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Macworld-Messe: Apple-Jünger kuscheln ein letztes Mal

Aus San Francisco berichtet

Das ist Liebe zum Produkt: Apple-Fans reisen aus aller Welt nach San Francisco, um mit Wildfremden dem Konzern zu huldigen. Der Gemeinschaftsdrang ist ein Rest der alten Mac-Kultur - doch das Unternehmen entledigt sich jetzt der letzten folkloristischen Überbleibsel.

San Francisco - Warum Alfred Phoon von Vancouver nach San Francisco geflogen ist, ein paar Hundert Dollar für ein Hotelzimmer und den Eintritt für die Apple-Messe Macworld bezahlt hat, kann er jetzt gar nicht so genau sagen. Der zierliche Programmierer steht mit einer großen Spiegelreflexkamera zwischen einem guten Dutzend anderer Macworld-Besucher am Strand, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Golden Gate Bridge entfernt, sucht nach der richtigen Blendenöffnung fürs Foto und dem einen Satz, der erklärt, warum er hier ist.

Natürlich, Steve Jobs wollte er einmal live sehen. Sich frühmorgens anstellen, um die Eröffnungsrede des Apple-Chefs zu hören. Nur hält in diesem Jahr nicht Jobs die Rede, sondern Marketingchef Phil Schiller. Das hat Apple überraschend vor wenigen Wochen bekanntgegeben - lange nachdem Fans wie Phoon ihre Tickets gekauft hatten.

Aber das ärgert den 31-Jährigen nicht. Er sei ja nicht nur wegen des Apple-Chefs hier, sondern auch, um bei einem Workshop auf der Macworld etwas mehr über Fotografie zu lernen, neue Software und Geräte auszuprobieren, Menschen zu treffen. Und dann sagt Phoon den interessanten Satz: "Das muss man einmal machen."

Einmal eine Pilgerreise ins Mac-Mekka - das gehört irgendwie zum Apple-Kult.

Mac-Jünger aus Belgien und Kanada

Die meisten Mac-Nutzer, die sich wie Phoon zwei Tage vor Messebeginn übers Internet spontan zum Spaziergang durch San Francisco zusammengefunden haben, sind eher aus Vergnügen denn geschäftlich hier. Zum Beispiel Philippe Simons, 39, aus Belgien, der sich die "Macworld selbst zum 40. Geburtstag geschenkt" hat. Oder Rechtsanwaltsgehilfin Lizzie, die ihr Macbook Pro "Steven" nennt - nach dem einen (Jobs?) oder anderen (Wozniak?) Apple-Mitgründer, welchem, das verrät sie nicht.

Es nicht so einfach zu verstehen, warum Menschen Hunderte oder gar Tausende Kilometer fliegen, um Produktpräsentationen beizuwohnen, die es auch als Webvideo zu sehen gibt. Um Menschen zu treffen, mit denen man zunächst einmal nur die Computermarke gemeinsam hat.

Dieser Gemeinschaftsdrang ist der interessanteste Teil des Apple-Mythos. Denn die Kultur der Messen und Nutzertreffen ist ohne Steuerung durch den Konzern entstanden.

Das Gegenkultur-Image hat sich Apple einst selbst mit Werbekampagnen verpasst - doch die Anwendergruppen und das dort entstandene Gemeinschaftsgefühl hat das Unternehmen nie geplant.

Mac-Gemeinschaft entstand ohne Apple

Die Geschichte der Mac-Gemeinschaften zeichnet der Dokumentarfilm "Macheads" nach, der auf der Macworld Expo am Donnerstag Premiere feiert. Regisseur Kobi Shely zieht aus seinen Recherchen diesen Schluss: "Die Mac-Gemeinschaft basierte lange vor allem auf persönlichen Treffen wie den Treffen der Mac-Anwendergruppen. Diese kleinen Gemeinschaften verbreiteten die Leidenschaft für die Marke und schufen den Apple-Mythos. Die Macworld-Messen waren der Treffpunkt dieser Gruppen."

