Life after Google III, Teil 3 Sehen, was Sinn macht

Eine effektive Searchengine wird versuchen, den Interessen des Suchenden entsprechend vorsortierte Ergebnisse zu erbringen. Bisher ging es darum, Perlen im Haufen zu finden. Künftig geht es darum, den Haufen zu ordnen.


Cleveres Kerlchen: Die Symbolfigur des französischen Suchdienstes "Kartoo"

Cleveres Kerlchen: Die Symbolfigur des französischen Suchdienstes "Kartoo"

Zumindest um die Sachlichkeit der Quellen braucht sich der keine Gedanken zu machen, der sich zur "Campus-Search" verirrt: Der Suchdienst "umfasst nur Seiten von deutschen Hochschulen und soll Studenten bei Promotions-, Diplom- und Hausarbeiten unterstützen". Auch das funktioniert, auch so schafft man eine Art Cluster: durch Spezialisierung.

Letztlich wird auch hier die Möglichkeit genutzt, bereits bei der Suchabfrage die semantische Intelligenz des Users anzuzapfen: Soll der doch bestimmen, in welchen Kontexten er sucht! Soll er doch zum "Branchenbuch" greifen, statt zum Telefonbuch! Eigentlich ist das ideal, ein Königsweg ist es trotzdem nicht: Für den informierten Fachmann ist es die Lösung, doch dem breiten Publikum hilft es nicht die Bohne, denn das müsste den Spezialdienst erst einmal finden (Google ist da sehr hilfreich).

Vielversprechender Web-Ordner: Vivisimo

Immerhin arbeiten zahlreiche Metasearch-Bots genau so, und auch Suchmaschinen-Neuentwicklungen wie Vivisimo bieten solche Möglichkeiten: Die Suchmaschine kombiniert haarfeines, wenn auch nicht immer intelligentes Clustering mit der Möglichkeit der Vorauswahl von Quellen.

Gut und verblüffend nützlich ist das allemal: In der Beispielsuche "retina implant" dröselt Vivismo rund 130 Treffer in zahlreiche Unterpunkte auf, die größtenteils tatsächlich sinnvoll erscheinen. Die Einengung auf aktuelle Nachrichtenquellen führt zu 18 recht frischen Presseberichten zum Thema. In anderen Bereichen (z.B. "Tech News") wiederum scheitert Vivisimo mangels Masse und Qualität der Quellen kläglich - da muss sich noch eine Menge tun.

Vivisimo: Vorsortierte Ergebnis-Gruppen versuchen dem Chaos mit "was ist drin?"-Fragen beizukommen

Vivisimo: Vorsortierte Ergebnis-Gruppen versuchen dem Chaos mit "was ist drin?"-Fragen beizukommen

Wie Teoma leidet auch Vivisimo bisher daran, dass der abgegriffene Datenbestand einfach noch nicht die Größe erreicht hat, den die Platzhirsche unter den Searchengines zu bieten haben. Trotzdem: So kann man das durchaus machen. Es schafft viel mehr Übersicht, als die Suche bei Google: Das Problem der Relevanzabschätzung offenbart sich hier zumindest zum Teil als Problem der Schnittstelle Mensch/Maschine.

Und zwar in beide Richtungen: Maschine erkennt nicht hinreichend, in welchem Kontext die Anfrage des Menschen zu interpretieren ist. Hier werden nur die Softwareentwickler und Linguisten Lösungen schaffen können. Doch auch Mensch erkennt in der herekömmlichen Listen-Aufbereitung kein Muster: Schon das einfache "clustern" von Ergebnissen wie bei Vivisimo bietet da wertvolle Orientierungshilfen. Ist das Problem der Relevanz- und Plausibilitätsabschätzung also schon über den Ansatz des Designs zu lösen?

Kartoo: Schöner geht's nimmer

Zum Teil sicherlich: Sehr schön zeigt das die französische Metasuchmaschine Kartoo. Die darf sich getrost mit dem Titel Schönheitskönigin unter den Searchengines schmücken - und hat ihren Usern einen völlig anderen Ansatz der Informationsdarstellung zu bieten.

