Kranker Leopard Porno-Falle für Mac-Rechner

Das gab es bisher (fast) nur für Windows: Ein richtig bösartiger Virus, den sich Surfer auf Porno-Seiten einfangen können. Bewahrheiten sich nun die Unkenrufe von IT-Experten? Die warnten stets: Je größer der Erfolg eines Betriebssystems ist, desto gefährlicher werden die Attacken.

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Die Mac-Gemeinde hört es mit Schrecken: Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr kursiert ein Schadprogramm, das ein Mac-Betriebssystem befällt. OSX.RSPlug.A ist ein Trojaner, der die neue Mac-OS-X-Version Leopard befällt, dort volle Root-Zugriffsrechte erhält und den Rechner bei Zugriffen auf bestimmte Webseiten zu Phishing-Seiten umleitet, um Passwörter abzugreifen.

Leopard-Vorstellung (mit Apple-Chef Steve Jobs): Schrecken in der Mac-Gemeinde
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Leopard-Vorstellung (mit Apple-Chef Steve Jobs): Schrecken in der Mac-Gemeinde

Der Trojaner ist im Umlauf und wird über Porno-Seiten verbreitet. Dort sehen sich Mac-User beim Versuch, Videofilme abzurufen, unter Umständen mit einer Fehlermeldung konfrontiert, die Video-Software brauche ein Codec-Update. Statt eines Programm-Updates landet dann OSX.RSPlug.A auf dem Rechner und kann derzeit händisch nicht mehr entfernt werden. Für Mac-Nutzer ist das fast ein Kulturschock: Erstmals deutet sich an, dass auch Mac-Systeme künftig auf die Hilfe von Virenschutz-Programmen angewiesen sein könnten.

Immun war Apple nie, auch wenn man sehr tief in die Mottenkiste greifen muss, um das zu dokumentieren: Elk Cloner, das erste Computervirus, das überhaupt in Umlauf gelangte, zielte auf Apple-Rechner. Doch das war 1982, und seitdem hat sich viel getan: Apple, einst Inbegriff des Personal Computer, wurde zum Minderheiten-System, während Microsofts Windows im Bereich der Viren ein fast noch größeres Monopol hielt als auf dem Betriebssystem-Markt. Rechner krank, kaputt, von Viren zerschossen, von Trojanern unterwandert, von Botnetz-Dirigenten ferngesteuert - Was sollte da anders gemeint sein als Windows?

Mac OS X zum Beispiel: In seiner neuesten Inkarnation, hämten die IT-Experten von "eWeek", habe das Apple-Betriebssystem Leopard "mehr Löcher als das namengebende Tier Flecken". Die Firewall-Einstellungen des Systems seien höchst unsicher, vieles sei etwa bei Microsofts Vista besser gelöst.

Für einen wahren Jünger des Appletums ist so eine Behauptung ein Sakrileg: Windows ist in den Augen der mitunter sektenhaft gläubigen Apple-Fans nur eine stets schlechtere Kopie originärer Apple-Ideen. Auch die Tatsache, das Windows in den letzten Jahren wohl mehr als 99 Prozent aller Schad-Software-Anfälligkeiten verbuchen musste, hielt immer als Beleg für die Überlegenheit der Apple-Systeme her.

Pragmatiker warnten da seit langem, das der Eindruck täuschen könne: Apple-Software sei einfach kein lohnendes Ziel für Cracker und Kriminelle, weil zu wenig verbreitet; Linux und Apple zudem in IT-fitten Kreisen zu beliebt, um Cyber-Vandalen als Ziel zu dienen. Die implizite Warnung: Wenn Apples Erfolg wachse, werde es auch wahrscheinlicher, dass sich die Viren-Angriffe häuften.

Denn ganz ohne Schad-Software-Attacken verlief die Apple-Geschichte durchaus nicht. Immer wieder tauchten Viren und Trojaner auf, die auf Apple zielten. Sie alle hatten nur eines gemein: Sonderlich wirksam waren sie nicht. Während Windows gern und oft röchelnd verreckte, erkältete sich hier und da ein Mac ein wenig. Schlagzeilen machte das nie, zumal die meisten der Mac-Viren auch in anderer Hinsicht wenig potent waren.

Traumergebnis: 28.300 zu 44

Und im Vergleich so selten, das bis heute viele Mac-Nutzer auf eine Virenschutz-Software verzichten. Die Apple-Systemberatung architektenwerk aus Stuttgart hat 63 Virenversionen für Apple Mac OS 9 und X zusammengetragen - und musste dafür schon tief in der Apple-Historie bis zurück in die Achtziger Jahre graben. In der aktuellen Virendatenbank des IT-Sicherheitsunternehmens Sophos stehen 44 aktive Mac-Viren derzeit rund 28.300 Windows-Viren gegenüber - das ist deutlich.

Unter den Windows-Viren finden sich Schadprogramme, die sich schon auf dem Rechner einnisten, wenn der Nutzer sich auch nur ungeschützt im Internet bewegt: Sie werden über Scripte eingeschleust, nutzen Sicherheitslücken im Internet-Browser aus oder suchen sich per Portscan einfach offene Lücken im Betriebssystem. OSX.RSPlug.A ist zumindest noch auf die aktive Mithilfe des arglosen Nutzers angewiesen.

Die Schattenseite der Geschichte: Davon gibt es immer mehr. Waren Macianer lang eine eingeschworene Stammkunden-Gemeinde, werden Apples Rechner zunehmend attraktiv selbst für Computerneulinge - und Apples Mac OS wird damit zum lohnenderen Ziel für Kriminelle. Das erhöhte Gefahrenpotenzial ist insofern tatsächlich ein Preis für wachsenden Erfolg.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Kritik muss Apple zudem dafür einstecken, dass etwa die Sicherheitsstandards von Leopard niedriger sind als die der Vorläuferversion. Von einem löchrigen System zu sprechen ist trotzdem überzogen. Noch darf Mac OS als relativ dichtes System gelten, viel seltener als andere Entwickler kommt Apple in Zugzwang, Flicken fürs System anbieten zu müssen. Doch Verdienste der Vergangenheit schützen nicht vor den Schäden von morgen: Der Beweis, dass kräftige Schadprogramme gegen Apple-Rechner zu konstruieren sind, ist mit OSX.RSPlug.A endgültig erbracht.

Außerdem ist Quantität kein Maßstab für die IT-Sicherheitslage. Man braucht keine 28.000 Viren, um dem Ruf eines Betriebssystems und seinen Nutzern zu schaden, man braucht einige wenige kraftvolle im Umlauf. Security by Design gibt es nicht, so lange Cyber-Vandalen und Cracker herumlaufen, denen mehr einfällt, als den Software-Entwicklern. Bedenklich scheint, dass es nach Veröffentlichung des neuen Systems gerade eine Woche brauchte, bis das erste ernsthafte Schadprogramm in Umlauf kam. Auch für Macs dürfte künftig die Devise der Kondom- und IT-Industrie gelten: Niemals ohne.

Die meisten Anbieter von Mac-Virenschutz-Software haben ihre Scanner gegen OSX.RSPlug.A übrigens auf den neusten Stand gebracht.

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