Medienwandel Warum E-Reader das Buch nicht verdrängen werden

Schreckgespenst Digitalisierung: Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse geht in der Branche die Angst vor elektronischen Lesegeräten um. Werden E-Reader das Papier verdrängen wie MP3s die LP? Die Sorge ist unbegründet - zwischen Büchern und Platten gibt es einen entscheidenden Unterschied.

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Hamburg - Liest man die vielen Artikel, die zur Frankfurter Buchmesse 2008 erschienen sind, scheint eines fast gewiss: Das Buch, das gute alte Bündel Papier mit Buchstaben und Einband, ist ein Auslaufmodell. Es wird darüber gesprochen und geschrieben wie über einen lieben alten Verwandten, der eine schmerzlose, aber unheilbare Krankheit hat - man wünscht ihm ein möglichst langes Restleben, auf mehr aber hofft man nicht. Die Familie ist traurig, aber gefasst.

Buch am Strand: Unempfindlich gegen Sand, Meerwasser und Eiscreme
DDP

Buch am Strand: Unempfindlich gegen Sand, Meerwasser und Eiscreme

"Gefasst" - dieser Ausdruck trifft sie aktuelle Situation recht genau, denn die Branche hat im vergangenen Jahr 3,4 Prozent mehr Umsatz gemacht und auch im krisengebeutelten 2008 noch mal 1,4 Prozent mehr - bis September, also noch ohne Weihnachtsgeschäft.

Aber: "Den sich abzeichnenden Boom des E-Books, Gesprächsthema Nummer eins der Messe, beobachten die Buchhändler mit Sorge, die Verleger immerhin mit gemischten Gefühlen." So steht es in der über jeden Panikmache-Verdacht erhabenen "Neuen Zürcher Zeitung". Die vermeintliche Bedrohung der guten alten Bücherwelt durch die Digitalisierung beherrscht die Berichterstattung über die Buchmesse - der Leitartikel der "Süddeutschen Zeitung" vom Mittwoch ist überschrieben mit "Leser und Lesegeräte", darunter ist von "Entstofflichung" die Rede. Der Literaturagent Michael Gaeb sagte dem KulturSPIEGEL, das E-Book werde "das gedruckte Buch zwar nicht abschaffen, aber in vielen Teilen ersetzen".

Buchmesse-Direktor Juergen Boos wies bei der Eröffnung der Mammut-Veranstaltung am Mittwoch in Frankfurt am Main eigens darauf hin, dass "30 Prozent der auf der Messe ausgestellten Produkte" bereits jetzt "digital" seien. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, an den Messeständen stünden nun betongraue Ladestationen herum, in die man nur noch ein Lesegerät einzustöpseln braucht, um sich das aktuelle Verlagsprogramm herunterzuladen.

Doch die digitalen Produkte, von denen Boos da sprach, sind mehrheitlich Silberscheiben: CDs mit Vorgelesenem, CDs mit Wörterbüchern, DVDs mit dem Film zum Buch. Allein 2007 wurden in Deutschland 200 Millionen Euro mit Hörbüchern umgesetzt.

Vermutlich sind auf der Messe auch ein paar elektronische Wörterbücher zu finden und Lernsoftware für Kinder. Textdateien dagegen dürften auch 2008 einen verschwindend geringen Teil des Angebots ausmachen. Die machen sich ja auch so schlecht im Regal. Außerdem gibt es noch kaum Lesegeräte dafür - die bislang erhältlichen stammen von Nischenanbietern und sind zudem teuer. Wann Amazons E-Buch namens Kindle in Europa auf den Markt kommt, ist nach wie vor unbekannt, Sonys Lesegerät PRS-505 soll erst Anfang 2009 in den Läden liegen. Trotzdem: Die Angst vor dem Reader geht um.

"Wenn er aber kommt?", scheint derzeit, wie im alten Kinderspiel vom "Schwarzen Mann", das Mantra der Verlage und vor allem der verängstigten Buchhändler zu sein. Begründet wird die Sorge stets nach dem gleichen Muster: Auch in der Musik- und Filmbranche habe der Umbruch von analogen zu digitalen Darreichungsformen katastrophale Auswirkungen gehabt. Der Wandel werde die Buchbranche nun verzögert, aber mit ähnlicher Wucht treffen.

Seine Bibliothek kann man nicht digitalisieren

Genau das aber wird nicht passieren.

Die Menschen werden nicht vor Elektronikmärkten Schlange stehen, um sich für Hunderte von Euro digitale Buch-Anzeiger zu kaufen. Folglich werden sie auch nicht anfangen, in Scharen illegale Digitalkopien von Büchern aus dem Netz herunterzuladen - dieses Schicksal droht höchstens den Hörverlagen. Doch selbst der Umsatz mit Hörbuch-Downloads ist im ersten Halbjahr 2008 um zwölf Prozent gestiegen.

Es gibt ein paar entscheidende Unterschiede zwischen Büchern und Platten, die viele Beobachter aus lauter Angst vor dem Wandel aus dem Blick verloren zu haben scheinen. Der wichtigste ist: Bücher kamen bislang ganz gut ohne Abspielgeräte aus. Im Gegensatz zu Musik und Filmen: Seit diese als Konsumgüter für den Hausgebrauch existieren, sind Menschen auch bereit gewesen, für die entsprechenden Maschinen zu bezahlen. Seit Grammophon und Dampfradio ist anerkannt: Wer zu Hause Musik hören will, muss entweder selbst singen oder Geld für Unterhaltungselektronik ausgeben.

