobigen Röhren-Glotzen versteht sich, sondern schicke Plasma- oder LCD-Flachmänner, die dieser Tage ganz besonders gefragt sind: Der Consumer Electronics Association (CEA) zufolge soll sich das Verkaufsvolumen von Plasma- und LCD-TVs bis Ende des Jahres praktisch verdoppeln.

Außerdem beflügele die ungebrochene Popularität von DVD-Spielern, Video-Konsolen sowie das steigende Interesse am hochauflösenden Fernsehen (HDTV) die Nachfrage nach den High-End-Flat-Panels. Entsprechend räumen auch immer mehr traditionelle Computerhändler ihre Ladenregale für die neuen Groß-Flach-Flimmerkisten frei.

Michael Dell: Wittert wieder einmal ein gutes Geschäft
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Michael Dell: Wittert wieder einmal ein gutes Geschäft

Beim PC-Discounter Dell versteht man die Produkterweiterung um Flachbild-Fernseher gar als "logische Konsequenz", denn schließlich sei man ja bereits der "weltweit führende Verkäufer von LCD-Computermonitoren", so Firmengründer Michael Dell in Las Vegas.

Dell strich "Computer" aus dem Firmennamen

Der pausbackige Texaner hat ambitionierte Pläne im Unterhaltungselektronik-Geschäft. Das unterstreicht nicht nur die kürzlich veranlasste Tilgung des Wortes "Computer" aus dem Firmennamen, sondern auch die CES-Präsenz: So viel Ausstellungsfläche gönnte sich der PC-Billigheimer, der neben dem digitalen Musik-Spieler "Dell DJ" nun eben mit LCD-Fernsehern den Elektronik-Markt erobern will, bislang noch nie. Bei der CES verkündete Dell auch Allianzen mit verschiedenen Unternehmen. Darunter der Fotogigant Kodak, was Spekulationen nährt, dass Dell demnächst eine von Kodak lizenzierte Digitalkamera auf den Markt bringt.

Konkurrent Gateway ist da bereits einen deutlichen Schritt weiter. Über 50 Unterhaltungselektronik-Produkte von MP3-Playern und Digi-Knispern über DVD-Rekorder bis zu Plasma-TVs hat der strauchelnde Computer-Versender mit den Kuhfelldesign-Verpackungen vergangenes Jahr in sein Programm aufgenommen. Fast ein Drittel des Gateway-Umsatzes soll bereits aus Non-PC-Produkten stammen - mit der geplanten Markteinführung von zwölf weiteren Gateway-TVs in diesem Jahr dürfte dieser Anteil noch bedeutender werden.

HP-Chefin Carly Fiorina: MP3-Player und Flimmerkisten
AP

HP-Chefin Carly Fiorina: MP3-Player und Flimmerkisten

Zudem zieht auch HP nach: Der Computer-Pionier aus dem Silicon Valley, der sich mittlerweile auch als Hersteller hochwertiger Digital-Kameras einen Namen machen konnte, bietet ab Sommer nicht nur Apples Erfolgs-MP3-Spieler iPod in Lizenz an; im Herbst folgen die ersten Flachbild-Fernseher mit HP-Logo (30-Zoll-LCD-TV und 42-Zoll-Plasma-TV). "Wir sehen hier sehr große Chancen", sagt HP-Marketingdirektor David Galvin.

Gute Chancen für HP- oder Dell-TVs

Stellt sich nur noch die Frage, wie die Tech-Schwergewichte die Herausforderung meistern, nach PC-Fans nun die Käufer hochpreisiger Fernseher und Elektronik-Gadgets von ihren Marken und Produkten zu überzeugen.

Die Marktforscher machen ihnen große Hoffnungen: Wie Studien von InsightExpress zeigen, scheinen die Verbraucher prinzipiell (rund 50 Prozent von 500 Befragten) dazu bereit, Unterhaltungselektronik von PC-Firmen zu kaufen, sofern sich dadurch die Kompatibilität zwischen den Geräten verbessern lässt. Ergo: Die PC-Branche hat große Chancen, da die Verbraucher Insellösungen satt haben.

Zudem sollen Analysen von ABI Research gezeigt haben, dass immer mehr Konsumenten ihre Kaufentscheidungen bei Elektronik-Geräten in erster Linie vom Preis und weniger von einer bestimmten Marke abhängig machen. "Daher haben Traditionsfirmen wie Panasonic oder Sony dieser Tage so große Probleme", weiß ABI-Direktor Vamsi Sistla.

Kampfansage an Sony & Co.

Noch teilen Unterhaltungselektronik-Riesen wie eben Sony, Panasonic & Co. die fettesten Stücke des 175 Milliarden Dollar großen Unterhaltungselektronik-Kuchen unter sich auf. Jedoch nicht mehr lange wie Insider Sistla prophezeit: Die ersten PC-Firmen sollen schon bald zu den Top-Playern in der Elektronikbranche aufsteigen.

Analyst Rob Enderle von der Enderle Group in San Jose sieht das nicht anders. "Die IT-Branche muss sich schon seit Jahren ständig auf Veränderungen einstellen und verfügt über wesentlich kreativere Vertriebsmodelle, während die Elektronik-Firmen recht träge waren", erklärt Enderle. "Dadurch erhöht sich der Druck im Unterhaltungselektronik-Markt noch mehr."

Wovon letztendlich vor allem die Verbraucher profitieren können: Wie ATI Research herausgefunden haben will, soll der Preiskampf von PC- und Elektronikfirmen dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Preise für Unterhaltungselektronik im Vorweihnachtsgeschäft um gut ein Drittel gefallen sind.



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