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Knopf im Ohr: Zehn Jahre Sperre für Schachspieler

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Was braucht man, um im Schach Turniere zu gewinnen? Achtzehn Monate lang reichten dem Inder Umakant Sharma ein Handy, ein Bluetooth-Headset, ein Freund und ein Rechner. Jetzt schreibt er Schachgeschichte: Als erster wegen E-Betrugs für zehn Jahre gesperrter Spieler.

Was im physischen Sport der Doping-Cocktail ist, wäre im Schach der Computer: Eine Maschine, die schnell und fehlerfrei kalkuliert, in Sekunden Zugriff auf Datenbanken mit Millionen von Partien bietet und längst Spielstärken erreicht hat, gegen die allenfalls noch Großmeister mithalten können. Der Inder Umakant Sharma war weit davon entfernt, in dieser Liga zu spielen. In den letzten 18 Monaten jedoch schien sich eine Karriere anzukündigen.

Ausgespielt: Wer beim Schach elektronisch nachhilft, muss mit drakonischen Strafen rechnen
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Ausgespielt: Wer beim Schach elektronisch nachhilft, muss mit drakonischen Strafen rechnen

Sharma gelang es, in rapider Geschwindigkeit in Turnieren zu punkten, sein Elo-Ranking beständig zu verbessern. Zuletzt stand er als Qualifikant zu den indischen Meisterschaften fest, an denen er nun aber nicht mehr teilnehmen wird: Bei einer Routinekontrolle bei einem Schachturnier Anfang Dezember entdeckten Offizielle des Weltschachverbandes Federation Internationale des Echecs (FIDE) ein getarntes Bluetooth-Headset bei Sharma, über das er via Handy mit einem Komplizen in Verbindung stand, der Sharmas laufende Partien von einem Computer gegenrechnen ließ. Jetzt, berichtet Reuters Indien, statuierte die FIDE ein Exempel: Sharma schreibt Schachgeschichte als erster Spieler, gegen den wegen elektronisch gestützten Pfuschens eine zehnjährige Spielsperre verhängt wird.

Gegen Sharma, hieß es nachträglich aus Kreisen der FIDE, hätte es schon vor der Kontrolle einen Verdacht gegeben. Zu mächtig erschien den Offiziellen die plötzliche Leistungssteigerung des Spielers. Nun werde noch gegen zumindest einen anderen Spieler ermittelt, ob dieser ebenfalls verbotene elektronische Hilfsmittel benutzt habe.

Schachmatt per Klingel

Denn strikt verboten sind beim Schach elektronische Kommunikations- und Rechenmittel seit langem. Nach den Turnierregeln der FIDE reicht es schon, dass während eines Spieles das nicht deaktivierte Handy eines Spielers klingelt, um diesen sofort zu disqualifizieren. In Top-Spielen kann einem Spieler so etwas noch nicht einmal versehentlich passieren: Die Veranstalter achten darauf, elektronische Kommunikation durch gezielte Abschirmung oder Störung unmöglich zu machen.

Die Strafe gegen Sharma ist die erste lange Spielsperre, die die FIDE wegen eines elektronischen Vergehens verhängt.

Umakant Sharma mag sich von seiner Pfuscherei eine regelrechte Karriere versprochen haben. Schach ist in Indien äußerst populär, in keiner anderen Disziplin feiern indische Spieler so viele und so große Erfolge. Seit Viswanathan Anand, aktuell die Nummer 2 im weltweiten Ranking der FIDE und von 2000 bis 2002 Weltmeister des Schachverbandes, Anfang der Neunziger Jahre zur internationalen Spitze im Schach aufrückte, genießen die großen Spieler regelrechten Popstar-Appeal in Indien.

Mit Krishnan Sasikiran (Rang 31) und Pantela Harikrishna (Rang 32) führt die FIDE noch zwei Inder in ihrer Top-100-Liste der Großmeister, doch weitere stehen in Wartestellung: Insbesondere vom derzeitigen Nachwuchs wird viel erwartet. Allein in diesem Jahr erreichten vier indische Spieler Großmeister-Status, wobei Indien mit Parimarjan Negi den derzeit jüngsten Großmeister der Welt stellt. Negi wurde 1993 geboren, im Alter von 13 Jahren zum Großmeister. Das hatte es vorher nur ein einziges Mal gegeben: Auch der Chinese Bu Xiangzhi (aktuell Platz 37 im FIDE-Ranking) war 13 Jahre alt, als er den Titel gewann - war damals aber ein paar Monate jünger als Negi.

mit Material von Reuters

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