Für MP3-Player gilt dasselbe Prinzip: Mit dem Walkman wurde schon Ende der Siebziger das Konzept eines tragbaren, statussymboltauglichen Musikspielers eingeführt. Dann kam der iPod und bot sogar die Möglichkeit, auf ziemlich einfache Weise sämtliche Musiktitel mitzunehmen, die man bereits gekauft und bezahlt hatte - indem man seine CDs in den Rechner schob und Dateien daraus machte. Digitale Zweitverwertung.

Die wahre Bedrohung für das Buch sind Handys

E-Reader haben den Vorteil einer historisch gewachsenen Gewohnheit nicht. Und man kann auch nicht seine Büchersammlung digitalisieren und dann endlich all die Titel in den Urlaub mitnehmen, die man schon immer mal lesen wollte. Was schade ist, denn das wäre wirklich mal ein Mehrwert.

E-Reader sind für den potentiellen Kunden vor allem eins: eine Investition. Teure Geräte, die eine Funktion erfüllen, ohne die man bislang gut leben konnte. Gefährlich wird es fürs gedruckte Buch erst dann, wenn aus Handys oder Mini-Notebooks wirklich tragbare Multi-Medien-Spieler geworden sind, faltbar, mit wochenlanger Akkulaufzeit und überragenden Displays. Wenn Bücherlesen ein Abfallprodukt wird, bequemer Bonusnutzen eines Gerätes, das man ohnehin besitzt. Erst dann werden auch Raubkopien, Abo-Modelle und Buch-Flatrates ernsthaft diskutiert werden müssen.

Der Nutzen von Kindle und Co. besteht derzeit vor allem darin, dass sie Platz sparen - mit entsprechender Speicherkarte aufgebohrt kann so ein notizblockkleines Gerät ganze Bibliotheken reisefertig machen. Aber wer braucht das? Wer würde dafür zahlen? Zumal auch E-Bücher der Buchpreisbindung unterliegen werden.

Nur echte Bücher überstehen Sand, Meerwasser und Eiscreme

Nur Vielleser - und zwar solche, die viel unterwegs sind. Fahrende Literaturkritiker vielleicht. Mobile Lektoren. Aber ob gerade die aufs Papier verzichten wollen? Studenten unter Umständen - für die Lesegeräte wiederum den Nachteil haben, dass man in elektronischen Büchern weder Passagen anstreichen noch Seiten mit Klebezettelchen markieren kann. Für alle anderen lohnt sich so ein Ding höchstens für den Urlaub - aber am Strand sind E-Reader auch wieder fehl am Platz, während Bücher Sand, Meerwasser und Eiscreme klaglos aushalten. Und selten geklaut werden.

Das Buch hat noch ein langes Leben vor sich. Nicht nur, wie in diesen Tagen vielerorts zu lesen ist, weil Papier so schön raschelt, nicht wegen Goldschnitt, Ledereinbänden, charmanten Buchhändlerinnen und haptischen Qualitäten. Sondern weil es keinen Strom braucht, nicht kaputtgeht, wenig kostet, einfach zu bedienen ist - und ohne Hilfsmittel perfekt funktioniert.



Forum - Stirbt das Buch?
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Seite 1
mime 15.10.2008
1.
Zitat von sysopWird die Digitalisierung die Literaturbranche im gleichen Maße treffen, wie es Musik- und Filmindustrie erleben mussten? Oder spielt der Buchmarkt nach anderen Regeln?
Da wird sich viel bewegen, ein schicker Reader in Buchform ersetzt das gedruckte Exemplar sogar vorzüglich. Und die Filmindustrie verdient doch momentan mehr denn je :) Also wird sich auch der Büchermarkt neu ausrichten und wohl noch mehr verdienen :) Und auch hier hat der "kleine" Künstler Vorteile zu erwarten und kann sich im Bestfall durch Eigendistribution selbst auf die Reader dieser Welt schaufeln, wie bei Film und Musik. Auch diese Branche hat weniger Starrheit nötig. Ich freue mich drauf!
das_schwampel 15.10.2008
2.
Da bin ich mir nicht sicher. Abends auf dem Sofa oder im Bett lese ich lieber von Papier. Ich arbeite eh schon den ganzen Tag am Monitor.
das_schwampel 15.10.2008
3.
Wenn das Buch stirbt, macht IKEA pleite, weil niemand mehr den ollen Billy kauft ;)
mime 15.10.2008
4.
Zitat von das_schwampelDa bin ich mir nicht sicher. Abends auf dem Sofa oder im Bett lese ich lieber von Papier. Ich arbeite eh schon den ganzen Tag am Monitor.
Da hast Du aber noch nie einen eBook-Reader in der Hand gehabt. Das ist kein Screen im eigentlichen Sinn, wirkt wie schwarze Tinte auf weißem Papier und führt zu keinerlei Augenbeeinträchtigungen. Der Unterschied zwischen Buchseite und z.B. dem Kindle ist kaum vorhanden. Bitte mal testen, und mit einem Ledereinband wie z.B. beim Sony Reader ist die Haptik genau wie die eines Buches. Also keinerlei Vergleich zum Rechnermonitor...
das_schwampel 15.10.2008
5.
Zitat von mimeDa hast Du aber noch nie einen eBook-Reader in der Hand gehabt. Das ist kein Screen im eigentlichen Sinn, wirkt wie schwarze Tinte auf weißem Papier und führt zu keinerlei Augenbeeinträchtigungen. Der Unterschied zwischen Buchseite und z.B. dem Kindle ist kaum vorhanden. Bitte mal testen, und mit einem Ledereinband wie z.B. beim Sony Reader ist die Haptik genau wie die eines Buches. Also keinerlei Vergleich zum Rechnermonitor...
Okay. Dann werd ich mal testen gehen, hört sich gut an.
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