Kramnik vs. Deep Fritz Maschinen und Menschenmassen
Am Tag nach Wladimir Kramniks Niederlage gegen Deep Fritz zeichnet sich eines ab: Der Gewinner des Matches Mensch gegen Maschine ist nicht der Rechner. Es ist der Denksport Schach, der gerade wegen der Maschinen eine überraschende Renaissance erlebt - als massentaugliches Event.
Am Morgen nach der Finalpartie Kramnik gegen Deep Fritz klingt Andre Schulz, Redakteur von "Chessbase" und "Schach.de" und als solcher Teil des Deep-Fritz-Teams, leicht heiser. "Ein bisschen", habe er gestern Abend gefeiert. Gründe gibt es dafür gleich mehrere.
Wladimir Kramnik (r.) gegen Deep Fritz: Remis-Partien gelangen ihm noch, doch er gewann kein einziges Spiel
Zum einen war der ungleiche Wettstreit möglicherweise der letzte seiner Art. Weil er eindrucksvoll dokumentierte, dass auch ein grandios aufspielender Mensch gegen ein starkes Programm heute nur noch geringe Chancen hat. In seinen stärksten Spielen zwang Kramnik dem Rechner ein Remis auf - mehr war nicht mehr drin. Zwei Partien verlor er dagegen, eine aufgrund eines sehr menschlichen Fehlers, die letzte, weil Deep Fritz schlicht und ergreifend stärker spielte.
Das sagt eine Menge über die rasante Entwicklung von Hard- und Software in den letzten Jahren: 17 Jahre lang fesselten die Computer-Duelle ein stetig wachsendes Publikum, beginnend mit den Herausforderungen von Garri Kasparow gegen die schrankgroßen IBM-Boliden Deep Thought und Deep Blue, endend mit den Turnieren von Kramnik gegen die aufgebohrten Heim-PCs, auf denen Deep Fritz lief. Das spiegelt die Entwicklung der Computerwelt wider, in denen Mini-Maschinen heute mehr leisten als noch vor einem Jahrzehnt sogenannte Superrecher.
Erste Mensch-gegen-Maschine-Wettkämpfe hatte es bereits Ende der Achtziger gegeben, und stets gerieten sie zum Beweis der Überlegenheit menschlicher Hirne. Niemals, hatte Kasparow nach einem dieser Turniere gesagt, würde ihn ein Computer schlagen. Der Wendepunkt kündigte sich 1996 an: IBMs Deep Blue gelang zumindest ein Partiesieg - auch wenn der Rechner am Ende katastrophal unterging. "Wenn das ein Mensch gewesen wäre", soll Kasparow danach gesagt haben, "würde er nie wieder gegen mich antreten."
Wendepunkt 1996: Die Rechner lernen siegen
Au Backe: 1997 verlor der damals amtierende Weltmeister Garri Kasparow gegen Deeper Blue
Der interessante Teil der Mensch-Maschine-Matches ist nun also vorbei. Sollte es noch weitere solcher Wettkämpfe geben, dann unter anderen Vorzeichen: Sie könnten nur noch als Versuche interessant sein, die Maschine doch noch zu schlagen - als Beweise also, dass der Mensch doch noch nicht unterlegen ist in dieser Königsdisziplin des Denksports.
Kein Schachspieler, selbst wenn er zum Fritz-Team gehört, das über das Match eine Menge Publicity ernten konnte, wird deshalb freudig feiern. Zu feiern hatten die Fritz-Leute trotzdem eine Menge, und ebenso letztlich die ganze Schach-Community.
Denn zum zweiten gerieten die Maschinen-Wettkämpfe zum massentauglichen Online-Event. Dass sich selbst spät an einem Wochenendtag stolze 70.000 Menschen eine Zugübertragung im Internet ansehen, dass solch eine Veranstaltung nach zwei Wochen auf Leser- und Zuschauerzahlen kommt, die locker mit Bewegungssportarten mithalten können, ist erstaunlich.
Massen in der Nische
Das Web hat Schach von Grund auf verändert. Denn wenn heute irgendwo auf der Welt interessante Spiele laufen, dann ist eine riesige Community, die ihren Denksport in Vor-Web-Zeiten im stillen Kämmerlein, in Clubs oder - der Gipfel der Öffentlichkeit - in Stadtparks ausübten, live dabei. Über das Internet fließen Zugübertragen, Textdateien, Kommentare und Analysen. Dafür braucht man nicht viel Bandbreite. Bilder produziert Schach kaum: Für das Fernsehen war der Sport immer uninteressant, in diesem Fall, weil sich einzelne Kramnik-Partien bildlich nur an der Farbe seiner Anzüge unterscheiden ließen.
Der (ehemalige) Liveticker: Archiv der Partien
Im Web aber ist Schach spannend, weil es sich nicht nur verfolgen lässt, sondern auch spielen. Die Welt verfolgt fasziniert den Online-Poker-Boom, aber online pulsiert schon seit Jahren eine lebendige, Hunderttausende von Spielern zählende Schach-Community, die über das Netzwerk allabendlich eine brutale Form des Schnellschachs pflegt - in einer Art absolut offenen Liga, in der sich tatsächlich Großmeister bis hin zu Weltmeistern mit jedermann messen. Auch das Training der Champions ist somit öffentlich.
Das alles macht aus dem einstigen Nischensport Schach ein Massenphänomen, wie es nur in WWW-Zeiten denkbar ist: Auf Online-Plattformen ist Örtlichkeit per definitionem irrelevant. In der grenzenlosen Welt der Netze erkennt man die Fans eines relativen Nischensports als das, was sie sind: als riesige Masse.
Lesen Sie auch den Nachschlag zum Turnier: "Wettkampf verloren - was nun?", ein Fazit aus schachlicher Sicht von Fritz-Teammitglied Andre Schulz.

