IT-Ökonomie im Krieg Die Hightech-Kriegsprofiteure

Ob Kampfjet-Cockpit-Instrumente von Nvidia oder 3-D-Schlachtfeld-Visualisierungs-Software von SGI, der Hightech-Krieg im Irak und die Terrorangst an der Heimatfront beflügeln die Geschäfte amerikanischer Tech-Unternehmen. Immer mehr Silicon-Valley-Firmen hoffen nun ebenfalls auf lukrative Verträge aus dem Pentagon.

Von Jochen A. Siegle


US-Kampfjet-Pilot: Waffensysteme ganz wie am heimischen Rechner
AP

US-Kampfjet-Pilot: Waffensysteme ganz wie am heimischen Rechner

Die Rechnung schien eigentlich ganz einfach. Im Irak fliegen die Bomben, bei Technologiefirmen klingeln die Kassen. Bester Kunde dabei: die Bush-Regierung, die der Branche bereits im vergangenen Jahr Aufträge in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar bescherte. Einerseits pumpt die Hightech-Obsession von Rumsfelds Mannen Milliarden in die leeren Kassen von Tech-Unternehmen. Andererseits scheint die vom Department of Homeland Security geschürte Terror-Paranoia in den USA und das damit einhergehende neue Sicherheitsbedürfnis der ideale Nährboden für glänzende Geschäfte von IT-Unternehmen.

In der Tat können derzeit etwa die Hersteller von Tarnanzügen mit mobilen Computersystemen, Sprengstoff-Erkennungsgeräten, Gesichtserkennungs- und Instant-Messaging-Monitoring-Programmen oder die Entwickler von Visualisierungs-Software zur Abbildung virtueller 3D-Kriegsschauplätze ordentlich von der Krisenstimmung profitieren. Doch Brancheninsider und -beobachter sind sich längst einig, dass dies der gebeutelten Tech-Ökonomie kaum zu einem breiten Aufschwung verhelfen kann.

"Die Erwartungen sind sehr hoch, und wie zahlreiche Fälle zeigen, kann die angespannte politische Lage und die Terrorangst IT-Firmen durchaus dienlich sein", sagt Tim Quillin, Analyst für Technologie und Sicherheitssysteme beim Investmenthaus Stephens in Little Rock, Arkansas. "Doch nur einige Bereiche werden längerfristig profitieren können."

Dieser Tritt auf die Euphoriebremse kommt nicht von ungefähr. Schließlich bestätigt auch das U.S. General Accounting Office, das für den US-Kongress die Vergabe öffentlicher Mittel prüft, dass bislang nur wenige militärische IT-Großprojekte abgesegnet wurden. Zudem hatte sich die Industrie bereits nach den Anschlägen vom 11. September mächtig verkalkuliert: Analysten priesen im Zuge der Terrorattacken eine lukrative Sicherheitsdividende, Branchenverbände rechneten mit übervollen Auftragsbüchern - wie Studien zeigen, blieben bedeutende Investitionen allerdings aus.

"Tech-Warfare" aus dem Silicon Valley

Dennoch gibt es zahlreiche Hightech-Krisengewinnler. Vor allem im Silicon Valley, wo die "E-Business"- oder "B2B"-Euphorie längst der "Business-to-government"- und "Business-to-war"-Hoffnung gewichen ist und Hunderte Firmen den potenten Großkunden in Washington beackern.

Silicon Graphics (SGI) mit Sitz in Mountain View ist ein gutes Beispiel. Sicherheits- und verteidigungsrelevante Produkte, insbesondere für das US-Verteidigungsministerium, machen gemäß SGI-Sprecher Greg Slabodkin inzwischen 35 Prozent des Geschäfts aus - rund 15 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Derzeit mächtig gefragt sei "Urban Warfare Visualisation Technology" zur Darstellung digitaler Schlachtfelder.

Oder Nvidia: Der Grafikkarten-Pionier aus Santa Clara stattet mit Partner Quantum 3D Apache-Helikopter, M-1-Abrams-Panzer und F-22-Kampfjets mit Hightech-Cockpitinstrumenten aus - schließlich hält die Digitalisierung im Stechschritt Einzug in militärische Armaturenbretter.

Grund genug für Rob Csongor, einen der Direktoren der Firma, deren 3-D-Chips seit Jahren PC-Gamer beim virtuellen Ballern beglücken, bereits weitere Aufträge aus dem Pentagon zu wittern: Künftig sollen nicht nur Militär-Fortbewegungsmittel, sondern auch spezielle -Handhelds bestückt werden; so etwa die derzeit im Irak eingesetzten mobilen GPS-Positionierungsgeräte.