In "Macheads" sieht man in Originalaufnahmen von 1986, wie die Gründer der Berkeley Macintosh User Group (BMUG) in der US-Fernsehsendung "Computer Chronicles" über ihre Gruppe erzählen: "Wir helfen uns gegenseitig, besser mit unseren Computern zu arbeiten." Donnerstags trafen sich die Mitglieder in Berkeley zu einer Frage-und-Antwort-Runde, inklusive Softwarepräsentationen und anschließendem Essen. Das war damals nötig, sagt Ratgeberautorin Irene M. Hoffman in "Macheads": "Computer waren damals etwas Mysteriöses. Die Leute mussten lernen, wie man sie benutzt. Die Mac-Anwender machten mehr daraus: Sie redeten nicht nur über Computer."

Zu ihren besten Zeiten veröffentlichte die BMUG Bücher, Shareware-Sammlungen und einen Newsletter für jene ihrer 13.000 Mitglieder, die außerhalb Berkeleys lebten. Sie betrieb sogar eine Mailbox in Tokio.

Es war eine symbiotische Beziehung: Die Marke Apple brachte und hielt die Gruppen zusammen. Die Gruppen und Treffen wiederum gaben der Marke Apple einen Gemeinschafts-Touch.

Veteranentreffen der Computer-Generation

Das allerdings war, bevor das Internet Allerweltsmedium und Computerkenntnis Allgemeinbildung wurde. Im Jahr 2000 meldete die BMUG Konkurs an.

Heute finden junge Apple-Besitzer Antworten auf ihre Fragen im Web. Nutzertreffen spielen für sie kaum eine Rolle - im Gegenteil wirken sie wie Veteranentagungen, so hip, so jugendlich ist die Marke Apple geworden.

In "Macheads" illustriert eine Szene diesen Wandel sehr eindrucksvoll. Gefilmt hat Kobi Shely sie während der Macworld Expo 2007 beim "Netter's Diner", einem gemeinsamen Abendessen von Mac-Anwendern, das seit 1985 stattfindet. Ein Dutzend Tische steht im Raum, ältere Damen und Herren sitzen da, die meisten jenseits der 50. Einer fragt in die Runde: "Seit wann benutzt ihr Macs?" 2007? 2006? Niemand hebt die Hand. 1988? 1987? Niemand. 1984? Fast alle heben ihre Hand. In dem Jahr kam der erste Macintosh-Rechner auf den Markt.

Brennweiten und Babys

Was von dem einst mit der Marke Apple verwobenen Gemeinschafts- und Gegenkulturgefühl geblieben ist, merkt man heute höchstens noch bei selbstorganisierten Anwendertreffen wie dem San-Francisco-Rundgang. Da laufen Grafiker, Designer, Rechtsanwaltsgehilfinnen und Programmierer zwischen 20 und 60 durch die Stadt, haben nur den Mac daheim (und das iPhone in der Tasche vielleicht) gemeinsam, verstehen sich aber doch sehr schnell recht gut.

Programmierer Phoon erzählt von seinen beiden Kindern, die jüngste Tochter ist gerade sieben Monate. Er freut sich, während der Macworld richtig ausschlafen zu können. Wobei Kinder toll seien, zu Weihnachten hat er sich eine Spiegelreflexkamera geschenkt, mit der man auch filmen kann. Und bald diskutieren ein paar einander bis vor kurzem völlig fremde Menschen von verschiedenen Kontinenten über Brennweiten und Babys.

Was, wenn Apple sich im kommenden Jahr wie angekündigt von der Macworld zurückzieht? Für spontane Treffen fehlt dann vielleicht der äußere Anlass. Es könnte das Ende für die Reste der Mac-Gemeinschaft sein.

"Das Web hat die Gemeinschaft verändert", hat "Macheads"-Regisseur Shely dem Fachdienst Cnet gesagt. "Die junge Generation braucht keine Anwendergruppen, Antworten auf Fragen gibt es online. Aber sie hatten immerhin noch die Macworld. Ohne diesen persönlichen Kontakt wird es das Mac-Fantum schwer haben."

Vielleicht wird aus dem Fanobjekt langsam ein normales Produkt.

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Apple-Fans auf Tour: Sightseeing im Zeichen des Apfels


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