Konkurrenz für Google Microsoft-Suchdienst vor dem Start?

Es brodelt in der Gerüchteküche: Der lang angekündigte MSN-Suchdienst soll schon am Donnerstag seinen Betrieb aufnehmen, berichten US-Medien. Längst schon tönt Microsoft-Chef Steve Ballmer, damit werde sein Unternehmen Google überholen.


Steve Ballmer: MSN-Suchdienst werde "noch vor Ablauf des Jahres" online gehen
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Steve Ballmer: MSN-Suchdienst werde "noch vor Ablauf des Jahres" online gehen

"Wir werden sie einholen", versprach und drohte Microsoft-Chef Steve Ballmer am Dienstag auf der Hauptversammlung seines Unternehmens, "wir werden sie überholen."

"Sie", das ist in erster Linie Google und dann noch Yahoo, respektive deren Suchdienste: Kein Sektor des E-Commerce zeigt derzeit ein steileres Umsatzwachstum als der "Handel" mit Informationen. Geld verdienen lässt sich dabei, indem man Seiten "zugänglich" macht - sprich: gegen Zahlung an exponierter Stelle in der Ergebnisliste (oder darüber oder daneben) platziert. In der wuchernden Fülle des Webs wird die Orientierung weder für Suchende, noch für die, die gefunden werden wollen, leichter, und "intelligente" Techniken sind gefragt, aus dem weiter rapide wachsenden Haufen des Bit-Mülls die Perlen zu lesen. Oder eben Geld.

Vor rund 18 Monaten nahm darum eine kopfstarke Mannschaft bei Microsoft die Arbeit auf, den - so wünscht sich das Microsoft-Gründer Bill Gates - besten Web-Suchdienst der Welt zu kreieren. Noch vor Ablauf dieses Jahres sollte er online gehen - wirklich gerechnet hat damit aber kaum jemand, denn selten werden in der Welt komplexer Software angekündigte Deadlines auch gehalten.

Was Microsoft bisher in einem inoffiziellen Betatest vorzeigte, war kaum beeindruckend. Das aber, raunt es nun an allen Ecken, werde sich schon am Donnerstag ändern. Denn dann soll die offizielle Testphase des geplanten MSN-Suchdienstes beginnen, mit zahlreichen kraftvollen Features.

Das Gerücht, berichten einflussreiche US-Medien, komme aus "Unternehmensnahen Kreisen". Die "New York Times" weiß das genauer: Offenbar setzte Microsoft am Dienstag kurz nach der Hauptversammlung PR-Mitarbeiter an die Telefone, um für den Folgetag Verabredungen für "Briefings" mit einflussreichen Journalisten zu verabreden. Irgendeines der PR-Vögelchen soll bei dieser Gelegenheit die Katze aus dem Sack gelassen haben. Nicht nur die "New York Times", auch die Nachrichtenagentur Reuters griff sie direkt im Genick und zahlreiche Medien fühlten sich darauf nicht mehr an verabredete Schweigegelübde gebunden: So richtig unangenehm, der Eindruck drängt sich auf, ist das Microsoft nicht.

Microsoft-Gründer Bill Gates: will die beste Suchmaschine der Welt
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Der Konzern hält sich vornehm zurück und bestätigt die Nachricht sowenig, wie er sie dementiert. Warum auch? Reichte das bloße Gerücht nicht aus, den Aktienkurs von Google gleich um zwei Prozent fallen zu lassen?

Zumindest die Börse also traut Microsoft zu, an Googles Quasi-Monopol auf dem Suchmarkt kratzen zu können.

Dafür müsste der MSN-Dienst einiges bieten. Google dominiert den Suchdienstmarkt seit rund vier Jahren, ohne sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen: Ständig werden die Google-Services um neue Features erweitert. Trotzdem gilt Googles Grundtechnologie als weitgehend ausgereizt: Die bisher verwendeten Page-Ranking-Techniken, die festlegen, an welcher Position in einer Ergebnisliste die Antwort auf eine spezifische Suchanfrage gezeigt wird, haben ihr Optimum - und ihre Grenze - bald erreicht. Auch Google selbst arbeitet längst nicht mehr nur an einer Erweiterung seiner Features, sondern auch an einer grundlegend verbesserten, flexibler zu konfigurierenden Suchtechnik.

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Denn die Zukunft, glaubt nicht nur WWW-Erfinder Tim Berners-Lee, gehöre "semantischen" Techniken: Ein Suchdienst, erklärte Bill Gates im Sommer 2004, müsse in der Lage sein, zwischen Kartoffel- und Computerchips zu unterscheiden. Er müsse die durchsuchten Dokumente selbst "verstehen" und Ergebnisse in passende Kontexte stellen. Genau dahin, so Gates im Juli, gehe die Entwicklungsrichtung auch der Microsoft-eigenen Suchdienste.

Die stützten sich bisher auf Inktomi, eine Suchtechnik, die Microsoft von Yahoo lizenziert hat. Das soll sich mit dem neuen MSN-Dienst ändern, den Microsoft vor wenigen Wochen zumindest optisch schon einmal fit für die Konkurrenz mit Google machte: An die Stelle der vormaligen, portalhaft opulenten Maske trat eine spartanisch-googelige Suchseite.

Die sucht bis jetzt nach wie vor ganz hausbacken, wenn man Versuchen wie der groben "Regionalisierung" der Suche absieht. Dass Microsoft so einige Gimmicks und Dienste in Mache hat, konnte man bis vor wenigen Stunden auf der "Sandbox"-Seite sehen, auf der Microsoft Einblicke in die aktuelle Entwicklungsarbeit gewährt. Jetzt sieht man statt der Suchtechnik-Seite nur eine Botschaft in elf Sprachen: "Die Technologievorschau für MSN Suche ist zurzeit nicht verfügbar. Die Site ist möglicherweise aufgrund von geplanten Wartungsarbeiten einige Zeit nicht verfügbar. Versuchen Sie es später erneut."

"Später" könnte Donnerstag heißen, wenn die "New York Times" recht hat. Was dann beginnen könnte, hat die News-Webseite News24.com schon mal in eine knackige Formel gegossen: Die "Schlacht der Suchdienste".



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