Künstlerischer Wettstreit: Bleistift gegen Photoshop

Von Doc Baumann

Wie sehr unterscheidet sich ein am Rechner gezeichnetes Bild von der Bleistiftskizze desselben Motivs? Zwei Zeichner treten gegeneinander an: Stefan Dokoupil und John Wieser berichten, wie sie im Wettbewerb mit Bleistift und Maus zwei Varianten eines Motivs gezeichnet haben.

Selbst Profis können inzwischen keine Unterschiede mehr zwischen analogen und digitalen Fotos feststellen, das haben Blindtests ausreichend erwiesen. Ähnliches hätte man bei Gezeichnetem oder Gemalten noch vor einigen Jahren gar nicht erst versuchen müssen.

Doch obwohl Photoshop eigentlich ein Bildbearbeitungsprogramm ist und - etwa im Unterschied zu Painter oder Art Rage - keine spezialisierte Software für Mal- oder Zeichentechniken, sind nun zwei österreichische Künstler in den virtuellen Ring gestiegen und haben nach derselben Fotovorlage eine Aktzeichnung realisiert: John Wieser traditionell mit dem Bleistift, Stefan Dokoupil mit Photoshop, Mac und Wacom-Tablett.

Dass zwei Künstler gegeneinander antreten, ist ja nichts ganz Neues; in der griechischen Antike machten das schon die Maler Zeuxis und Parrhasius. Plinius berichtet darüber: "Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um daran zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein Vorhang aus Leinen zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich ebenfalls gemalt."

Wie es in der Gegenwart zum künstlerischen Wettstreit mit "Klon Eva" kam und wie dieser ablief, berichtet Stefan Dokoupil hier für DOCMA: "Als ich letztes Jahr zur Natura 2008 in Altenmarkt Zauchensee eingeladen wurde, lernte ich den Photorealisten John Wieser kennen. Ich sah seine Werke und war sofort begeistert. Nach der intensiven Zeit der Ausstellung, die sich über einen Monat hinzog, und etlichen Gesprächen kam mir die Idee zu diesem Projekt.

Ich will meine Fotos aussehen lassen wie Zeichnungen, und Johns Intention war es schon immer, seine Bilder wie Fotos wirken zu lassen. Warum also nicht ein gemeinsames Projekt realisieren, wo wir uns in der Mitte treffen? Kein Wettkampf, auch keine Glaubensfrage, sondern eine Symbiose...

Wir begannen mit dem gemeinsamen Shooting eines Models und legten Pose und Licht einvernehmlich fest. Wichtig war uns dabei vor allem der Schatten, damit wir auf einen strukturierten Hintergrund verzichten konnten.

Danach begannen wir zu zeichnen - John nach dem Foto auf einem weißem Blatt Papier und ich in Photoshop. Wir schickten uns gegenseitig die Zwischenstände, damit der eine vom anderen wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Zu guter Letzt habe ich mich dann nach John gerichtet, da Korrekturen für mich leichter waren als für ihn. Mein größtes Problem waren die Haare.

Ich ging von der Originalgröße des Bildes aus. John hatte da einen gewissen Vorteil. Mit sehr harten und feinen Bleistiften konnte er Details in das Bild zeichnen, die ich so in Photoshop nicht umsetzen konnte. Um den gezeichneten Charakter des Bildes abschließend zu unterstreichen, fügte ich per Alphakanal Störungen hinzu. Eine Textur von grobem Papier diente dann noch als "Blatt"-Hintergrund.

Anschließend kann ich nur ein großes Kompliment an John richten, was seine Leistung betrifft. Dieser Detailreichtum, die Kontraste und auch das Licht mit Bleistift derart auf das Papier zu bringen - dazu gehören ein irrsinniges Talent und ein gnadenloses Auge. Ich habe mit meinen digitalen Werkzeugen 15 Stunden für die zeichnerische Umsetzung von 'Klon Eva' benötigt - John hat mit dem Bleistift 140 Stunden an seiner Aktversion gearbeitet.

Dieses Projekt hat für mich und meine Arbeiten in Photoshop sehr viel gebracht und ich gehe jetzt immer mehr als Maler/Zeichner ans Werk: Mein Ziel ist es, nicht nur das Vorhandene zu verstärken, sondern mit einer gewissen künstlerischen Freiheit auch Details hinzuzufügen.

Der erste Schritt war, aus dem Bild eine Strichzeichnung zu machen. Die Konturen wurden per Hand (Wacom-Tablett) nachgezeichnet und mit dem Wischfinger abwechselnd aufhellend und abdunkelnd bearbeitet. Die Schattierungen des Körpers habe ich schichtweise in Ebenen aufgetragen und mit dem Wischfinger so lange nachbearbeitet, bis ich ein ansprechendes Ergebnis erzielte, dann die Details bei 300 Prozent Ansichtsvergrößerung mit dem Wischfinger und einer extrem kleinen Spitze angelegt.

Bei den Haaren stand ich vor dem Problem, nicht so feine Detail ausarbeiten zu können, wie ich es mir gewünscht hätte. Daher kam wieder der Wischfinger zum Einsatz. Ich habe dafür zunächst schwarze Punkte als Untergrund angelegt, mit kleineren weißen Punkten für die Strähnen, und abermals mit dem Wischfinger gearbeitet - mit hoher Deckkraft (also langer Verschmierungsstrecke) und dem Modus "Normal". Da hängt sehr viel von den Pinselspitzen ab; eine grobkörnige Spitze, die beim Verwischen einen Haarlook erzeugt, ist standardmäßig in Photoshop vorhanden. Per Alphakanal fügte ich Rauschen hinzu; als Textur fotografierte ich ergänzend eine Wand, um einen Papier-Look zu verstärken. Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht und war eine echte Herausforderung."

Zwar bereitete die Wiedergabe der digitalen Datei in DOCMA keine Probleme, mit ihren Reproduktionen der Bleistiftzeichnung dagegen waren die beiden nicht zufrieden. Zufällig hatte Doc Baumann kurz zuvor ein Interview mit dem Entwickler der Cruse-Scanner gemacht und wusste, dass eines seiner Geräte beim Stuttgarter Fotolabor M steht. Labor-Chef Rainer Tewes war sofort bereit zu helfen.


Am 17. April um 17 Uhr eröffnet bei Foto Kücher - Digitale Welt, Innsbruckerstr. 73, 5020 Salzburg die Ausstellung "Grenzgang zwischen Fotografie und Malerei", wo auch diese Bilder präsentiert werden; sie läuft bis 17.5.2009 .

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