Kamelrennen: Roboter ersetzt Kinder

Jahrelang kamen Kinderjockeys bei Kamelrennen in Arabien zum Einsatz, die unter Sklaverei-ähnlichen Bedingungen gehalten wurden. Nach internationalen Protesten sattelten die Rennveranstalter um - auf eigens entwickelte Roboter-Jockeys. Mit Erfolg.

Was sollen Roboter nicht alles können: Staub saugen, operieren, Autos montieren - und jetzt können sie auch noch Kamele reiten. Die kleine Schweizer Firma K-Team hat nach einer Ausschreibung des kleinen, aber reichen Golfstaates Katar einen Roboter entwickelt, der bei den am Golf so beliebten Kamelrennen die geplagten Kinderjockeys ersetzt.

150 solcher Roboter lieferte K-Team im Sommer 2005 in das Emirat - zum Preis von damals 15.000 Euro pro Stück. Auch andere Golfstaaten freuen sich über die Roboter: In den Vereinigten Arabischen Emiraten berichtet ein die Regierung, das Land habe durch die Innovation über tausend Kinderjockeys bei der Heimkehr geholfen.

Für K-Team war der Auftrag aus dem Nahen Osten die Rettung aus großen finanziellen Schwierigkeiten. Ende 2003 hatte Katar eine internationale Ausschreibung für die Entwicklung eines Roboters lanciert. Der Einsatz von Kinderjockeys bei den Kamelrennen hatte zuvor zu weltweiter Kritik an den Golfstaaten geführt: Die kleinen Jungen wurden oft für 20 Dollar in Bangladesch und Pakistan "eingekauft und dann wie Sklaven behandelt", berichtet ein Sprecher des Uno-Kinderhilfswerks UNICEF in Genf, Damien Personaz. Das stundenlange Kamelreiten führte bei den Kindern zu schweren Wirbelsäulenschäden.

"Katar wollte mit dem Auftrag nicht nur der internationalen Gemeinschaft in der Frage der Kinder entgegenkommen, sondern auch zeigen, dass es ein Land mit Spitzentechnologie ist", sagt der 30-jährige Ingenieur Olivier Magnenat, der den Roboter mit entwickelt hat. Auch die Emirate verbieten den Einsatz von Kindern bei Kamelrennen seit 2005. "Diese Thema gehört jetzt der Vergangenheit an", sagt der stellvertretende Innenminister Saif el Schaafar.

Gemeinsam mit UNICEF organisierte das Land am Golf ein Rückführprogramm für die Kleinen, die jetzt psychologische Betreuung und Schulunterricht bekommen.

Was für die Kinder der Befreiung aus einem Sklavendasein gleichkam, war für die Firma K-Team, die nach dem Platzen der Internet-Blase im Jahr 2003 schlecht dastand, das wirtschaftliche Überleben. "Zunächst mussten wir aber erstmal im Atlas nachsehen, wo Katar überhaupt liegt", gibt K-Team-Ingenieur Pierre Bureau zu. Kaum war das getan, fuhr eine Mannschaft von Ingenieuren nach Doha. Sie untersuchten die Körperformen der Kamele und notierten Temperaturschwankungen und Umwelteinflüsse.

Im April 2004 entstand der erste Prototyp - der der kleinen Firma mit 30 Angestellten prompt den Auftrag einbrachte. "Das war eine gewaltige Herausforderung", erinnert sich Magnenat. "Der Roboter muss Temperaturen bis zu 50 Grad aushalten, wir mussten Leute für die Wartung vor Ort ausbilden und den Beduinen beibringen, wie man den Roboter handhabt."

Das Projekt erwies sich als Erfolg. Schon bald nach seinem ersten Einsatz im Oktober 2005 erwies sich "K-Mel" sogar als besserer Jockey - die von ihm gerittenen Zeiten sind eindeutig schneller als die der Kinder. 70 Zentimeter hoch und 25 Kilogramm schwer ist der ferngesteuerte und mit GPS ausgerüstete Roboter. Als Problem erwies sich eigentlich nur die Perfektion des Geräts: "Er kann die Bewegungen des Kamels genau registrieren und per Funkgerät Anweisungen entgegennehmen. Das fanden die Besitzer alles viel zu kompliziert", berichtet Ingenieur Magnenat.

Die zweite Generation von K-Mel ist also schon in Arbeit. Er wird im Vergleich zu seinem Vorgänger ein Leichtgewicht von nur acht Kilo und leichter zu handhaben sein. Er muss ohne GPS auskommen - wird dafür aber auch weniger kosten. "Außerdem müssen wir das Gesicht ändern, das zu menschlich aussah - das widerspricht dem Islam, hat man uns gesagt."

Jérémy Tordjman, AFP

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