Mangelnder Datenschutz Neuseeländischer Sender blamiert US-Armee

Von so etwas träumt jeder Journalist: Der neuseeländische Nachrichtensender One News verfügt über eine 60-seitige Datei mit Namen und Kontaktdaten zu US-Soldaten, Details über Ausrüstungen und andere geheime Informationen. Gekauft wurde die brisante Datei in einem Secondhand-Shop.


Wellington - Was macht man, wenn man sich in einem Secondhand-Shop einen MP3-Player kauft und bald darauf begreift, dass man hoch brisante militärische Geheimnisse mit sich herumträgt? Der 29-jährige Chris Ogle aus dem neuseeländischen Whangerei übergab das Ding einem TV-Sender, den er kennt und dem er vertraut - One News ist der Nachrichtenkanal des staatlichen Fernsehens Television New Zealand.

Ein US-Soldat am Armee-Computer: Besser keine Daten auf mobilen Datenträgern ablegen. Sie könnten in Secondhand-Shops auftauchen
DPA

Ein US-Soldat am Armee-Computer: Besser keine Daten auf mobilen Datenträgern ablegen. Sie könnten in Secondhand-Shops auftauchen

Gekauft hatte Ogle den kleinen Apparat allerdings in einem Laden in Oklahoma. Schlappe neun Dollar (ca. 7 Euro) kostete das Sonderangebot, das sich schnell als eher sonderbares Angebot herausstellte: Zu keinem Zeitpunkt, sagt Ogle, habe das Gerät als MP3-Player funktioniert. Dafür fand er darauf eine rund 60-seitige Datei, die es wahrlich in sich hatte: "Je länger ich mir die Datei angeschaut habe, umso klarer wurde mir, dass ich sie wohl nicht hätte sehen dürfen."

Da liegt er wohl richtig, wie Recherchen des neuseeländischen Fernsehens zeigten: Das Dokument enthält demnach als geheim einzustufende Informationen über die Lieferung von Armee-Ausrüstung an verschiedene Stützpunkte, vor allem aber Namenslisten von Soldaten, die im Irak und in Afghanistan dienten. Inklusive Kontaktdaten wie Handynummern von Soldaten im Auslandseinsatz und Sozialversicherungsnummern versteht sich. In einigen Fällen, hatten die Rechercheure zu erzählen, könnten sie Bericht erstatten über zum Zeitpunkt der Dateiabspeicherung aktuelle Schwangerschaften.

Keine Reaktion

Zwar wäre der damals im fötalen Entwicklungsstadium erfasste Armee-Nachwuchs inzwischen geboren, denn die Daten auf dem MP3-Player stammten aus dem Jahr 2005. Die Kontaktdaten der betroffenen Soldaten aber waren zu einem guten Teil noch aktuell, wie der Sender One News durch einige stichprobenhafte Anrufe schnell telefonisch klären konnte.

Die US-Armee ist sich über das Gefahrenpotential durch portable Datenträger durchaus im Klaren: Im letzten Jahr verbot das US-Verteidigungsministerium den Gebrauch von USB-Sticks, Speicherkarten und MP3-Playern an dienstlichen Rechnern. Ob der als Gebrauchtware in den Verkauf gekommene MP3-Player deshalb nicht mehr gebraucht wurde, von wem und unter welchen Umständen er verkauft wurde, ist ungeklärt.

Auf eine Stellungnahme der US-Armee oder der amerikanischen Botschaft in Neuseeland wartete News One bisher vergeblich. Chris Ogle hat angeboten, den MP3-Player auf Wunsch an das US-Verteidigungsministerium zu übergeben. Wie gesagt: er funktioniert nicht.

pat/AFP



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