Sehen, in welchem Kontext eine Website steht: Eleganter als Kartoo schafft das bisher niemand

Sehen, in welchem Kontext eine Website steht: Eleganter als Kartoo schafft das bisher niemand

Bei Kartoo erscheinen die Suchergebnisse auf einer "Karte": Jede Website ist eine Art Planet, der mit anderen vielfältig verbunden ist. Kartoo versucht, diese Verbindungen mit relevanten Schlagworten zu versehen, die den Veröffentlichungskontext der gefundenen Dokumente klar machen sollen.

Das geht mitunter völlig in die Hose, zumeist jedoch hat es wirklich Nutzwert: Im gewählten praktischen Beispiel zeigt das Konzept seine Stärke. Kartoo entwirrt die Ergebnisliste nach Kriterien wie "Science" versus "Projekt", scheidet "Neurotechnologie" von konkreten Krankheitsbeschreibungen. Damit nicht genug: Wandert man mit dem Mauszeiger über die Fundstellen oder die sie verbindenden semantischen Brücken, pulst und blinkt gleich alles auf, was miteinander verbunden scheint. Wow!

Der erste Eindruck ist phantastisch - der zweite leider eher ernüchtert: Die Darstellungsform ist bestens geeignet, das von herkömmlichen Suchmaschinen heute erschließbare "semantische Wissen" in eine intuitiv erfassbare optische Form zu bringen. Das ist schön - es ist deshalb aber noch lange nicht besser, als das Rohmaterial, auf dem es beruht.

Ohne Änderungen der Voreinstellung greift Kartoo relativ wenige Quellen ab, die beispielsweise im Bereich der aktuelleren Themen und Ressourcen kümmerlichst versagen. Erst die Auswertung des Quellenbestandes führt hier zu besseren Ergebnissen - die entsprechende Option muss man aber erst einmal finden.

Schön wiederum ist die Ersatzlösung für die bekannten Boolschen Operatoren: Hier klickt man einfach an, was man per Plus- oder Minuszeichen in seine Suche ein- oder ausschließen will, und schon ergibt sich wieder ein ganz anderes Bild.

Trotzdem: Die Kontexte erschließen sich zwar besser, dafür zeigt Kartoo aber auch weniger. Die "Ergebnis-Karte" erlaubt zwar ein sukzessives "Auszoomen" aus dem Kernbereich der Fundstücke, wird dann aber auch schnell unübersichtlich. Realistisch ist hingegen, wie schnell dann auch die Relevanz der Ergebnisse abnimmt: das ist auch auf einer Google-Ergebnisliste nicht anders.

Die Aufbereitungsform hat Vorteile, was das Erkennen von Kontexten angeht, ist aber auch ziemlich gewöhnungsbedürftig: Herkömmliches Web-Suchen ist schneller - und nicht nur, weil die vollständig Flash-basierte Kartoo-Oberfläche natürlich auch auf dieser Ebene ein Ressourcenfresser ist. Ansonsten gilt auch für diese Form des User-Interfaces, was letztlich immer gilt: Kurzbefehle und Tastatur sind immer schneller als die Auswahl per Maus, Systemverständnis ist optischer Heranführung überlegen.

Kurzum: Design und optische Aufbereitung sind schöne Hilfen für weniger versierte Sucher. Eine echte Lösung für den Sprung zur nächsten Evolutionsstufe der Suchtechnologie sind sie nicht. Sie simulieren nur, was irgendwann auch semantisch fitte Systeme aus dem Internet destillieren werden: relevante Informationen in adäquaten Kontexten. Spaß macht das Ausprobieren trotzdem: Dienste wie Vivisimo oder Kartoo sind ein Vorgeschmack, ein Ausblick auf die Dinge, die da noch kommen mögen. Die müssten dann auch die bei vielen Diensten "outgesourcten" Spezialsuchen nach Tondateien, Bildern oder Filmen wieder integrieren. Dass dafür wieder eine ganz besondere Form "semantischen" Verstädnnisses nötig ist, deutet an, wie groß hier der Entwicklungsbedarf noch ist.

Google ist gut, aber er ist nicht der Gipfel der Suchmaschinenentwicklung.
Irgendwann wird alles noch besser.

Frank Patalong



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