Mac-Absage: Neue Photoshop-Spitzenversion nur für Windows

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Schock für Apple-Anwender: Die nächste Version der Bildbearbeitung Photoshop wird nur für Windows in einer 64-Bit-Version erscheinen. Schuld an dem Rückzieher ist Apple selbst - erst in fernerer Zukunft wird der Mac wieder einbezogen.

Adobe-Produktmanager John Nack ließ die Bombe in einem Interview platzen: "Wir werden keine native 64-Bit-Version von [Photoshop] CS4 für den Mac anbieten." Wow, das hat gesessen. Schließlich waren Apples Mac-Computer und das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop bislang ebenso untrennbar miteinander verbunden wie linkes und rechtes Hosenbein. Vor dem Entertainment-Boom rund um den iPod überlebte das lange kränkelnde Unternehmen Apple nicht zuletzt darum, weil es sich in der Nische des Grafikdesigns häuslich eingerichtet hatte: Als kaum noch jemand Apple nutzte, galten die Rechner der Firma aus Cupertino in Werbeagenturen und bei Grafikern als absolut unverzichtbare Arbeitswerkzeuge.

Apple Mac Pro: Kein 64-Bit-Photoshop für die Powermaschine

Apple Mac Pro: Kein 64-Bit-Photoshop für die Powermaschine

Dass Adobe sich dazu entschlossen hat, nur für Windows eine 64-Bit-fähige Photoshop-Variante zu programmieren, hat Apple sich freilich selbst zuzuschreiben. Denn Adobe programmiert seine Bildbearbeitungssoftware seit etlichen Jahren in Apples Programmiersystem Carbon. Diese Softwaresammlung sollte es seinerzeit leichter machen, Software gleichzeitig für das alte Mac OS 9 und das damals neue Mac OS X zu entwickeln. Genau das tat Adobe und entwickelt seither jede neue Mac-Photoshop-Version in Carbon.

Im Juni 2007 hat Apple dann aber erklärt, dass es keine 64-Bit-Version von Carbon geben werde. Einzig Cocoa, ein Set von Entwicklerwerkzeugen, das nur für Mac OS X taugt, werde man weiterentwickeln. Für Adobe kam diese Ankündigung zu spät, wie Adobe-Pressesprecher Alexander Hopstein im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt. Die Photoshop-Entwicklung mit Carbon war zu diesem Zeitpunkt bereits zu weit fortgeschritten und konnte nicht mehr auf Cocoa umgeschaltet werden.

Adobe bleibt Apple treu

Nur aus diesem Grund sah sich Adobe gezwungen, das Thema 64-Bit bei der Version CS4 von Photoshop auszuklammern. Eine Abkehr vom Mac an sich sei damit aber keinesfalls beabsichtigt. "Das hat 0,0 Prozent mit unserem Mac-Commitment zu tun, das nach wie vor ungebrochen ist", sagt Hopstein. Vielmehr werde man erst mit der übernächsten Photoshop-Version das 64-Bit-System auch auf Macs einführen.

Bis die kommt, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Erfahrungsgemäß veröffentlicht Adobe alle 18 bis 24 Monate eine neue Version. Demnach könnte Photoshop CS4 noch vor Ende dieses Jahres, spätestens aber im Frühjahr 2009 auf den Markt kommen. Die folgende, dann CS5 genannte Version, die komplett auf Cocoa aufsetzen und auch für den Mac 64-Bit-fähig programmiert werden soll, könnte demnach Ende 2010 oder Anfang 2011 kommen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte sich kaum jemand daran stören, dass eine solche Version nicht mehr auf Power Macs, sondern nur noch auf Intel-Macs laufen wird.

Für Apple ist Adobes Absage dennoch ein Schlag ins Kontor. Schließlich hat Apple sein Betriebssystem viel früher, umfassender und konsequenter auf 64 Bit umgestellt als Microsoft. Während die 64-Bit-Version von Windows Vista bis heute nur ein Schattendasein führt und nur zögerlich mit kompatibler Treibersoftware versorgt wird, hat Apple den Spagat längst hinter sich. Das aktuelle Mac OS X 10.5 Leopard ist bereits vollständig auf 64-Bit-Datenverarbeitung ausgelegt. Treiberprobleme sind dem System unbekannt, da es neben aktueller 64-Bit-Software auch alte 32-Bit-Programme ausführen kann.

