Klingeltöne Abzocke läuft über Premium-SMS

Bis zu fünf Euro nehmen Klingeltonanbieter ihren meist jugendlichen Kunden ab. Weil 0190er-Nummern für die Abzocke nicht mehr taugen, werden die Charthits über Premium-SMS verkauft. Verbraucherschützer schlagen Alarm, weil Abonnements als Spartarif getarnt werden.


Schüler mit Handys: "Künstlich lange in der Leitung gehalten"
DDP

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Nach Einschätzung des Hamburger Musikanwaltes Torsten Siefert liegt allein der Jahresumsatz der Rechteinhaber in Deutschland im "ein- bis zweistelligen Millionenbereich". Bei der Verwertungsgesellschaft Gema haben sich die Erträge aus Klingeltönen innerhalb eines Jahres mehr als vervierfacht.

Musiksender wie Viva oder MTV verkaufen viele Werbeminuten an die Anbieter. Dabei werden die potenziellen Kunden meist aufgefordert, eine Kurznachricht von ihrem Telefon aus zu senden. Der Klingelton-Anbieter sendet die Melodie über das Funknetz an das Telefon. Der Nutzer kann sie sich dann als Rufton einstellen. Für den Service werden meist mehrere Euro fällig.

Doch nach Einschätzung von Verbraucherschützern werden die meist jungen Telefonierer über die Kosten im Unklaren gelassen. "Vor allem die SMS-Premium-Dienste bereiten uns große Sorgen", sagt Markus Saller von der Verbraucherzentrale Bayern. Weil seit dem 1. August Anbieter verpflichtet sind, alle Kosten aufzuschlüsseln, die im Mobilnetz durch 0190-Nummern anfallen, sind nach Sallers Beobachtung inzwischen die meisten auf die SMS-Dienste umgestiegen. "Dort gibt es keine gesetzlichen Verpflichtungen. Die Anbieter weichen auf das Gebiet aus, wo sie rechtlich am wenigsten gegängelt werden", sagt der Jurist. Weil die angepeilte Altersgruppe zwischen 11 und 25 Jahren meist mit vorbezahlten Karten telefoniere, bereite eine Reklamation größere Schwierigkeiten als bei normalen Mobilfunkverträgen mit monatlicher Rechnung.

Auch die Experten der Fachzeitschrift "Connect" weisen daraufhin, dass die Klingeltöne vor allem bei Kindern und Jugendlichen ein großes Loch in den Geldbeutel reißen können. Viele Angebote seien mit bis zu 4,98 Euro pro Klingelton deutlich zu teuer. Zum Vergleich: Ein vollwertiges Lied in CD-Qualität kostet bei Internetanbietern wie iTunes von Apple nur etwa einen Euro.

"Rave Hippo": Klingeltonhit von Jamba

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Zudem erscheinen die Preisangaben in der Fernsehwerbung meist in winziger Schrift und nur für einen Augenblick. "Das kann man in der kurzen Zeit überhaupt nicht lesen", sagt die "Connect"-Mobilfunkexpertin Christiane Hornig. Außerdem verberge sich hinter den fünfstelligen SMS-Nummern oft ein Abonnement, das teilweise als "Spartarif" getarnt werde. Der Telefonierer muss sich dann selbst informieren, wie er es wieder loswird. Zusatzkosten können durch das Runterladen des Klingeltones entstehen - je nach Größe der Datei und Tarifen bis zu einem Euro.

Die Dateigröße richtet sich nach der Art des Klingeltons: Während ältere Modelle nur einstimmig klingeln, gibt es bei aktuelleren Geräten Dutzende von Stimmen. Die neuesten Geräte können sogar Klangdateien in Radioqualität als Klingelton abspielen. Das eröffnet den Klingelton-Anbietern neue Möglichkeiten: Nicht nur die Refrains aktueller Poplieder können sich Telefonnutzer herunterladen, sondern auch Sprüche von Kinofilmen, Tiergeschrei und menschliche Geräusche aller Art.

Am Verkauf der Klingeltöne verdienen alle beteiligten Firmen: Nicht nur die Anbieter selbst erhalten Gebühren, sondern auch die Netzbetreiber, die den Ton verschicken, und teilweise auch die Musiker, von denen die Melodie stammt.

Am besten beim Netzbetreiber einkaufen

Nach Ansicht der Experten sollten Telefonbesitzer nicht nur die unübersichtlichen SMS-Angebote im Fernsehen, sondern auch teure 0190-Nummern meiden. "Dort werden Anrufer künstlich lange in der Leitung gehalten", sagt Hornig. Sie empfiehlt, die Klingeltöne lieber direkt bei den Netzbetreibern zu kaufen. Zwar kosteten sie auch etwa zwei Euro, aber die Beträge seien transparenter dargestellt und es bleibe bei einer einmaligen Bestellung.

Brigitte Mayer von der Verbraucherzentrale Hessen empfiehlt Eltern, ihren Kindern keine Mobiltelefone mit Vertragsbindung zu geben. "Auch wenn die Minutenpreise höher liegen, sind Prepaid-Handys für Kinder die bessere Wahl", betont sie. Denn so könnten Kinder und Jugendliche lernen, mit Geld umzugehen und die Kosten besser einzuschätzen. Die Risiken eines Klingelton-Abonnements ließen sich so besser begrenzen. "Wenn die Karte leer ist, ist erst mal Schluss", sagt Mayer.

Auch Verbraucherschützer Saller empfiehlt Eltern, genau darauf zu achten, was ihre Kinder mit den Geräten anstellen. Von der Bestellung eines Klingeltons rät er ganz ab: Viele Telefone hätten heute einen Computeranschluss. Mit den entsprechenden Programmen könnten sich Jugendliche ihre Klingeltöne und Telefonbilder selbst basteln. "Das ist viel individueller, als sich irgendwo etwas herunterzuladen", betont Saller.

Thomas Seythal, AP



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