Doch es gibt auch weit weniger bekannte Profiteure. So etwa Savi Technology: Der Spezialist für Logistiksoftware aus Sunnyvale konnte sich im Februar einen 90-Millionen-Dollar-Auftrag von der Army sichern, die nun ein eigens entwickeltes Savi-System dafür einsetzt, ihre Nachschubversorgung besser koordinieren zu können. Beim letzten Irak-Krieg vor zwölf Jahren war auf Grund mangelhafter Beschaffungs- und Inventursysteme das Chaos ausgebrochen: Auf Docks im persischen Golf mussten 28.000 Container geöffnet werden, um feststellen zu können, was sich darin befindet.

Angesichts dieser, wenn auch vereinzelten Erfolgsgeschichten ist es kaum verwunderlich, dass längst unzählige andere große wie kleine Mainstream-Techfirmen die US-Regierung mit Militär-Hightech und maßgeschneiderten Produkten für den Heimatschutz zu beliefern versuchen. Allein dem mit einem Jahresbudget von 37 Milliarden US-Dollar ausgestatteten Department of Homeland Security sollen bereits Zehntausende Investitionsvorschläge aus der IT-Wirtschaft vorgelegt worden sein - darunter auch von Schwergewichten wie IBM, Oracle, MicroStrategy oder Xerox. Andere Technologie-Größen, beispielsweise Microsoft oder American Management Systems, haben eigene "Heimatschutz"-Abteilungen gegründet, um sich gezielt um Aufträge von der Ridge-Behörde zu kümmern.

Ethisches Dilemma

Doch allen ökonomischen Verheißungen zum Trotz tun sich längst nicht alle Tech-Unternehmen leicht mit den kriegstreibenden Auftraggebern aus Washington. In der San Francisco Bay Area hegt man vielfach sogar ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Anti-Terror- und Militär-Technik.

Einerseits werden mit Satelliten aus Palo Alto irakische Truppen ausspioniert, verbinden Datennetzwerke aus Santa Clara Frontsoldaten mit ihren Kommandozentralen und tragen Jet-Piloten futuristische Helme mit integrierten transparenten Bildschirmen "made in" San Jose. Über 900 Bay-Area-Unternehmen belieferten die US-Streitkräfte 2002 mit Waren und Dienstleistungen in Höhe von über vier Milliarden US-Dollar - darunter neben traditionellen Rüstungsausstattern wie Lockheed Martin, General Dynamics oder Bechtel, deren Zentralen seit Kriegsbeginn immer wieder Ziel von Protestmärschen wurden, auch viele Start-ups und Kleinstfirmen.

Friedensdemonstration in San Francisco: "Ambivalentes Verhältnis"
Siegle

Friedensdemonstration in San Francisco: "Ambivalentes Verhältnis"

Andererseits ist die Region um die Bucht von San Francisco keinesfalls nur Heimat unzähliger Tech-Companys, Tüftler und Risikofinanziers, die mit Militärtechnik Kasse machen. Vielmehr liegt hier auch das einstige Epizentrum der US-Friedensbewegung, die das Ende des Vietnam-Kriegs einläutete. So ist es auch Ehrensache, dass man derzeit mit an der Vorfront der "No oil for blood"-Protestbewegung steht.

Das führt zwangsläufig zu Konflikten - und teilweise sogar zu bizarren Formen der Selbstzensur: Silicon-Valley-Worker berichten darüber, aus Furcht vor Repressalien sowie auf Anraten von Personalexperten keinesfalls am Arbeitsplatz ihre Haltung zum Irak-Krieg zum Ausdruck zu bringen oder die Beteiligung an Friedensdemos zuzugeben.

Ex-Friedensaktivisten machen Kasse

Deutlich wird dieses gespaltene Verhältnis auch bei den Gründern der Firma Wind River Systems. Als junge Männer hatten David Wilner und Jerry Fiddler massiv gegen den Vietnam-Krieg opponiert - Fiddler sieht nach wie vor fast wie ein Hippie aus.

Nichtsdestotrotz beliefert ihr Anfang der achtziger Jahre in einer Garage in Berkeley gestartetes Unternehmen nun hauptsächlich das Militär. Darunter vor allem mit Software für Handgeräte zur Erkennung chemischer und biologischer Waffen - erst jüngst orderte das Pentagon 250.000 Stück dieser "Handhelds" -, aber auch mit Militär-Kommunikationssystemen oder Navigationshilfen zur Erhöhung der Zielgenauigkeit von Bomben.

Während sich Fiddler dieser Tage um eine Position zum Irak-Konflikt herumwindet, jedoch die Vorzüge seiner Produkte für die US-Militärs preist und Sätze von sich gibt wie: "Die Welt ist heute auf Grund der technischen Möglichkeiten des US-Militärs sicherer", wettert Wilner ganz offen gegen die Bush-Krieger und beteiligt sich an Protestmärschen.

Im Gegensatz zu Fiddler kann ihm der Zorn verärgerter Militärs auch nicht mehr direkt ökonomisch schaden: Pazifist Wilner hat die gemeinsam gestartete Firma schon vor vier Jahren verlassen.



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