Kurznachrichten per Telefon: Warum die SMS 160 Zeichen kurz ist

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Verliebte turteln per Tastendruck, Firmen schicken Werbung aufs Display, auch die Kanzlerin nutzt sie eifrig: Die SMS zählt zu den beliebtesten Kommunikationsmitteln. Friedhelm Hillebrand hat den Telefonservice miterfunden - und kann erklären, warum eine Kurznachricht nur 160 Zeichen hat.

Im Jahr 1984 hießen Handys noch Autotelefonanlage, und wer im B-Netz einen der gut 25.000 Unterwegstelefonierer anrufen wollte, musste wissen, durch welche Gegend der gerade gurkte. Denn damals musste erst die passende Vorwahl gewählt werden - für Mobiltelefone im Raum München zum Beispiel die 089. In dieser Zeit grübelte Ingenieur Friedhelm Hillebrand bei der Bundespost in Bonn, ob jemals jemand ein Interesse daran haben könnte, Textnachrichten mit Mobiltelefonen zu verschicken.

Seit 1982 arbeitete die Europäische Konferenz der Post- und Fernmeldeverwaltungen (CEPT) an einem europäischen Mobilfunkstandard (GSM), und Ingenieur Hillebrand diskutierte für die Bundespost in verschiedenen Gremien mit. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erinnert sich der 69-Jährige: "Von 1984 an haben wir uns in Deutschland und Frankreich Gedanken darüber gemacht, welche Dienste man neben der Sprache im D-Netz anbieten könnte."

Wer braucht schon 128 Zeichen Text?

Zuerst träumten die Ingenieure von einem Pagerdienst fürs neue Digitalnetz. Doch die Übermittlung langer Textnachrichten wäre zu aufwendig gewesen. "Die Sprache stand im Vordergrund", sagt Ingenieur Hillebrand. "Die Standards waren auf die Telefoniefunktion optimiert. Zusatzdienste sollten billig implementiert werden, ohne großen Aufwand und Anspruch an die Technik."

Ohne großen Aufwand waren 128 Zeichen Text drin, mehr nicht. Zur Übertragung konnte man einen zweiten Kanal nutzen, der eigentlich für gelegentliche Informationen über die Signalstärke und andere Diensteigenschaften gedacht war. Dieser Kanal war bei GSM ohnehin eingeplant, würde aber wohl meist ungenutzt bleiben - die ideale Basis für einen billigen Randdienst. Mit ein paar Tricks schafften es Techniker später, die maximale Zeichenlänge auf die berühmten 160 zu erhöhen.

Doch was sollte man in so kurzen Botschaften schon schreiben? Hillebrand beschreibt die Debatten in der GSM-Arbeitsgruppe so: "Wir haben uns schon gefragt, ob das überhaupt einen Nutzen hat. Geld für aufwendige Markstudien hatten wir nicht." Also verließen sich die Ingenieure auf etwas, das Hillebrand heute "Plausibilitätsprüfung" nennt: Sie schauten sich Postkarten und Telexe an - und zählten die Zeichen der Botschaft.

SMS-Vorbilder: Fax, Telex, Postkarte

Ergebnis: "Menschen können sehr viel in 160 Zeichen ausdrücken und tun das durchaus", erzählt Hillebrand. Das habe er in den Achtzigern auch beim Fax beobachtet: "Da wurden oft ganz kurze handschriftliche Fax-Botschaften verschickt, oder auch kurze Antworten, die man auf ein empfangenes Fax notierte." Der schönen Legende (am Sonntag in der " Los Angeles Times" nachzulesen), er habe auf einer Schreibmaschine eine Menge 160-Zeichen-Sätze getippt, um das Konzept zu erproben, widerspricht Hillebrand allerdings.

Von den ersten Ideen 1984 bis zur Grundlage des SMS-Diensts, wie er heute funktioniert, vergingen dann noch fünf Jahre. Die erste Version des endgültigen Standards wurde Anfang 1989 verabschiedet. In den Arbeitsgruppen waren viele Ingenieure aktiv, die man neben Hillebrand als gleichberechtigte SMS-Erfinder nennen muss: Bernard Ghillebaert (von der französischen PTT), Finn Trosby (Telenor), Kevin Holly von Cellnet und Ian Harris von Vodafone. Trosby schreibt in einem Aufsatz für das norwegische Fachblatt "Telektronikk": "Kein Experte und kein Unternehmen kann für sich beanspruchen, der Vater oder Erfinder eines Dienstes oder einer wesentlichen Funktion von GSM zu sein."

