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Konsolen-Umbau: Aus Bastlern werden Kriminelle

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Die Spieleindustrie setzt für die Zukunft auf Persönliches: Individuelle Gestaltbarkeit von Spielen und Geräten soll neue Märkte öffnen. Gleichzeitig geht man massiv gegen Menschen vor, die an ihren Spielkonsolen herumschrauben. Nun wurde in Wales jemand deshalb als Straftäter verurteilt.

Umgebauter PC: Blaue Lüfter kosten Geld
SPIEGEL ONLINE

Umgebauter PC: Blaue Lüfter kosten Geld

Manchmal weiß die Spieleindustrie nicht so recht, was sie will. Wenn etwa J Allard, der Oberaufseher der Konsolen-Bauer bei Microsoft, über die für Ende des Jahres angekündigte Xbox 360 spricht, gebraucht er ein Wort besonders häufig: "Customization". Individuelle Anpassung heißt das, die Kunden sollen ihr Spiel- und Unterhaltungssystem der Zukunft ganz ihren Wünschen anpassen können. In der Praxis bleibt die "Customization" aber zunächst mal an der Oberfläche: Für die Xbox 360 wird es Frontplatten zum Dranklicken geben, ähnlich wie man das von Handy-Griffschalen schon kennt. Die Bildschirmmenüs wird man nach eigenem Wunsch gestalten können, das eigene Rennauto im Onlinespiel bunt anmalen. Die Individualisierung beschränkt sich also auch bei der nächsten Konsolengeneration auf Äußerlichkeiten.

Echte "Customization" wird gar nicht gern gesehen

Echten Hardcore-Gamern geht das aber längst nicht weit genug. Seit vielen Jahren werden Spielkonsolen aufgeschraubt und mit dem Lötkolben bearbeitet, die internen Betriebssysteme werden modifiziert, Hardware-Sperren aus Laufwerken entfernt, zusätzliche Festplatten eingebaut. Während das "Modding", außen und innen, bei PC-Spielern inzwischen fest zur Kultur gehört und der Industrie große Freude macht - blau leuchtende Lüfter und neue Grafikkarten kosten Geld - ist es den Herstellern gar nicht recht, wenn man an ihren Konsolen herumbastelt. Besonders Sony und Microsoft überboten einander in den vergangenen Jahren dabei, den Schraubern das Handwerk zu legen.

Sony etwa klagte in Großbritannien gegen einen Mann, der modifizierte Chips für die Playstation 2 verkaufte. Die entfernten den Regionalcode aus der Spielkonsole, mit dem verhindert werden soll, dass etwa US-Spiele vor dem europäischen Start importiert und hier gespielt werden, oder dass Billigimporte die europäischen Game-Preise verderben. Der britische High Court of Justice gab dem Hersteller recht: Der Chip verstoße gegen den Copyright, Designs and Patents Act" aus dem Jahr 1988.

Weltweit beschäftigen die Schrauber Gerichte

Zwei Jahre zuvor hatte Microsoft erfolgreich gegen ein Unternehmen aus Hongkong geklagt, das Mod Chips für die Xbox anbot. Gerade die erfreuten sich größter Beliebtheit, nachdem Microsofts erste Spielkonsole herausgekommen war, denn die Xbox war in ihrer Frühzeit im Vergleich mit dem aktuellen Angebot ein durchaus leistungsfähiger PC. Sie kostete aber um ein Vielfaches weniger. Als solchen nutzen konnte man sie deshalb nur, indem man die internen Sperrmechanismen umging. Verdient werden soll das Geld im Konsolengeschäft mit Software - und um die unters Volk zu bringen, braucht man eine möglichst große "Installed Base", sagen die Spielvermarkter. Mit anderen Worten: Je mehr Konsolen in den Wohnzimmern stehen, desto mehr Spiele kann man verkaufen.

Xbox: Bedrohtes Verdienstmodell?
EPA/DPA

Xbox: Bedrohtes Verdienstmodell?

Daher rühren auch die Probleme, die die Hersteller mit den Schraubern haben. Deren Bemühungen haben zwar manchmal einen ehrenhaften Hintergrund: Im "Xbox Linux Projekt" zum Beispiel ging es nur darum, das freie Betriebssystem auf der Konsole zum Laufen zu bringen, sogar ein satter Geldpreis wurde dafür ausgelobt. Andere wollen die Rechenkraft der Konsolen nutzen, um Video- und Audiodateien darauf abzuspielen, oder sie einfach als Rechnerersatz zu verwenden. Vielen aber geht es vor allem um eins: den Kopierschutz von Spielen zu umgehen. Während es praktisch unmöglich ist, auf einer nicht modifizierten Xbox Raubkopien zu starten, lassen sich mit einem entsprechenden Chip alle Schutzmechanismen aushebeln. Dadurch sieht Microsoft sein Verdienstmodell aus billiger Hardware und teurer Software bedroht.

