Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Linux: Die Not mit dem Retter

Von Klaus Lüber

Dass PC-Nutzer "Raptor" auf Linux umstieg, war Notwehr: Zu oft hatten Abstürze und Viren ihm sein Windows zerschossen. Doch auch in Linux-Land ist längst nicht alles Sonnenschein: "Raptor" muss erleben, dass man als "Normaluser" auch an aktuellen Linuxversionen scheitern kann.

Im ersten Teil stieg Karl alias "Raptor" auf Linux um, weil er genug hatte vom Ärger, den ihm Windows bereitete. Aufgrund diverser Probleme wuchs schnell sein Wissen. Karl begann, sich mit Linux wohl zu fühlen. Bis zum Systemupdate.


Linus Torvalds, Gründer- und Kultfigur der Linuxszene: Ist Linux jenseits der Kritik?
AP

Linus Torvalds, Gründer- und Kultfigur der Linuxszene: Ist Linux jenseits der Kritik?

Nach dem Update funktioniert das Modem nicht mehr.
Wie ganz am Anfang. Und obwohl mehrere Monate Linuxbüffelei hinter ihm liegen, braucht Karl fast doppelt so lang, um es wieder flott zu machen. Dabei entpuppt sich sein angebliches Computerwissen als hilfloses Abarbeiten kryptischer Befehlszeilen.

Plötzlich sieht Karl kein Land mehr. Für jedes gelöste Problem tauchen zwei neue auf. Nach über acht Monaten Quälerei dann die Kapitulation: Er meldet sich bei linuxforen.de ab. Sämtliche Linux-Fachzeitschriften wandern in den Müll. Und um überhaupt wieder ruhig arbeiten zu können, installiert er sich Windows XP als zweites Betriebssystem.

Ist Karl nur einfach zu dumm für Linux? Oder hat er gar nicht vor der Intelligenz des Computers versagt, sondern einfach nur die Konsequenz aus dessen Fehlerhaftigkeit gezogen?

Wie up to date ist Linux wirklich?

Selbst Informatik-Profis haben sich längst von der Vorstellung verabschiedet, man könne fehlerfreie Computersysteme programmieren und akzeptieren Systemabstürze als unausweichliche Tatsache. Computersysteme von morgen produzieren kontrollierte Systemabstürze, weil man auf diese Weise flexibler auf einen wirklichen Notfall reagieren kann. Es geht nicht mehr um Fehlervermeidung, sondern um intelligente Schadensbegrenzung.

Da wirkt Linux mit seinem Kontrollanspruch reichlich rückschrittlich. Und das ist auch kein Wunder. Denn so zukunftsweisend die Software auch gerade vermarktet wird: Im Grunde ist sie steinalt.

Der Programmcode basiert auf Unix, und das wurde bereits in den 60er Jahren entwickelt. Eine Zeit, die beherrscht war vom Denken der Kybernetik, jener "Steuerungswissenschaft", die geradezu besessen davon war, organisches Leben durch mathematische Logik zu optimieren.

Linux-Cluster: Im wissenschaftlichen und professionellen Bereich ist Linux ein System mit phantastischen Möglichkeiten
DPA

Linux-Cluster: Im wissenschaftlichen und professionellen Bereich ist Linux ein System mit phantastischen Möglichkeiten

Für die Kybernetiker erschien der Computer als hochkomplexe aber dennoch bis ins letzte Detail kontrollierbare Maschine. Linux hat das kybernetische Kontrolldenken in seiner Programmstruktur konserviert. Wer damit arbeiten will, hat nicht nur die Möglichkeit, sondern letztlich auch die Aufgabe, alles an seinem System zu kontrollieren. Er ist nicht nur Anwender, sondern gleichzeitig auch immer der Administrator seines eigenen Systems.


Gut, Linux ist vielleicht alt, sagen die Befürworter. Aber immer noch tausendmal besser, als alles, was gerade auf dem Markt ist.

Das allerdings ist fraglich. Die vielgerühmte Sicherheit und Stabilität von Linux, scheinbar unabhängig vom Vorwissen und Engagement des Anwenders, hängen in Wahrheit gerade davon ab. Wer beim "Blick hinter die Kulissen" mit kryptischen Zeichen operiert, die er nicht versteht, gefährdet sein System viel nachhaltiger, als es der dümmste Windows-User je könnte.

Wer Ja sagt zur Open Source ...

Abgesehen davon enthält der Linux-Sourcecode Unmengen von Fehlern. Immerhin wurde er von Hunderten Programmieren über Jahre hinweg zusammengeschrieben. Und wo viele Menschen arbeiten, werden unweigerlich viele Fehler gemacht. Auch und gerade wenn der Code offen liegt und ständig Schwachstellen entdeckt und ausgebessert werden. Vor Computerviren sind Linux-User übrigens nur deshalb sicher, weil es sich für böswillige Hacker noch nicht lohnt, Linux-Viren zu schreiben. Und nicht, weil Viren in einer Linux-Umgebung nicht funktionieren würden.

Privat-User: Das richtige System am falschen Ort?
AP

Privat-User: Das richtige System am falschen Ort?

Keine Frage: Was die Produktionsbedingungen angeht, ist Linux auf der Höhe der Zeit. Alle Welt spricht von Open-Source-Communities als den Thinktanks von Morgen. Großartige Softwareprodukte wie Wikipedia oder Firefox sind in Open-Source-Netzwerken entstanden. Darüber hinaus hat der Linux-Boom mit dazu beigetragen, wichtige Reformen im Linzenzrecht einzuleiten.

... muss Linux noch nicht lieben

Doch nur weil Linux in einer Open-Source-Community entstanden ist, werden diejenigen, die damit arbeiten, nicht automatisch freier und unabhängiger im Umgang mit Computertechnologie. Eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall: Wer den größten Teil seiner Arbeitszeit damit verbringt, Fehlerprotokolle auszuwerten, Programmbibliotheken zu pflegen, Befehlszeilen auszuprobieren und nach Software-Updates zu suchen, hat sich zum Sklaven seiner eigenen Kontrollsucht gemacht. Angefixt durch Linux-Versprechen, "hinter die Kulissen" blicken zu können.

Kreatives Arbeiten jedenfalls ist unter dem Zwang, ständig alles im Griff haben zu wollen, nur äußerst schwer möglich. Vielleicht wird sich das mit fortschreitender technologischer Entwicklung von selbst erledigen. Denkt zum Beispiel der Informatiker David Gelernter: "In der Zukunft werden wir über jede Menge Technik verfügen - und das Beste daran wird sein, dass wir uns über Technik keine Gedanken mehr machen müssen. Dankbar und erleichtert werden wir uns wieder den Themen zuwenden können, die wirklich zählen."

Für die Gegenwart sollte das nicht heißen, technologische Entwicklungen zu ignorieren. Man sollte sich nur nicht von ihnen kontrollieren lassen. Unabhängig davon, ob man mit Windows, MacOS oder Linux arbeitet.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: