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Massenangriff der Virenmafia: Nepper, Schlepper, Computer-Fänger

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Eine mächtige Virenwelle peitscht durchs Netz. Die Schad-Software ist perfider denn je, sie kann jeden erwischen. Betrüger kassieren mit falschen Software-Updates ab, kapern Rechner, verlangen Lösegeld für persönliche Daten - und die Betriebssysteme versagen beim Nutzer-Schutz komplett.

"Ganz schnell ging das", sagt Erika.

Erika ist Anfang 50 und das, was Zyniker unter den IT-Cracks einen "User" nennen - mit deutlich abfälligem Unterton, versteht sich. Soll heißen: Sie nutzt ihren Rechner, ohne ihn zu verstehen. E-Mail, Internet, Bürosoftware - Erika kennt ihre Programme und weiß damit umzugehen. Nur Ungewöhnliches darf nicht passieren.

Stress pur: Wenn der Rechner wieder einmal das digitale Nirvana erreicht, entstehen auch echte Schäden
DPA

Stress pur: Wenn der Rechner wieder einmal das digitale Nirvana erreicht, entstehen auch echte Schäden

Doch es ist passiert. Und das klingt dann so: "Da kam so ein Fenster von der Viren-Software wegen einem Update. Da hab ich Ja geklickt, dann kamen ganz viele Fenster, dann kam ein Scan, und jetzt geht gar nichts mehr."

Das stimmt: Es geht wirklich nichts mehr.

Der angebliche Scan endete mit einem Bluescreen, dem gefürchteten blauen Bildschirm mit einer Systemfehlermeldung. Erikas Windows ist quasi tot - obwohl der Bluescreen in Wahrheit nichts anderes ist als ein großgezogenes Popup-Fenster, das sich über alle anderen Programme gelegt hat. Irgendwo darunter werkelt ein ganzes Rudel Schädlinge, verseucht die System-Registry, nistet sich in den Boot-Bereichen der Festplatte ein, versendet wie wild E-Mails und weiß der Fuchs was noch.

Als der Bluescreen nach Einsatz von vier verschiedenen frischen Virentools endlich verschwindet, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Gleich zwei der Schadprogramme geben vor, selbst Virenscanner zu sein. Sie verlangen nach Geld für ein Update, um die Platte wieder zu putzen. Einer ruft stoisch in festem Takt immer wieder neue Werbefenster auf, die meisten verweisen in deutscher Sprache auf obskure Software und Produkte. Ich bin kein Anfänger, brauche aber Stunden, bis ich auch nur Land sehe.

Denn selbst Grundfunktionen des Betriebssystems funktionieren nicht mehr. Steuerung-Alt-Entfernen, um den Taskmanager aufzurufen, um ungewünschte Prozesse zu beenden? Kann man vergessen: Dazu sei ich "nicht autorisiert", meldet der Rechner.

Im Klartext: Da hat längst jemand anderes die Hosen an. Selbst Standard-Tastaturbefehle funktionieren nicht mehr richtig. Der Rechner ist "owned", er wird von jemand anderem kontrolliert.

Jede Schad-Software-Attacke ist ein Einbruch

Der sitzt irgendwo zwischen Karlsruhe und Kasachstan und lacht sich eins. Nicht über Erika, ihren Rechner oder mich. Einfach nur über den steten Zuwachs im von ihm kontrollierten "Botnetz", das in diesem Augenblick Zehntausende PCs umfassen mag.

Im zynischen Jargon der Szene heißen die gekidnappten Nutzer "Herde", als handele es sich um Schafe. Die Kontrolleure der Botnetze nennen sich selbst "Herder" - zu deutsch Hirte, aber auch Treiber, was passender scheint. Sie treiben die gekaperten Rechner dazu, kriminelle Dinge zu tun, oft ohne dass der PC-Besitzer das bemerkt: Spam-Mail-Versand, Attacken auf Websites, versuchte Börsenkursmanipulationen, Geldwäsche und mehr.

Nach mehreren Stunden Arbeit, Einsatz von Linux-Rettungs-CDs, Übernacht-Scans und was man sonst noch so treibt, wenn es hart auf hart kommt, steht die Bilanz fest: Erika hatte sich durch einen einzigen Klick innerhalb weniger Minuten elf kräftige Schadprogramme gefangen, von denen zwei immer noch ohne Gegenmittel sind, rund zwei Wochen nach ihrem ersten Auftauchen.

Quasi ohne Eigenverschulden hat sie es geschafft, sich alles zu fangen, was gerade Trend ist im Land der Viren.