Wer braucht 64 Bit?

Ohnehin aber stellt sich die Frage, ob und für wen ein Umstieg auf 64-Bit-Bildbearbeitung derzeit sinnvoll wäre. In seinem Weblog rechnet John Nack vor, dass die 64-Bit-Version von Photoshop in der Regel nur acht bis zwölf Prozent schneller ist als die entsprechende 32-Bit-Variante. Nur, wenn wirklich riesige Datenmengen bewegt werden müssen, könne das 64-Bit-System seine Muskeln spielen lassen. Denn der Hauptvorteil von 64-Bit-Computern ist, dass sie mehr Arbeitsspeicher (RAM) schneller ansprechen können als andere PCs. Lag etwa bei Windows die Grenze bislang bei vier Gigabyte RAM, kann ein 64-Bit-Vista-PC beispielsweise auch mit 16 Gigabyte ausgestattet werden. Diesen Vorteil kann er aber nur ausspielen, wenn er Datenmengen im Gigabyte-Bereich verarbeiten soll.

Ein typisches Titelbild für eine Hochglanzzeitschrift kommt heutzutage aber trotz mehrerer Bild-, Text und Effektebenen meist mit einigen hundert Megabyte aus, passt also bequem auch in einen Vier-Gigabyte-Speicher. Doch das wird sich zunehmend ändern. Der Trend geht hin zu höher aufgelösten Bildern, die mit mehr Farbinformationen als bisher angelegt werden. Auf diese Weise werden die Bilddateien künftig weiter anschwellen - und ein 64-Bit-Photoshop wird irgendwann tatsächlich sinnvoll sein.

Die Auswirkungen auf Apple

Dennoch tönen schon jetzt die Alarmglocken, fürchten manche Beobachter, Adobes Absage könnte dem Mac-Hersteller schaden. Das mag auch sein, doch nur in sehr begrenztem Umfang. Auch wenn Apple mehr und mehr Einnahmen aus seiner Unterhaltungselektronik zieht, stehen die Mac-Computer und -Notebooks immer noch für den Löwenanteil der Einnahmen. So standen etwa im vierten Abrechnungsquartal 2007 mehr als zehn Millionen verkauften iPods zwar nur knapp über zwei Millionen verkaufte Apple-Rechner gegenüber. Insgesamt zeichneten diese Rechner aber für gut die Hälfte des Umsatzes verantwortlich.

Allerdings gilt es, die Aufteilung der Verkäufe zu betrachten. Denn die weitaus meisten Kunden entscheiden sich für ein Apple-Notebook. 1,347 Millionen Apple-Laptops standen 817.000 Desktop-Computer gegenüber. Das Gros davon dürften allerdings iMacs und Mac minis gewesen sein. Solche Rechner werden aber, ebenso wie Notebooks, nur selten für Bildbearbeitung per Photoshop genutzt - und wenn doch, dann nur in geringem Maße. So bleibt nur ein verhältnismäßig geringer Prozentsatz von Desktop-Rechnern übrig, die tatsächlich für professionelle Highend-Bildbearbeitung genutzt werden.

Außerdem gab es schon einmal einen Aufschrei in der Apple-Gemeinde, Adobe würde die Firma um Steve Jobs im Stich lassen. Das war, als Adobe sein Photoshop nicht rechtzeitig zum Verkaufsstart der ersten Intel-Macs an die neue Hardware anpasste. Erst mit einem Jahr Verspätung lieferte die Softwarefirma das nötige Update aus. In den Monaten dazwischen verzeichnete Apple ein Rekordquartal nach dem anderen: Die Marktanteile wachsen kontinuierlich - Apple ist endgültig raus aus der Nische.

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