Einen neuen Auspuff darf man doch auch einbauen

Während diese Sorge einerseits verständlich ist, geht vielen andererseits die restriktive Politik der Unternehmen gegen den Strich. Denn die verfolgen nicht Raubkopierer, sondern Schrauber. Und warum, fragt sich der Laie, sollte ich mit einem Gerät, das ich gekauft und bezahlt habe, nicht machen dürfen, was ich will? Ein Autohersteller, könnte man argumentieren, hat ja auch nicht das Recht, mich am Einbau eines neuen Auspuffs zu hindern.

Ein Gericht in Großbritannien hat diesen Vergleich eben als unzulässig zurückgewiesen. Es verurteilte einen 22 Jahre alten Absolventen der Universität Cambridge zu 140 Stunden Sozialdienst und 750 Pfund Strafe - weil er Mod Chips in Konsolen eingebaut hatte. Ein Sprecher des britischen Branchenverbandes ELSPA sprach von einem "Meilenstein im Kampf gegen Piraterie" und von einer "klaren Botschaft an jeden, der in Versuchung sein könnte, sich am 'Chipping' von Konsolen zu versuchen", denn das sei eine Straftat.

Das Urteil und auch die Worte des ELSPA-Sprechers klingen hart - aber der Mann ist möglicherweise noch glimpflich davongekommen. Er hatte nämlich nicht nur Mod Chips in Xboxen eingebaut - er hatte sie auch mit einer 200 Gigabyte großen Festplatte versehen, und diese mit 80 illegal kopierten Spielen gefüllt. Die verlockenden Pakete vertrieb er über seine Webseite für 380 Pfund, etwa 560 Euro, pro Stück. Ein Sensationspreis, wenn man bedenkt, dass ein einziges Spiel neu in der Regel um die 50 Euro kostet.

Verurteilt nicht für Raubkopien, sondern für Chips

Verurteilt wurde der Konsolentuner aber nicht für den Verkauf von Raubkopien - sondern für den Einbau des Chips. Und zwar aufgrund der Europäischen Richtlinie für das Urheberrecht, die in Großbritannien 2003 umgesetzt wurde, und das Umgehen von Hardware-Copyrightmechanismen für illegal erklärt. Erstmals wurde nun auf der Insel jemand tatsächlich aufgrund dieses neuen Straftatbestandes verurteilt.

Allzu viel "Customization" möchte man in der Spieleindustrie also lieber nicht sehen. Das gilt übrigens nicht nur für Hardware: Auch "Mods", also Programmänderungen für verschiedene Spiele, werden immer wieder juristisch bekämpft. Der japanische Spielehersteller Tecmo etwa ging massiv gegen verschiedene Fans vor, die sich an Modifikationen des Spiels "Dead or Alive Xtreme Beach Volleyball" versucht hatten. "Nude Patches" - eine hübsch paradoxe Wortschöpfung, die in etwa "Nackt-Flicken" bedeutet - sollten die attraktiven jungen Pixeldamen, die darin im Bikini Bälle übers Netz baggern, unbekleidet erscheinen lassen. Man werde solch schändliches Tun mit der "ganzen Härte des Gesetzes bestrafen", warnte Tecmo damals. Eine Gruppe von Xbox-Hackern hatte zusammengearbeitet, um das langweilige, aber ohnehin ziemlich anzügliche Spiel durchs Ausziehen der Figuren anziehender zu machen.

Der Lieblings-Shooter der Gamer ist auch ein Mod

Auch eines der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten ist übrigens eigentlich ein "Mod": "Counter Strike", das von manchen als Gewalt verherrlichend kritisierte aber höchst populäre Räuber-und-Gendarm-Spiel, in dem zwei Teams gegeneinander antreten. Das inzwischen in der Gemeinde der eSportler als Standarddisziplin etablierte Spiel ist in seiner Ursprungsversion das Werk von zwei Fans - es basiert auf dem Ego-Shooter "Half Life". Der Nachfolger "Counter Strike: Source" wird nun vom "Half Life 2"-Produzenten Valve vertrieben, im Doppelpack mit dem vielgelobten zweiten Teil des Shooters.

"Modding" muss der Industrie also nicht schaden, es setzt sogar kreative Kräfte frei, die ganz neue Märkte schaffen können. Zumindest im Fall von "Counter Strike" werden das auch Industrievertreter kaum bestreiten. Trotzdem wird der Kampf gegen allzu rigorose "Customization" weitergehen - und wohl noch verstärkt werden, wenn die noch viel rechenkräftigeren neuen Konsolen auf dem Markt sind. Denn die werden dann wohl wieder für viel weniger angeboten, als sie eigentlich kosten. Immerhin: Dann bleiben vielleicht ein paar Euro für eine bunte Frontplatte übrig.

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