Mehrfachlinsen: Das unmögliche Foto möglich machen

Adobe-Entwickler Dave Story nervt, dass die aktuelle Kameratechnik nicht mit seinen Träumen Schritt halten kann. Jetzt bastelt der Software-Experte an einer eigenen Optik - in ihr sieht er die Zukunft der digitalen Fotografie.

"Wir haben so viele Algorithmen, die wir nicht verwenden können, weil die Kameratechnik noch nicht so weit ist", erklärt Story vor der am Dienstag nächster Woche in Köln beginnenden Fachmesse Photokina im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Wie in den Anfängen der Fotografie gehe es bei der Kamera nach wie vor letztlich nur darum, Licht durch ein Loch einfallen zu lassen und auf einer Ebene aufzufangen.

Adobes 3D-Objektiv: Eine Linse wie das Auge eines Insekts
AP

Adobes 3D-Objektiv: Eine Linse wie das Auge eines Insekts

Der Adobe-Manager will die Kameralinse so erweitern, dass sie gleichzeitig mehrere Fotos eines Motivs aufnimmt und damit die Informationstiefe einer Aufnahme erweitert. Zusammen mit seinem Team im Hamburger Entwicklungslabor der kalifornischen Software-Firma experimentiert er mit dem Prototyp einer speziellen Kameralinse, die 19 Einzelbilder eines Motivs erfasst, jedes aus einer leicht verschobenen Perspektive - so ähnlich wie ein Insektenauge die Umwelt wahrnimmt. Auf diese Weise entsteht ein besonderes 3D-Foto mit detaillierten Informationen zur Position des Motivs in seiner räumlichen Umgebung.

"Wir wollen das unmögliche Foto möglich machen", sagt Story, der im Adobe-Management den Titel eines Vice President führt. Er demonstriert, wie er mit einem "Fokus-Pinsel" über ein derart erstelltes digitales Bild fährt: Wie mit Zauberhand wird eine zunächst nur unscharf zu erkennende Skulptur in der Tiefe des Raums auf einmal scharf. Auf gleiche Weise wird eine zweite Skulptur, auf die bei der Aufnahme der Fokus plaziert wurde, auf einmal unscharf.

19 Einzelbilder

Bei solchen mit einer Mehrfachlinse aufgenommenen Fotos kann auch die Perspektive leicht verschoben werden. So ist es nachträglich möglich, die Relationen von verschiedenen Motivelementen eines Fotos im nachhinein zu verschieben. Das ist etwa praktisch, wenn auf einem Bild eine Lampe aus dem Kopf einer Person herauswächst, was mit einem Schwenk zur Seite vermieden werden kann.

19 Einzelbilder sind für Story nur der Anfang - Story stellt sich vor, dass einmal jeder Pixel eines Fotos mit 3D-Informationen versehen wird. Solche Mehrfachlinsen könnten dann in einem 3D-Objektiv eingesetzt werden, das man einfach an eine digitale Spiegelreflexkamera ansetzt.

Viele Megapixel für viele Bilder

Mit Kameraherstellern hat Story bereits über die Entwicklung eines solchen Objektivs gesprochen. Er erklärt ihnen, dass dann die immer höhere Megapixel-Leistung des digitalen Sensors endlich sinnvoller genutzt werden könnte als bisher. Denn der Sensor kann gar nicht genug Megapixel-Power haben, wenn er beim Druck auf den Auflöser gleich 19 oder noch mehr kleine Aufnahmen festhält, die dann mit Hilfe von intelligenter Software wieder zu einem Foto zusammengesetzt werden.

"Die Leute wollen ja eigentlich nicht Fotos festhalten, sondern Erinnerungen", sagt der Adobe-Spezialist, der seinen Forschersinn am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) geschult hat. Deswegen will er die Lücke schließen zwischen "Image und Imagination", zwischen dem Foto als Ansammlung von Bildpunkten und der menschlichen Vorstellungskraft.

Der nächste Level der Digitalfotografie

Ein weiterer Ansatz zu diesem Ziel besteht in einer Software, die ein Foto in viele Puzzleteile zerlegt und analysiert. Auf diese Weise soll die Adobe-Bildbearbeitungssoftware Photoshop lernen, die Motivelemente eines Fotos zu erkennen. Story demonstriert dies mit einem Foto, das eine Person in einem Park zeigt. Er zieht einen einfachen Rahmen um die Person und verschiebt sie nach links. Dabei schließt sich der Hintergrund der Parklandschaft dort, wo vorher die abgebildete Person stand. Für eine solche Manipulation sind bislang mehrere zeitaufwendige Arbeitsschritte notwendig.

Dave Story sieht die Zukunft der Fotografie in einem Konzept, das er in Anlehnung an den Visionär Steve Mann als "Computational Photography" bezeichnet. Wenn die Pixel eines Fotos weit mehr Informationen speichern als nur die Rot-, Grün- und Blauwerte eines Bildpunkts, erreicht die digitale Fotografie ein neues Level. Und wann beginnt diese Zukunft? Dave Story erwartet, dass man schon in einigen Jahren erste Ergebnisse sehen wird.

Peter Zschunke/AP

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