Linux-Betriebssystem Quälen an der Quelle

Seit Linux im neuen Gewand ganz Windows-ähnlich bedienbar ist, stellt es eine echte Alternative zu Microsofts übermächtigem Betriebssystem dar. Soweit die Legende. In Wahrheit, davon ist SPIEGEL-ONLINE-Autor Klaus Lüber überzeugt, überfordert das Open-Source-Betriebssystem seine User.


Linux-Symbol und Kultfigur Tux: Die Rettung vor Windows?

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Mocky76 gab ihm den entscheidenden Tipp. "Lad dir das Sourcecode-Archiv runter und kompilier dirs Modul selbst. Dann funzts." So kommunizieren User im Forum. Kein Wort zuviel, kein Fachdeutsch zu szenig.

Zwei Wochen später dann Raptors Antwort: "War harte Arbeit, aber jetzt geht's!" Er hat einfach das "linmodem-Modul heruntergeladen", danach ein "System-Update" durchgeführt, da die "Kernel-Version nicht mit seinen Kernel-Sourcen übereingestimmt hatten", und schließlich das "Modul neu gebaut" und "gegen den Kernel kompiliert".

Kaum zu glauben, aber Raptor und Mocky76 sind keine Computerfreaks. Über die Probleme, mit denen sie sich herumschlagen, würde ein Profi nur müde lächeln. Raptor und Mocky76 sind gewöhnliche Computer-Nutzer, die sich in einem Internetforum über profane Dinge wie kaputte Modems, streikende USB-Sticks oder schweigende Drucker austauschen. Aber wozu dann der gewaltige Aufwand, die wochenlange Quälerei, der angelernte Hacker-Jargon, die Code-Namen?

Linux: Retter in der Not

Für Raptor alias Karl, 31, begann alles vor einem Jahr. Auf seinem Laptop hatte ein Virus gewütet und das Betriebssystem musste neu installiert werden. Doch statt einmal mehr zur Windows XP CD zu greifen, erinnerte er sich an die vielen Berichte, die er im Fernsehen und Fachmagazinen gesehen hatte. Euphorische Berichte, wie leicht man auf das fehleranfällige, virengefährdete Windows verzichten könne. Wie mühelos der Umstieg wäre, auf ein Betriebssystem, das sicherer, stabiler und innovativer sei. Auf Linux.

Linux-KDE-Arbeitsfläche: "Expertensystem" im Gewand von Windows oder Apple

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Seit der finnische Programmierer Linus Torvalds vor 10 Jahren ein eigenes, an Unix orientiertes Betriebssystem entwickelte und den Programmcode der Software im Internet veröffentlichte, hat sich das Open-Source-Produkt Linux zu einer ernstzunehmenden Windows-Alternative entwickelt.

Bisher allerdings hauptsächlich im professionellen Bereich, etwa bei den Betreibern von Webservern. Dort wird Linux schon seit Jahren wegen seiner Verlässlichkeit und vor allem seiner Lizenzkostenfreiheit geschätzt. Für den privaten Gebrauch galt Linux noch bis vor kurzem als völlig ungeeignet: Zu kompliziert und benutzerunfreundlich für den Laien.


Doch Linux steht kurz vor einer Revolution, nach der das Nischendasein der Software auf dem privaten Desktop-Markt beendet sein könnte. Auf den derzeit größten Märkten der Welt - den asiatischen - deutet sich ein beispielloser Linux-Run an. Durch das gigantische Wirtschaftswachstum herrscht ein enormer Bedarf an Computertechnologie. Würde man dort Microsoft-Produkte verwenden, hätte man gigantische Lizenzgebühren zu zahlen. In China ist das lizenzkostenfreie Linux deshalb schon jetzt zum Betriebssystem Nr. 1 avanciert. Das wird Auswirkungen auf dem globalen Hardwaremarkt haben: Große Firmen werden es sich in Zukunft gar nicht mehr leisten können, Produkte zu entwickeln, die nicht unter Linux funktionieren.

Karl jedenfalls lässt sich überzeugen. Von den positiven Linux-Berichten, all den rosigen Zukunftsprognosen und nicht zuletzt von den Angeboten kommerzieller Linux-Anbieter wie SuSE. Diese werben mit Komplett-Paketen ab ca. 60 Euro, die alles enthalten, damit jeder Linux so einfach benutzen kann wie Windows. Das würde nicht nur bedeuten, lästige Dinge wie Computerviren vom Hals zu haben. Selbst Laien ohne technisches Vorwissen könnten "hinter die Kulissen" ihres Betriebssytems schauen und technische Vorgänge verstehen lernen, statt sich undurchsichtigen Standards zu unterwerfen.

Spottende Anti-Linux-Anzeige von Microsoft: Zu viele Mutanten?

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Leider macht Karl ziemlich schnell ganz andere Erfahrungen. Vergleichsweise banale Probleme wie zum Beispiel ein nicht funktionierendes Modem, für Windows-User eine Kleinigkeit (neuen Treiber herunterladen und installieren), verwandeln sich unter Linux-Bedingungen in schier unüberwindbare Hindernisse. Plötzlich gilt es, Fehlerprotokolle auszuwerten, im Internet nach Programm-Modulen zu forschen und kryptische Programmzeilen zu testen.

Doch anstatt reumütig zu Windows zurückzukehren, registriert sich Karl im Internetforum www.linuxforen.de. Unter dem Pseudonym Raptor beginnt er, mit anderen Usern zu chatten und Linux-Fachwissen auszutauschen. Karl ist der Überzeugung, dass der Einsatz sich irgendwann lohnen wird. Wie die meisten gestressten Linuxer glaubt auch er, durch die Schinderei zu einem "besseren User" zu werden. Kreativ und wissend. Und vor allem: Unabhängig von Microsoft.

Monatelang klickt sich Karl als Raptor durchs Forum. Streikende Drucker, Scanner oder USB-Sticks werden zu seinen persönlichen Feinden. Er zwingt sie alle nieder. Nach einem halben Jahr hat er die Peripherie im Griff. Karl ist stolz, regelrecht glücklich. Er beginnt sich wie ein Experte zu fühlen, gibt anderen Forumsmitgliedern Tipps, liest Bücher zum Thema.

Bis er sich eines Tages zu einem Systemupdate hinreißen lässt...

Morgen früh in der Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE: "Linux: Die Not mit dem Retter" .
Wie frischgebackene Linux-Experten Stück für Stück den Rückzug antreten - und doch wieder beim "Monopolisten" landen.

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