Mail-Attacke Rechte Propaganda per Spam-Netzwerk

Zigtausende Spam-Mails aus der rechten Ecke werden seit gestern früh über das Web verteilt. Ihr Inhalt: Türkenhetze, ausländerfeindliche Kommentare, Links zu NPD- und anderen Webseiten. Alles deutet darauf hin, dass es Rechten erstmals gelungen ist, ein "Bot-Net" aus gekaperten Rechnern aufzubauen.

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Eine der "beworbenen" Webseiten: Bisher massivste Propagandaaktion mit Spam-Methoden

Eine der "beworbenen" Webseiten: Bisher massivste Propagandaaktion mit Spam-Methoden

Es begann irgendwann kurz nach 2 Uhr, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag: Eine Flut von E-Mails begann, die elektronischen Postwege zu verstopfen. Das ist nicht neu, denn die Spam-Lawine rollt bekanntlich heftig: Weltweit bewegt sich die Quote des unerwünschten Werbemülls am Gesamt-Mailaufkommen zwischen 60 und 80 Prozent.

Doch diese Welle ist anders. Die Nachrichten haben nichts zu verkaufen, als eine Weltanschauung: "Auslaendergewalt: Herr Rau, wo waren Sie?" heißen sie, "Was Deutschland braucht, sind deutsche Kinder!", "Die Deform der sozialen Ordnung" oder "Paradies Bundesrepublik - Rente fuer die Welt".

Die Inhalte ahnt man: Neben zahlreichen Geschichten, die die angebliche Bösartigkeit von Ausländern untermauern sollen ("Asylant quälte Tiere brutal zu Tode", "Deutsches Mädchen fast vergewaltigt") wird kräftig auf alles eingedroschen, was irgendwie "links" zu sein scheint: Von der Gesundheits- bis zur Rentenreform. Als angebliche Absender der Nachrichten fungieren zahlreiche Privatpersonen, aber auch große Firmen und Medienunternehmen, darunter der Heise-Verlag, die Deutsche Welle, DER SPIEGEL und manager magazin.

Das ist natürlich Unsinn. Die politische Spam-Welle mit dem deutlichen Rechtsdrall ist eine offenkundig professionell organisierte Spam-Versendeaktion mit "geliehenen" Absenderadressen, die die wahren Urheber verbergen sollen. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit beruht die politische Spam-Welle auf einem so genannten Bot-Net - und das ist wirklich neu.

Erstmals "spammen" Rechte damit systematisch, um ihre Propaganda unters "Volk" zu bringen. Neben zahlreichen ausländerfeindlichen Kommentaren und als "Berichte" kaschierter Ausländerhetze enthalten die Botschaften zahlreiche Links. Diese führen zu NPD-Seiten, zu Artikeln der stramm rechts verorteten "Jungen Freiheit", zu den Webseiten diverser "Initiativen" gegen Moscheenbau und ähnlichem.

Die meisten der Hetzartikel in den E-Mails sind diesen Seiten entnommen: Das Copyright halten also Urheber wie regionale Strukturen der NPD bis hin zur "Freien Jugend Organisation" in Bremerhaven. Das heißt noch nicht, dass sie auch an der Planung, Finanzierung oder Durchführung der Spam-Aktion beteiligt waren. Wer auch immer dahinter steht, outet sich nicht als Urheber: Ihm reicht es, die "rechten" Inhalte möglichst massiv zu verbreiten.

Rechts "trommelt" professionell

Massenmails aus dem rechten bis rechtsextremen Umfeld gab es immer. Zahlreiche Newsletter "informieren" ihre oft unfreiwillige Leserschaft regelmäßig über Neuigkeiten aus Germanien. So etwas ist leicht auszufiltern: Zwar ändern die Newsletter-Versender ab und zu ihre Adresse, aber letztlich braucht es nur ein paar Klicks, um sie wieder für Wochen direkt in den Spam-Filter laufen zu lassen.

Die derzeitige Aussendungswelle ist anders. Eine Analyse der Mails zeigt, dass diese von verschiedenen Accounts ausgehen. Weit über 80 Prozent der beim SPIEGEL eingelaufenen rechten Spams liefen über einen Server an der Uni Rostock. Eine Nachfrage in der dortigen Netzwerkverwaltung ergab, dass die identifizierte IP-Nummer des Versenders zum Mail-Account eines dortigen Studenten gehört. Andere Mails kamen aus dem Netz von T-Online, von Einwahlverbindungen in verschiedensten Städten. Mindestens eine Spam-Mail nahm ihren Ursprung in Paris, eine in Tschechien, eine in Australien.

Mit höchster Wahrscheinlichkeit wurden all diese Rechner "gekapert". In den letzten Monaten hatte es Indizien dafür gegeben, dass Virenschreiber mit Spammern kooperierten und immer mehr Spammer Virenmethoden anwenden, um einerseits Adressverteiler zu gewinnen und andererseits Verteilernetze "aufzubauen". Dabei nutzen Spammer die Möglichkeit, per Viren, Würmern oder Trojanern eigene Mailserver auf befallenen Rechnern aufzubauen, über die sich dann auf Befehl Massenmails verbreiten lassen.

Die Suche nach dem Verteilmechanismus

Die wahren Urheber zu finden dürfte schwierig werden. "Nur sehr geringe Chancen" sieht man dafür beim IT-Sicherheitsunternehmen Sophos. Der Rechner des Studenten in Rostock allerdings könnte wertvolle Hinweise enthalten, wie das Spam-Verteilernetz aufgebaut wurde.

"Wir bekommen immer mehr Hinweise darauf", sagt ein Sprecher von Sophos, "dass Spammer und Virenschreiber kooperieren, beziehungsweise Spamverteiler von Virenschreibern aufgebaut werden." Die Urheber zu finden, sei dann weit schwerer als bei "herkömmlichen Spams".

"Gerade die Spams, die über Rechner verteilt werden, die über Einwahlverbindungen mit dem Internet verbunden sind, sind kaum auf ihren Ursprung zurückzuführen", heißt es bei Sophos. Kein Wunder: Einwahlverbindungen weisen dem mit dem Internet verbundenen Rechner jedes Mal eine andere IP-Adresse zu.

Anders der Rechner in Rostock. "Den haben wir nach Ihrer Anfrage vom Netz genommen", erklärt Ria Bütow, Netzwerkadministratorin an der Uni Rostock. Nun wird sie versuchen, in Verbindung mit dem IT-Sicherheitsdienstleister der Uni dem Verteilmechanismus auf die Spur zu kommen.

Bis dahin rollt die rechte Propagandawelle - und wohl kaum zufällig. Das Herumreiten auf Überfremdungsängsten deutet darauf hin, dass hier gezielt Stimmung mit Blick auf die Europawahl am Sonntag gemacht werden soll.

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