Loebner-Preis Alice - "menschlicher als ein menschlicher Chatter"

Zum elften Mal wurde in diesem Jahr der Loebner-Preis verliehen: Der soll das Software-Programm belohnen, das erfolgreich seine sprachliche Intelligenz unter Beweis stellt.


Bisher nie vergeben: Der Loebner-Preis in Gold. Die Vorderseite zeigt Loebner (links), die Rückseite Alan Turing

Bisher nie vergeben: Der Loebner-Preis in Gold. Die Vorderseite zeigt Loebner (links), die Rückseite Alan Turing

Der Loebner-Preis: Lohn für das "menschenähnlichste" Softwareprogramm. Elf Jahre schon konkurrieren Programmierer aus aller Welt um die durchaus begehrte Trophäe, um weltweit Erster zu sein bei der Entwicklung eines Programms, das zumindest sprachliche Intelligenz beweist. Der Preis geht auf eine Idee des Computerpioniers Alan Turing zurück. Doch die bisherige Geschichte des Loebner-Preises war vor allem eines: preiswert.

Das hat einen guten Grund: Preisstifter Hugh Loebner definierte die Kriterien, die ein Programm erfüllen muss, um preiswürdig zu sein und folgte dabei den Ideen Turings:

  • Einen goldenen Loebner-Preis bekommt das Programm, das die Hälfte aller Juroren durch Antworten in gesprochener Form davon überzeugt, ein Mensch zu sein. Preisgeld: stolze 100.000 Dollar. Bisherige Preisträger: keine.
  • Einen silbernen Loebner-Preis erringt das Programm, das die Hälfte aller Juroren durch Antworten in schriftlicher Form davon überzeugt, menschlich zu sein. Preisgeld: 25.000 Dollar. Bisherige Preisträger: keine.
  • Einen bronzenen Loebner-Preis erringt der jeweils überzeugendste Wettbewerbsbeitrag. Preisgeld: kostengünstige 2000 Dollar. Preisträger: Ja klar, jedes Jahr.

Der Preisträger dieses Jahres ist ein alter Bekannter: Wie schon im Vorjahr ging die Bronzemedaille an Richard Wallace und sein - bereits 1995 entwickeltes - Programm "Alice". Das gehört mittlerweile zu den populärsten Chatbots im Web, seitdem es 1998 auf die Java-Plattform portiert wurde. Parallel dazu hatte Wallace seine Alice

zum Open-Source-Projekt gemacht: Rund 150 Programmierer in aller Welt basteln inzwischen mit an Alices Vervollkommnung.

Bis Alice eine Silbermedaille kassiert, dürfte noch einige Zeit vergehen: Immerhin wies einer der Preisrichter darauf hin, dass das Programm im Chat "menschlicher erschien als einer der menschlichen Chatpartner". Das jedoch sagt im Zweifelsfall mehr über die berüchtigt gute Atmosphäre des Events aus als über die Intelligenz des beurteilten Programms.

Alice musste sich im Wettbewerb sieben anderen Programmen stellen. In einem Chat mit den Mitgliedern der Jury versuchten die acht Programme und zwei menschliche Chatter die Juroren zu überzeugen, dass sie tatsächlich menschlich seien. Zum zweiten Mal wurde Alice dabei zumindest als "überzeugendster Teilnehmer" gewürdigt.

Dass ein Programm den begehrten Preis mehrere Male gewinnt, ist in der kurzen Geschichte des Loebner-Preises nicht ungewöhnlich. Viermal konnte Joseph Weintraub den Preis in Empfang nehmen, und auch Robby Garner stand bereits zweimal auf dem Siegerpodest. In diesem Jahr hatte es von den insgesamt sechs bisherigen Loebner-Preisträgern nur Richard Wallace erneut ins Finale geschafft.

Der Preisstifter

Als schillernde Figur gilt auch der Ausrichter des Wettbewerbs, Hugh Loebner. Der ist - man ahnt es - kein Armer, machte seine Millionen in New York als Hersteller von Theater-Equipment. Loebner, studierter Soziologe, engagiert sich uneigennützig und finanzierend in zwei Feldern: Zum einen ist da der von ihm ausgelobte Preis, mit dem er die von Alan Turing in seinem legendären Aufsatz "Can Machines think?" vorgegebene Forschungsrichtung fördern will.

Zum anderen gilt der als Philantrop bekannte Loebner als einer der vehementesten Lobbyisten für eine Legalisierung der Prostitution in den USA. Für seine Bemühungen (er ist unter anderem Verfasser der "Magna Carta for Sex Work" und "Erfinder" des "End Sexual Oppression Day") wurde er selbst mit zwei Prostituierten-Preisen ausgezeichnet: Loebner ist einer von bisher nur zwei Preisträgern des "Aspasia Award" und "erster und wahrscheinlich einziger" Empfänger des "Coyote LA"-Preises.



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