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Kopierschutz: Was geht, Rekorder?

Von Matthias Spielkamp

Seit CDs zunehmend mit Kopierschutz ausgeliefert werden, boomt Software zum Ziehen analoger Kopien. Auch die, behauptet das britische Unternehmen Dark Noise, ließen sich verhindern: Mit "Q-Spoiler" lasse sich alle Musik unhörbar "vermüllen". Experten melden Zweifel an.

Eine neue Runde im Wettlauf ums Digitale Rechte-Management: Die Englische Firma Dark Noise Technologies behauptet, das "analoge Loch" gestopft zu haben. Mit ihrer Technologie sei es nicht mehr möglich, analoge Aufnahmen von geschützten Audiodateien zu machen. Experten bezweifeln jedoch, dass das funktionieren kann.

Die "Q-Spoiler" genannte Technik "verhindert analoge Aufnahmen und digitale Weiterverarbeitung - und stopft damit das Analoge Loch" - so steht es auf der Homepage des Londoner Unternehmens. Dazu sei, im Gegensatz zu anderen DRM-Systemen, keine weitere Infrastruktur nötig, also etwa bestimmte Software, die auf den Rechnern der Kunden läuft. Übliche DRM-Systeme benötigen genau das; außerdem versuchen diese Technologien bisher ausschließlich, digitale und damit verlustfreie Kopien von Musikstücken zu verhindern. Keines von ihnen soll analoge Aufnahmen unterdrücken.

Ein reiner Miesmacher

Viele Experten sind sogar der Ansicht, dass das gar nicht möglich sei. Niemand könne etwa verhindern, ein Mikrofon vor einen Lautsprecher zu halten und damit einen Song aufzunehmen. Das bestreitet auch Dark Noise nicht. Nur sollen analoge Kopien, wenn sie von einem Original mit Q-Spoiler-Kodierung gemacht werden, so schlecht klingen, dass sie wertlos sind.

Dieser Effekt werde erreicht, indem - für Menschen unhörbare - Audiosignale in ein Musikstück eingefügt werden, die die analoge Aufnahmetechnik stören. Dabei werde eine "induzierte harmonische Resonanz" erzeugt, die im aufgenommenen Musikstück als Hintergrundrauschen oder "-krach" zu hören sei. Dadurch sei es ebenfalls unmöglich, das Musikstück in eine "saubere" mp3-Datei umzuwandeln.

Da das Signal in das Stück selber integriert sei, könne es nicht davon getrennt werden und verhindere damit sogar, Songs in guter Qualität aufzunehmen, die über Digitalradio (DAB) ausgestrahlt werden. Für Zuhörer sei das nicht zu erkennen; auch dann nicht, wenn die Original-CD auf der heimischen Stereoanlage oder über den PC abgespielt werde, behauptet Dark Noise.

Genau das bezweifelt Christoph de Leuw, Leiter des Test- und Technikressorts beim Magazin "Audio". Zwar sei es prinzipiell möglich, derartige Daten in Musikstücke einzubauen. Doch Kompressionsverfahren wie mp3 basierten gerade darauf, diese unhörbaren Signale herauszufiltern.

Und auch analoge Aufnahmegeräte, deren Aussteuerungsautomatiken "irritiert" werden sollen, wären nicht betroffen: "Mit jedem besseren Gerät kann man das schon dadurch umgehen, dass man die Automatik abschaltet." De Leuws Fazit: "Die Methode kann entweder nicht wirksam sein, oder sie hat erheblichen Einfluss auf die Audioqualität."

Was die Kopie verhindert, verdirbt auch den Spaß am Original

Dabei stellt sich allerdings die Frage, welche Maßstäbe die Hörer anlegen. Menschen, die viele Tausend Euro für einen Röhrenverstärker ausgeben, werden sicher auch keine mp3-Dateien darüber anhören, die mit 128 Kilobit pro Sekunde (kbps) komprimiert sind. Millionen von mp3-Fans sind mit solchen Aufnahmen allerdings zufrieden.

Könnte Dark Noise darauf hoffen, dass sich die Kunden an der verminderten Qualität der kodierten Aufnahmen nicht stören würden? Kaum, sagt Christoph de Leuw: "So, wie die Technik angelegt sein müsste, um wirksam zu sein, wäre sie sehr lästig. Das hören dann nicht nur die so genannten 'Goldohren' - das nimmt auch Otto Normalverbraucher wahr."

Das ist aber noch nicht alles. Viele Geräte, wie etwa Autoradios, digitalisieren Musik intern, um sie weiter zu verarbeiten, erklärt de Leuw. Auch diese Geräte würden gestört, wenn Musik mit Dark Noise verschmutzt wäre. Also auch keine gute Idee für die Anbieter, findet de Leuw: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich große Plattenfirmen den Ärger aufhalsen wollen, den sie bekommen, wenn all diese Geräte auf einmal nicht mehr richtig funktionieren."

Auch prinzipielle Fragen, die für jedes DRM-System gelten, spielen eine Rolle und werden im Fall Dark Noise besonders deutlich: Warum sollten Kunden bei einer legal erstandenen CD in Kauf nehmen, eine schlechtere Tonqualität zu bekommen als normalerweise üblich, weil der Anbieter einen Kopierschutz einbauen will? Denn dieser "Wertverlust" gilt bei Dark Noise ja nicht erst, wenn der Kunde eine Kopie machen will, sondern bereits beim "minderwertigen" Original.

Darüber hinaus hätte eine solche Technik rechtliche Konsequenzen. Zwar ist weiterhin umstritten, ob - oder in welchen Fällen - es nach dem neuen Urheberrecht erlaubt ist, eine Kopie von digitalen Originalen herzustellen, wenn diese mit einem Kopierschutz gesichert sind. Dass es weiterhin erlaubt ist, analoge Privatkopien zu machen, etwa von CD auf Musikkassetten, bestreitet bisher aber nicht einmal die Musikindustrie.

Dark Noise steht vor dem Verkauf

Sollte die Dark Noise-Technik funktionieren, würden aber auch diese analogen Kopien unmöglich - und damit die Schranken des Urheberrechts technisch weiter unterlaufen. Die Firma bewirbt ihr Produkt mit dem Versprechen, selbst brauchbare Aufnahmen von Fernseh-, Radio- und Digitalradio-Sendungen verhindern zu können, egal ob auf Minidisc, Musikkassette oder DAT.

Überzeugen konnte sie mit dem "Marketinggetöse", wie Audio-Redakteur de Leuw die Ankündigungen nennt, jedenfalls die Firma Quiet Tiger aus Phoenix, Arizona. In einer bindenden Absichtserklärung kündigte die Firma an, Dark Noise innerhalb 30 Tagen zu übernehmen.

Quiet Tiger ist alleiniger Marketingpartner des DRM-Spezialisten SunnComm, mit deren DRM-Technologie "MediaMax" die Bertelsmann Music Group (BMG) ihre CDs kodiert. Dieser Technik war wenig Erfolg, aber viel Publicity beschieden: Der 22jährige Princeton-Student Alex Halderman hatte innerhalb weniger Stunden herausgefunden, dass man den Kopierschutz, zumindest auf Rechnern mit Windows XP, recht einfach überwinden kann - man muss lediglich die Hochstelltaste drücken, wenn man eine CD einlegt.

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