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Forum - Cyber-Kriminelle - machen wir uns selbst zur Beute?
insgesamt 165 Beiträge
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1.
das_schwampel 28.10.2008
Zitat von sysopWas Schadsoftware-Programmierer täglich ins Netz entlassen, ist fraglos kriminell. Andererseits versagt auch die Industrie, die "undichte" Rechner auf den Markt wirft. Brauchen wir einfache, "dichte" Rechner für einfache Nutzer?
Schadsoftware ist mir egal. Auf meinen Mac hatte ich noch nie ein Virenprogramm laufen, keine AntiSpy Ware oder so einen Krams. Es wird zwar immer in monatlichen Rythmen verlautbart, dass es nun einen Mac Virus gibt, aber das wird häufig von Firmen wie Symantec lanciert, die ihre Virensoftware verkaufen wollen. Von daher kann ich mir auch vorstellen, wo der hase eigentlich lang läuft. Ich möchte nicht wissen, wie viel Schadsoftware aus dieser Ecke kommt, um due Nutzer zu verunsichern und sie zum Kauf einer teuren Software bewegen. Kostenpflichtige Updates inbegriffen. Von daher glaube ich nicht, dass die Industrie versagt, sondern damit sehr gut lebt.
2.
eine_oma 28.10.2008
Zitat von das_schwampelSchadsoftware ist mir egal. Auf meinen Mac hatte ich noch nie ein Virenprogramm laufen, keine AntiSpy Ware oder so einen Krams. Es wird zwar immer in monatlichen Rythmen verlautbart, dass es nun einen Mac Virus gibt, aber das wird häufig von Firmen wie Symantec lanciert, die ihre Virensoftware verkaufen wollen. Von daher kann ich mir auch vorstellen, wo der hase eigentlich lang läuft. Ich möchte nicht wissen, wie viel Schadsoftware aus dieser Ecke kommt, um due Nutzer zu verunsichern und sie zum Kauf einer teuren Software bewegen. Kostenpflichtige Updates inbegriffen. Von daher glaube ich nicht, dass die Industrie versagt, sondern damit sehr gut lebt.
Dann wäre es eine gute Tat von Ihnen, hier Ihre E-Mail-Adresse bekannt zu geben, damit man eventuelle Mails von Ihnen gleich ungelesen löschen kann. Wer weiß, auf was für einer "Dreckschleuder" Sie möglicherweise tippen und die Welt verseuchen? Schon den *month of the Apple bugs* (http://projects.info-pull.com/moab/) vergessen? :-)
3.
Ahnungslos, 28.10.2008
Zitat von sysopWas Schadsoftware-Programmierer täglich ins Netz entlassen, ist fraglos kriminell. Andererseits versagt auch die Industrie, die "undichte" Rechner auf den Markt wirft. Brauchen wir einfache, "dichte" Rechner für einfache Nutzer?
Ist nicht machbar. Klar kann man die "undurchdringliche" Sicherheit schaffen, aber dann könnte man auch nicht sinnvoll damit arbeiten, weil man zu grossen Teilen nur noch damit beschäftigt wäre, die Sicherheitsmaßnahmen zu befriedigen. Und einige Dinge, die wir als normale Funktion erachten, die wir nicht missen wollen, müssten gänzlich unmöglich gemacht werden, weil ein Fehler des Nutzers wieder eine Lücke verursachen könnte (dies ist ja die Ursache Nr.1 für Sicherheitsprobleme).
4.
evolut 28.10.2008
Zitat von das_schwampelSchadsoftware ist mir egal. Auf meinen Mac hatte ich noch nie ein Virenprogramm laufen, keine AntiSpy Ware oder so einen Krams. Es wird zwar immer in monatlichen Rythmen verlautbart, dass es nun einen Mac Virus gibt, aber das wird häufig von Firmen wie Symantec lanciert, die ihre Virensoftware verkaufen wollen. Von daher kann ich mir auch vorstellen, wo der hase eigentlich lang läuft. Ich möchte nicht wissen, wie viel Schadsoftware aus dieser Ecke kommt, um due Nutzer zu verunsichern und sie zum Kauf einer teuren Software bewegen. Kostenpflichtige Updates inbegriffen. Von daher glaube ich nicht, dass die Industrie versagt, sondern damit sehr gut lebt.
Was nicht sein darf, kann nicht sein? Das dachte man von BSE auch.
5.
das_schwampel 28.10.2008
Zitat von eine_omaDann wäre es eine gute Tat von Ihnen, hier Ihre E-Mail-Adresse bekannt zu geben, damit man eventuelle Mails von Ihnen gleich ungelesen löschen kann. Wer weiß, auf was für einer "Dreckschleuder" Sie möglicherweise tippen und die Welt verseuchen? Schon den *month of the Apple bugs* (http://projects.info-pull.com/moab/) vergessen? :-)
Keine Angst - passiert nichts.
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