Joseph Weizenbaum Der zornige alte Mann der Informatik

Der Mann hat sich gewandelt - vom Computerpionier zum IT-Skeptiker. Vor allem aber ist der Mathematiker und Informatiker Joseph Weizenbaum ein Pragmatiker: Heute wird er 85 Jahre alt und ist längst nicht müde, die Fehlentwicklungen seiner Zunft zu kritisieren.

Von Helmut Merschmann


Von seinem Wohnzimmer hat man einen prächtigen Ausblick auf den Berliner Dom und das abgemagerte Skelett des Palastes der Republik, dessen Abriss schon mehr als ein Jahr andauert. Wenn es Joseph Weizenbaum zu laut wird, zieht er sich zum Arbeiten in den hinteren Teil der Wohnung zurück.

Joseph Weizenbaum: Über vier Jahrzehnte IT-Kritik
Urs Zietan

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Mit seinen 85 Jahren verfolgt der Professor für Computerwissenschaft und mehrfache Ehrendoktor das Zeitgeschehen, sitzt täglich vor dem Computer und liest Fachaufsätze und die "New York Times". Auf Tisch und Sofa liegen Bücher, Zettel und Notizen verstreut. Eine Gelehrtenstube wie aus dem Bilderbuch.

"Wenn Sie einmal so alt sind wie ich, werden Sie verstehen, wie wichtig die Arbeit ist", sagt er. "Sie hält einen am Leben."

Noch vor einem Jahr hatte man dem Mann mit der silbrigen Löwenmähne sein Alter nicht angesehen. Unermüdlich nutzte Weizenbaum viele Gelegenheiten zum öffentlichen Auftritt und hielt anekdotisch-witzige, manchmal listige Vorträge wider die "Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" – so der deutsche Titel seines Hauptwerkes. Heute ist Joseph Weizenbaum sichtlich gezeichnet von den Strapazen einer Krebstherapie. Er zeigt auf eine beachtliche Portion Medikamente, die er morgens und abends bewältigen muss.

Doch die Haare wachsen wieder, und Dr. Seppel, wie ihn seine Freunde nennen, will selbstverständlich an dem kleinen Festakt teilnehmen, den die Fakultät für Elektrotechnik und Informatik an der Technischen Universität Berlin, wo er einmal Gastprofessor war, heute für ihn ausrichtet. Arbeit hält auf Trab. Besonders wenn sie, wie bei diesem kritischen Geist, vor allem im Widersprechen besteht.

Angry old man

"I am angry", sagt der 85-Jährige - "ich bin zornig". Der studierte Mathematiker, der ab 1970 eine Professur für Computerwisssenschaft am Massachusetts Institute for Technology (MIT) innehatte, meint damit die vielen Verfehlungen seiner Zunft, der Informatik. Aber auch die vielen technologischen Irrwege, die die Gesellschaft heute eingeschlagen hat.

Noch immer kann sich Weizenbaum über eine Bremer Schulsenatorin aufregen, die vor zehn Jahren in einer Laudatio einmal hervorgehoben hat, dass dank "Schulen ans Netz" Kinder nicht mehr im Wattenmeer herumlaufen müssten und mit schmutzigen Stiefeln heimkehren. Alle notwendigen Informationen über das Biotop stünden im Internet. "Wir haben eine künstliche Welt geschaffen", kritisiert Weizenbaum diese Einstellung, "in der es kein echtes Erleben mehr gibt."

Berühmt geworden ist Joseph Weizenbaum 1966 mit einem Sprachanalyseprogramm namens ELIZA. Dem im Bereich der künstlichen Intelligenz forschenden Wissenschaftler gelang es damit, eine psychotherapeutische Sitzung zu simulieren. Das Programm ist in der Lage, aus den Antworten der Versuchspersonen intelligent scheinende Fragen zu formulieren. Manche Teilnehmer nehmen deshalb tatsächlich an, mit einem Menschen zu kommunizieren. Heutige Chatbots, Dialogsysteme im Internet, funktionieren nach ähnlichen Prinzipien.

Weizenbaum zeigte sich damals entsetzt über die Wirkungen der Software und die grassierende Technikgläubigkeit unter den Kollegen. Er wurde daraufhin zum Häretiker seiner Zunft. Sein Credo ist der verantwortungsvolle Umgang mit Technologie. Jeder Wissenschaftler und Entwickler müsse sich fragen, welchem Zweck seine Erfindungen dienen und welche sozialen Konsequenzen sie haben. Dass das Internet als Militärtechnologie entwickelt wurde, vergessen für sein Empfinden viele viel zu schnell.

Der Sohn einer jüdischen Familie, die 1936 Berlin verlassen musste und in die USA emigrierte, wurde im vergangenen Jahr zu einem Vortrag über künstliche Intelligenz an die Uni München eingeladen. Dort platzte ihm der Kragen, als ein Professor begeistert ein Kamerasystem vorgestellte, das Fußball-Roboter von oben beobachten und automatisch analysieren kann. "Es war völlig offensichtlich, dass das eine Drohne über einem Kriegsschauplatz darstellte", ärgert sich Weizenbaum, "und ich habe in meinem Vortrag darauf aufmerksam gemacht."

Misthaufen mit Perlen drin

Die "äußerst kritische Distanz zur eigenen Wissenschaft", wie es über Weizenbaum gern heißt, gehört zur heutigen Informatik dazu. Die Fakultäten schmücken sich gern mit seinem Besuch. Der Computerguru, der seit 1996 wieder in Berlin lebt, stellt das gute Gewissen der Disziplin dar. In gewissem Sinn kommt Weizenbaum eine Alibi-Funktion zu – Stimmen wie seine sind im Wissenschaftsbetrieb selten geworden.

Das weiß er und füllt die Rolle mit umso größerer Vehemenz aus. Gleichzeitig kann er sich noch wie ein Kind für Technik begeistern, beäugt neugierig das Aufnahmegerät des Interviewers und hat einen fachmännischen Kommentar zu dessen Digitalkamera parat.

Wenn es jedoch darum geht, Technologie im sozialen Kontext zu bewerten, hagelt es harsche Urteile: "Technologie bezieht ihren Wert aus der Gesellschaft, in die sie eingebettet ist." Wiederholt hat Weizenbaum das Internet als "Misthaufen mit Perlen drin" bezeichnet. Nur zehn Prozent der Information im Netz sei brauchbar, der Rest Schrott. "Heute glauben alle, sie müssten nur googeln, um an relevante Informationen zu gelangen. Dabei muss man erstmal lernen, richtige Fragen zu stellen. Gute Fragen sind wie ein wissenschaftliches Experiment." Sie setzten eine Menge Wissen bereits voraus.

Zum Schluss des Besuchs, an der Wohnungstür, wiederholt Joseph Weizenbaum noch einmal: "I am angry."

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