SMS-Visionen, Videotex-Terminals und Eingangbestätigung

Mit einigen der Kollegen von damals schreibt Ingenieur Hillebrand gerade ein Fachbuch über die SMS-Geschichte. Ende des Jahres soll "Short Message Service: The creation of global text messaging" erscheinen.

Eines der ersten Dokumente, in dem die SMS beschrieben ist (GSM Doc 19/85), entstand bei einem Treffen der CEPT in Oslo Anfang 1985. Die kurze Beschreibung der "Dienste, die im mobilen Kommunikationssystem GSM angeboten werden sollen" erwähnt als Unterpunkt 3.3. die "Short Message Transmission". In 13 Zeilen ist die Kurzmitteilung beschrieben, wie wir sie heute kennen. Allerdings ist da noch vom möglichen Versand über "Videotex-Terminals", die Rede. Explizit führt die Passage auch die heute noch so beliebte Eingangsbestätigung von Nachrichten auf.

Im CEPT Arbeitspapier "GSM 28/85 rev. 2." vom Juni 1985 wird die Nachrichten noch mit 128 Zeichen angegeben. Diese technisch bedingte Kürze haben die Entwickler damals als "Beschränkung" empfunden, erzählt Hillebrand: "Das hat sich für uns ganz unerwartet extrem positiv ausgewirkt: Das kurze Format begünstigt einerseits Dialog. Andererseits spornt das irgendwie die Kreativität der Menschen an."

Global dank GSM

Laut dem Branchenverband Bitkom haben Kunden in deutschen Mobilfunknetzen 2008 gut 29 Milliarden Kurznachrichten verschickt. Mit solch einem Erfolg habe in den Achtzigern niemand gerechnet, erinnert sich Hillebrand: "Wir dachten bei Einsatzmöglichkeiten vor allem an Autotelefone. Niemand stellte sich damals vor, dass GSM-Geräte allgegenwärtig und weltweit verbreitet sein würden."

Die Voraussetzung für den SMS-Boom haben die Techniker dennoch geschaffen. Weil SMS Teil des GSM-Standards ist, kann man mit allen Geräten in allen und auch zwischen allen Netzen Nachrichten versenden und sicher sein, dass sie so ankommen, wie man sie abgeschickt hat. Da sich GSM weltweit als Mobilfunk-Standard durchgesetzt hat, können Menschen sich sogar von Kontinent zu Kontinent Kurzmitteilungen senden.

Als Simsen noch gratis war

Damit hat Hillebrand ebenso wenig gerechnet wie mit den Themen so mancher SMS: "Ich bin beeindruckt, wenn ich heute Arbeiten von Germanisten lese, die SMS-Liebesgedichte analysieren. Damit habe ich nie gerechnet. Auch nicht mit dem kommerziellen Erfolg."

Beim Start der GSM-Netze Anfang der neunziger Jahre dienten SMS zunächst vor allem zur Information über neue Voicemail. Ingenieur Hillebrand: "SMS war bei einigen Anbietern wie E-Plus anfangs sogar komplett kostenlos. Als später SMS-Gebühren erhoben wurden, gab es einen kleinen Aufstand, aber die Menschen sind bereit, dafür zu zahlen. Sie empfinden den Dienst als sinnvoll."

Hillebrand hat seine erste SMS 1993 geschrieben, auf einem Nokia 2110. Was er damals tippte, weiß er nicht mehr. Heute simst Hillebrand täglich mit seinem Blackberry. Ob die E-Mail-Funktion des Blackberry nicht die Kurzmitteilung verdränge, beantwortet er so: "Nein. Eine SMS ist direkter, persönlicher, unmittelbarer, weil jeder sein Handy dabei hat, aber nicht immer am PC sitzt. SMS nutze ich trotz mobiler E-Mail nach wie vor sehr oft, das ist eine andere Kommunikation."

Und die ist als Randprodukt entstanden. Finn Trosby beschreibt die Entwicklung im Rückblick so: "Die Geburt der SMS war kein Zufall und kein Missgeschick, auch wenn das Konzept 1987 nicht sehr klar war. Zum Glück hat niemand den SMS-Dienst von der Liste gestrichen."

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